Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 319
 

Geschichtliche Entwicklung der Elektrizitätswirtschaft an Kocher und Brenz (Teil 2)

Ein Beitrag von Werner Riedel, 34 Jahre lang Bezirksmeister der UJAG in Oberkochen.

Der Heimatverein Oberkochen hat mit der Überschrift Geschichte - Landschaft - Alltag, der Berichterstattung einen besonderen Stempel aufgedruckt. So möchte auch ich meinen Bericht mit einem Teil II - Landschaft - fortsetzen.

Die Stromversorgungsunternehmen haben sich zum Ziel gesetzt, unser Bewußtsein für das Machbare zu schärfen. Stromerzeugung und Stromverteilung, d.h., der Leitungsbau wird unserer Natur, unserer Landschaft, unserer Umgebung angepaßt. Lassen Sie mich ein paar Beispiele dafür aufzeigen. Die an anderer Stelle genannte Gittermastleitung verlief am Hang des Tiersteingebietes, ursprünglich Wiesen und Ackerland. Der Abbau hat zu dem wunderbar entstandenen Park in der Gutenbach-Aue geführt. Der noch bestehende Rest dieser Leitung wird in Richtung Königsbronn derzeit mit Vogelschutzeinrichtungen nachgerüstet. Damit werden gesetzliche Auflagen erfüllt. Beim Umspannwerk in der »Schwörz« wurden gewaltige Gewässerschutz-Vorsorgemaßnahmen getroffen. Aber auch sämtliche Umspanner im Versorgungsbereich wurden auf PCB-Gehalt überprüft, und sind gegebenenfalls ausgewechselt worden. Die Trassen für die Stromzuführungen zum Stadtteil »Heide«, aber auch zum Volkmarsberg, sind mit den Naturschutzinteressen abgestimmt worden. Kabelverteilerschränke an Straßen und Wegen sind farblich der unmittelbaren Umgebung angepaßt worden. Auch neue Techniken in Umspannstellen und Verteiler haben zu deren Verkleinerung geführt. Die Standortauswahl die Bepflanzung, versucht man so umgebungsfreundlich wie nur möglich zu gestalten. Schon in der Planungsphase versucht man diese Kriterien zu berücksichtigen. Selbst die Straßenbeleuchtungsanlagen werden unter dem Aspekt der guten Lichtausnutzung in Liebe zum Detail und des Umfeldes geplant und ausgeführt. Nehmen wir die negativen Begleiterscheinungen in Kauf! Strom, die lebendige Energie, schafft Leben, bringt uns Licht, Kraft und Wärme. Energie verwenden, niemals verschwenden, ist mehr als nur ein Slogan.

Stromerzeugung, Stromverteilung heißt: Wir Menschen sind wie niemals zuvor miteinander verbunden, ja wir sind im wahrsten Sinne mit Kabel und Draht von Haus zu Haus verknüpft, auch über Stadt-, Kreis- und Ländergrenzen hinweg. Unsere gute alte Scheerer-Mühle, seit 1973 Stromlieferant ins Netz. erzeugt uns beispielsweise so viel Strom, wie die Weihnachtsbeleuchtung in der Heidenheimer- und Aalener Straße benötigt. Ein leuchtendes Beispiel: Wir stehen mit der Natur auf Du und Du.

Den Teil III: Alltag möchte ich mit der Berichterstattung: - Berufsleben auf der Bezirksstelle - fortsetzen.

Gestatten Sie mir dazu ein Vorwort. Die Überlandwerk Jagstkreis Aktiengesellschaft mit ihren Sitz in Ellwangen, ist ein öffentlich-rechtliches Stromversorgungsunternehmen - eine Behörde und Kontrollorgan, ausstaffiert mit einem Monopol? Diese Ausdrucksweise paßt nicht mehr in unsere heutige Denkweise. Wir sind ein modernes und leistungsstarkes Dienstleistungsunternehmen, zwar dazu verpflichtet, Gesetzesauflagen zu erfüllen, aber andererseits unterliegen wir neuerdings dem europäischen Wettbewerb, welcher den gesamten Energiemarkt in Bewegung gebracht hat.

Darum möchte ich auch die Abwicklung des kaufmännischen Bereiches, heute Energieabrechnung genannt, etwas näher betrachten. Da gab es, und es gibt sie auch heute noch teilweise, die Grundpreise mit den dazugehörigen Bedarfsarten, neuerdings Bereitstellungspreis genannt. Diese Erhebungen werden vom Bezirksstellenpersonal vorgenommen. Aus Art und Umfang der elekrischen Anlagen wurde der Verrechnungspreis gebildet. Von dieser Vorgehensweise waren die Stromabnehmer nicht begeistert, mußte doch der Kontrolleur sämtliche Räume in Augenschein nehmen, Anzahl der Lampenauslässe festhalten, beim Gewerbe die Quadratmeter der Raumfläche ermitteln, die Steckdosen zählen, und was auch ganz wichtig war, die Leistungen der Motoren und Geräte erfassen. Diese Tätigkeit erforderte ein großes Vertrauen an den »Auf- bzw. Abnehmebeamten« Dieser war kein Beamter, aber so war eben die Charakterbezeichnung seinerzeit. Irgendwo war doch bei dieser Tätigkeit die Intimsphäre jedes Abnehmers berührt. Das sogenannte Abnehmen betraf den elektrischen Teil der Anlagen. Geprüft wurde, ob die Regeln der Elektrotechnik eingehalten wurden, ob die Ausführung nach VDE erfolgte, und ob die Anlage auch von einem zugelassenen Installateur ausgeführt wurde. Die Konzession für Elektroinstallateure vergibt auch heute noch das Stromversorgungsunternehmen.

Geändert haben sich viele gesetzliche Auflagen. So sind heute die Stromkunden, also die Betreiber der elektrischen Anlagen selbst verantwortlich für den guten Zustand dieser Anlagen. Der Elektro-Installateur stellt auf Verlangen ein Prüfzertifikat aus, und bekundet damit den ordnungsgemäßen Zustand der Installationen.

Unseren früheren Stromgeldeinzieherinnen mochte ich auch ein kleines Kapitel widmen. Sind sie doch auch heute noch ein Ansprechpartner zwischen Kunde und Lieferant, wenngleich auch hier viel Umwälzendes dazwischen liegt. Aus Stromgeldeinzieher wurden Stromableser, heute sind es Ortsbeauftragte in Agenturform.

Erinnern möchte ich an die monatliche Ablesung und an das monatliche Kassieren der Stromrechnungen. Das heißt: Zweimal im Monat ist diese Person ins Haus gekommen. Auch das Auffinden des Hausschüssels war kein Problem, auch in Abwesenheit wurde die Ablesung durchgeführt, - welch ein Vertrauensbeweis - man kannte sich ja. Die nächste Stufe, es war schon eine gewisse Rationalisierung in Gang gekommen, war die Ablesung in Zweimonatszyklen. Das Abbuchungsverfahren über die Banken nahm seinen Lauf. Über die Hollerithmaschinen wurden die Stromrechnungen ausgedruckt, die Laufgeschwindigkeit dieses Rechenzentrums war eine Sensation. Im Zeitalter der EDV wird jährlich nur noch einmal abgelesen, zweimonatliche Teilbeträge werden vom Kundeninformationssystem dem Verbrauch entsprechend ermittelt, und bei der jeweiligen Bank belastet. 96 % der Kunden haben sich diesem System angeschlossen, die Abrechnung erfolgt nur noch jährlich. Sämtliche dazu erforderlichen Daten unterliegen dem Datenschutz, die Einhaltung wird ständig kontrolliert. Ursprünglich gab es in Oberkochen zwei Ablesebezirke, heute sind es fünf dieser Art.

Zum Wesen einer Bezirksstelle zurückkommend, muß gesagt werden: Es sind fest abgegrenzte Versorgungsgebiete eines »EVU« (Energieversorgungsunternehmen) mit ganz unterschiedlichen Strukturen und Größen dieses Bereiches. Der Bezirksmeister mit seinen Bezirksmonteuren verkörpern diese Außenstellen. In Oberkochen sind es insgesamt 4 Personen. Einstmals war der Sitz in Königsbronn, 1952 kam die Verlegung nach Oberkochen. Bis 1967 war Königsbronn noch eine Außenstelle von Oberkochen, auch Betriebsstelle genannt, besetzt mit einem Monteur. Die Mobilität war bescheiden, ein einziger Montagebus stand zur Verfügung. Das Fahrrad und das Motorrad waren die hauptsächlichen Fortbewegungsmittel, egal bei welcher Witterung. Rucksack und Werkzeugtasche gehörten zum Erscheinungsbild. Ab 1972 wurde nach und nach der Fuhrpark erweitert, sämtliche Fahrzeuge mit Sprechfunk ausgerüstet und eingebunden in das EVU-Kommunikationssystem, welches ohne Hinzuziehung der Telekom arbeitet. Für Oberkochen wurde, wegen seiner topographischen Lage, ein Füllsender eingerichtet. All diese Einrichtungen dienten der raschen Verfügbarkeit im Störungsfalle. Der rund um die Uhr organisierte Bereitschaftsdienst gehört zum Berufsbild des Monteurpersonals.

Die Bezirksstelle ist der Verknüpfungspunkt zwischen Bau und Betrieb. Unter Bau versteht man alle Zusammenhänge, die der Netzerweiterung und Verstärkung dienen, zum Beispiel Erstellen der Hausanschlüsse, Schaltungsvorbereitungen bei sämtlichen Arbeiten im gesamten Versorgungsnetz, Notstrom-Aggregateinsätze, Koordination und Abwicklung der verschiedenen Arbeitsabläufe bei Fremdvergaben. Aber auch die Planvorgaben an die im Hause befindliche Bauabteilung nehmen breiten Raum ein. Ein weiteres Arbeitsfeld ist der Betrieb, also die Instandhaltung. Darunter ist das Kontrollieren der Leitungen samt Maste, die Reinigung der Umspannstellen, aber auch die Unterhaltung der Umspannwerke zu verstehen. An anderer Stelle wurde bereits von den Anlageerfassungen berichtet, hinzu gehören natürlich die Zählermontagen in Absprache mit den Installateuren, die Überwachung des Meldewesens ist obligatorisch. Fragen der Energieanwendung in kleinem Umfang müssen hierzu hinzu gezählt werden. Auch der Betrieb der gemeindeeigenen Straßenbeleuchtung unterliegt einer gewissen Beratungspflicht. Zum Zählerwesen gehört natürlich auch deren Ablesung.

Bei den Großkunden, aber auch Sonderkunden genannt, erfolgt die Verbrauchserfassung über Meßfeldeinrichtungen. Im Zeitalter der Elektronik lesen sich neuerdings ganz spezielle Zähler selbst ab. An jedem Monatsende wird über das vorhandene Netz ein Signal gesendet, damit gibt der Zähler seinen eigenen Wert in einen Monatspeicher. Nur noch einmal im Jahr werden mit einem mobilen Handcomputer diese Werte herausgelesen und über die Datenautobahn nach Ellwangen in das Rechenzentrum übertragen. Dieser Vorgang verdeutlicht, welche Entwicklungen auch in der Energieversorgung vonstatten gehen.

Mit meinem Bericht habe ich versucht, den Alltag auf einer Bezirksstelle darzustellen. Sicherlich gibt es noch viele Tätigkeiten, welche hier einzuordnen wären, aber der grundsätzliche Überblick beim Lesen sollte nicht zu sehr verwischt werden.

Fest steht: Das Arbeiten auf einer Bezirksstelle ist eine hochinteressante Tätigkeit. Gefragt sind Flexibilität, Vertrauen beim Kunden, aber auch ständige Weiterbildung, um dem technischen Fortschritt standhalten zu können. Die Anwender von neuen Techniken und Materialien sind Laboranten für die eigene Zukunft.

Werner Riedel

 
 
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