Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 318
 

Geschichtliche Entwicklung der Elektrizitätswirtschaft an Kocher und Brenz (Teil 1)

Ein Beitrag von Werner Riedel, 34 Jahre lang Bezirksmeister der UJAG in Oberkochen.

In keiner Region unseres Landes ist die Entwicklung der Elektrizitätsversorgung so eng an die Industrialisierung gekoppelt, wie gerade in unserem Raum. Wie wir ja alle aus der Geschichtsschreibung wissen, haben das Kocher- und Brenztal immer eine Vorreiter-Rolle gespielt. Die Wasserkraft war die einzige Möglichkeit, dem Menschen eine mechanische Hilfe zu geben. Die jahrhundertealten Standorte der zum Teil noch heute vorhandenen Mühlen in unseren Albtälern belegen dies. Heutzutage sprechen wir ja von der regenerativen Energie, beispielsweise von der Wasserkraft.

Königsbronn hat durch diesen »Energiereichtum« schon immer Heimvorteile gehabt. Der Brenztopf, wenn auch recht unterschiedlich in seiner Schüttung hat zur Gründung der königlichen Hüttenwerke geführt. In diesem Zusammenhang muß auch die Eisenverhüttung am Kocherursprung in Oberkochen genannt werden. Die Kraft des Wasserrades mußte an Ort und Stelle über Mechanismen abgearbeitet werden. Über Jahrhunderte hinweg, bis zur Erfindung der Dampfmaschine gab es sonst keine Antriebe.

Im Dezember 1890 fiel in Königsbronn der Startschuß für die erste elektrische Kraftübertragung in Württemberg. Die Stromerzeugung mittels Turbine und Dynamomaschine war bereits standardisiert, aber die Fortleitung der so gewonnenen Energie über größere Entfernungen hat hier ihren Anfang genommen. Spannend wie ein Roman liest sich dieses Ereignis. Der Chronist schreibt, und das ist auch einmalig für die damalige Zeit: Ruß und Dreck, welche von der mit Steinkohle betriebenen Dampfmaschine stammten, gibt es nicht mehr. An anderer Stelle wird darauf hingewiesen, wie leise der Generator arbeitet und wir ruhig diese Kraftübertragung vonstatten geht. Auch der heimisch erzeugten Energie wird ein besondere Stellenwert eingeräumt. Dieses Umweltbewußtsein und eine gewisse Wirtschaftlichkeit von damals passen doch geradezu auch in unsere heutige Denk- und Verhaltensweise.

Ab diesem Zeitpunkt wurde der Elektrizitätsversorgung größte Bedeutung beigemessen. So hat 1906 Johannes Elmer in Oberkochen am heutigen Standort der Kochertalwäscherei die Stromerzeugung aufgebaut. Die Versorgung erfolgte mittels Gleichstrom 110 Volt .

Aus einer noch vorhandenen Stromrechnung, ausgestellt auf Herrn Georg Nagel zum Hirsch, geht zum einen hervor, daß das Kilowatt (so wörtlich) 50 Pfg. gekostet hat, zum anderen der Verbrauch vom 28. Februar 1910 bis zum 6. Januar 1912 1427 Kilowattstunden betragen hat. Herr Elmer war Stromerzeuger, Stromverteiler, Elektroinstallateur und genauso zu ständig für die Wasserinstallationen. Gleichseitig hat er aber auch eine Kettenschmiede betrieben. Johannes Elmer verstarb 1936. Sein Sohn, Josef Elmer war im 1. Weltkrieg in Frankreich bei Sommé, als von zu Hause die Nachricht kam, die Überlandwerk Jagstkreis AG in Ellwangen übernimmt käuflich zum 1.7.1916 das Elektrizitätswerk vom Kronenwirt Elmer. Hierüber ist ein Vertrag vorhanden, datiert vom 2. Februar 1915; und gegengezeichnet von der Überlandwerk Jagstkreis AG am 15. Febr. 1915. Interessant ist hierbei, daß nicht nur der Gemeinderat, sondern auch der Bürgerausschuß zugestimmt haben.

Am 2. Oktober 1913 wurde das Stromversorgungsunternehmen des Jagstkreises gegründet. In diesem Zusammenhang muß der Name Albert von Häberlen genannt werden. Er war der Präsident der Jagstkreisregierung und Initiator der Überlandversorgung. Zur gleichen Zeit entstand in Ellwangen das Dampfkraftwerk.

Regional recht unterschiedlich, teilweise bedingt durch den 1. Weltkrieg, wurde das Versorgungsnetz auf zweierlei Ebenen aufgebaut. Es gab das 15 bzw. das 20.000 Volt Übertragungsnetz, und in den Dörfern galt es, das Orts-Verteilernetz und die dazugehörigen Trafostationen aufzubauen. Elektrischer Strom war Luxusgut, nicht jeder konnte es sich leisten, sich anschließen zu lassen. Für den Preis einer Kilowattstunde mußte ein Durchschnittsverdiener 2 Stunden arbeiten, eine Edison-Glühlampe kostete soviel wie ein ganzer Tagesverdienst. Aus einem Preisblatt für Strompreise und Tarife vom 1. Januar 1917 war zu lesen, daß es schon zu der damaligen Zeit Bedarfsarten-Unterschiede gab. Der Kilowattstundenpreis betrug für Beleuchtungszwecke 60 Pfennig, für gewerbliche Kraft 25 Pfg. und für landwirtschaftliche Kraft 30 Pfennige. Interessant zum Preisvergleich ist es, daß zur Erzeugung von nur einer Kilowattstunde ca. 1000 g Kohle eingesetzt werden mußte. Mit der Entstehung der flächendeckenden Stromversorgung wurde natürlich ein großes Vorschriftenwerk für die Belehrung der Stromabnehmers entwickelt. In einer Verfügung vom Ministerium des Inneren vom 21. April 1913 wird besonders auf dieses Werk hingewiesen, welches nun schon vom Verband der Elektrizitätswerke Württembergs und Hohenzollerns (E. V.) herausgegeben wurde. Zwei bedeutsame Vorschriften möchte ich hier in dem damaligen Wortlaut wiedergeben:

»Eine sachgemäß ausgeführte elektrische Anlage ist betriebssicher und gefahrlos.« - »Sollte an der elektrischen Anlage eine ungewöhnliche Erscheinung auftreten, so ist abzuschalten und das Elektrizitätswerk unverzüglich in Kenntnis zu setzen.«

Anfangs der zwanziger Jahre schmolzen durch die Inflation die Geldmittel rasch dahin. Die kleinen Gemeinden wie Itzelberg, Ochsenberg und Zang mußten bis Mitte der 20er Jahre auf den Anschluß warten.

Oberkochen war zu diesem Zeitpunkt über 2 Trafostationen versorgt. Die Transformatoren haben die Aufgabe, die Übertragungsspannung von 20.000 Volt auf die Versorgungsspannung von 220/380 Volt herunterzutransformieren, so der Fachausdruck. Aber Oberkochen mit seinen 1350 Einwohnern hatte zweierlei Versorgungsspannungen. Das untere Dorf war nur mit 127/220 Volt versorgt. Heute würden wir es ein Kuriosum nennen, aber damals hat man sich mit dieser nicht ganz einfachen Situation abgefunden. Elektrogeräte wie auch Motoren oder Beleuchtungskörper vom unteren Dorf konnten beispielsweise im Dreißental nicht betrieben oder gar ausgeliehen werden. Beim Radiokauf war besonders die Spannungseinstellung wichtig. Im Jahre 1953 erfolgte die Umstellung auf die einheitliche Versorgung. In meinem Geschichtsbericht möchte ich meine Leser nicht allzu sehr mit physikalischen Gegriffen füttern, doch allgemeine Meßwerte und Maßeinheiten mögen zum leichteren Verstehen beitragen. So wurde beispielsweise eine europäische Normspannung eingeführt, nach der sich die Gerätehersteller heutzutage richten, sie beträgt 3 x 231/400 Volt.

Der Lastzuwachs zu Beginn der 50er Jahre war sehr eng mit dem wirtschaftlichen Aufschwung an Kocher und Brenz verknüpft. Unter Lastzuwachs versteht man die gleichzeitig in Anspruch genommene Strommenge. Von Aalen kommend, durch Oberkochen führend, wurde eine starke 20 kV Doppelleitung gebaut, welche zunächst in Königsbronn endete. Dabei entstand das Schaltwerk an der Katzenbachstraße. Dieses war der Netzknotenpunkt für die Versorgung von Oberkochen. Ständig dem neuesten Stand angepaßt erweitert und umgebaut. Auch der Versorgung des Stadtteiles »Heide« Rechnung getragen, hat es seinen Dienst bis zum Jahre 1979 getan. Der Leitungsbau ab Königsbronn durchs Brenztal bis an die Stadtgrenze von Heidenheim wurde 1961 fortgeführt. Es folgte die Einbindung in das 110/20 kV Umspannwerk Aufhausen. Der somit aufgebaute Versorgungsring bot optimale Sicherheit für die Versorgung an Kocher und Brenz. Was für die überörtliche Versorgung galt, war auch eine Herausforderung für den Ortsnetzbau. Der Ortsnetzbau in Freileitung und Erdkabel zog sich über 30 Jahre hinweg durch ganz Oberkochen.

Haushalt und Gewerbe, aber auch die Industrie benötigen eine konstant gute Versorgung. Hausanschlüsse werden derzeit nur noch mittels Erdkabel ausgeführt. Diese Tendenz war ganz speziell für Oberkochen schon sehr frühzeitig zu erkennen. Mit der Kabeltechnik erhöhte sich automatisch die Übertragungskapazität. Aber unsere gute »alte« Freileitungsbauweise ist zwar ästhetisch gesehen unschön aber bietet trotz atmosphärischer Beeinflussungen ein hohes Maß an Versorgungssicherheit. Langjährig geführte Statistiken belegen, daß Stromunterbrechungen und deren Behebungen im Freileitungsnetz viel besser abschneiden als in Kabelnetzen. Mit meinen Hinweisen möchte ich hier nicht in technische Details einsteigen, sondern die geschichtlichen Weiterentwicklungen aufzeigen. Dazu gehören die schrittweise eingesetzten hohen Investitionen der Elektrizitätswirtschaft. Trotz der Ausnutzung aller technisch gebotenen Übertragungsmöglichkeiten war der Stromtransport nach Oberkochen nur noch über ein Umspannwerk abzudecken. Dieses Projekt in der »Schwörz« wurde in den Jahren 1978 - 1979 verwirklicht. Eine neue Ära für Oberkochen und seine Stromversorgung nahm ihren Lauf. Eine ganz neue Schalt-Schutz-Steuer- und Fernwirktechnik wurde dafür konzipiert, welche sich bis zum heutigen Tage durch störungsfreien Betrieb auszeichnet. Von der »Schwörz« ausgehend hat sich eine neue 20.000-Volt-Versorgung für das gesamte Stadtgebiet entwickelt. Mittlerweile hat dieser »Kabelring« eine Länge von 34 Kilometer erreicht. Die Zahl der Trafostationen von damals 2 hat sich auf inzwischen 44 Umspann-Stellen erhöht, nicht mit aufgeführt sind die Anschlüsse der Großkunden und deren eigene Versorgungseinrichtungen. Das gute Trafohäuschen aus der alten Zeit ist schon zum Industriedenkmal gestempelt worden. In umgebauter Form finden wir es nur noch am Kapellenweg in Oberkochen. Herr Mercaldi hat es als Postkarte zusammen mit der Ottilienkapelle mit auf die »Platte« gebannt.

Dieses geschilderte und umfangreiche Netzgebilde wird mit modernster Übertragungstechnik rund um die Uhr überwacht. Sämtliche aus- und eingehende Befehle gehen mittels Glasfasertechnik zur Leitstelle nach Ellwangen und werden dort verarbeitet.

Werner Riedel

 
 
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