Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 317
 

Gefangenen- und Zwangsarbeiterlager WK II in Oberkochen (5) -
Lager 7 und 8

Lager 7
Über dieses Lager, das sich beim Kaltwalzwerk befand - die Baracke steht in umgebauter Form noch heute - stellte uns Josef Rosenberger eine Reihe von Informationen zur Verfügung, die wir hier zusammenfassen.

Das Werk wurde im April 1941 als kriegswichtiger Betrieb eingestuft. Vermutlich in der 2. Jahreshälfte 1942 wurden der Firma 46 Ostarbeiter zugeteilt.

Um diese - sie lagen zunächst in der alten TVO-Turnhalle - besser unterzubringen, wurde noch 1942 eine RAD-Baracke auf dem Firmengelände aufgestellt, die dann 1943 von ca. 40 dieser Fremdarbeiter bezogen wurde, während der Rest weiterhin in der Turnhalle untergebracht war. Entgegen der Baugenehmigung wurde die Baracke übrigens mit einem gemauerten Keller (Küche und Aufenthaltsraum) ausgeführt, was mit einer Geldstrafe geahndet wurde. Der Barackenbau selbst war ein Holzaufbau.

Die Ostarbeiter (also Zwangsarbeiter, aber keine Kriegsgefangenen im eigentlichen Sinn) werden als »kahlgeschoren« beschrieben. Sie bekamen ein paar Mark Lohn. Der Differenzbetrag zum Lohn eines deutschen Arbeiters mußte, nach Abzug der Unkosten für Essen usw., als Ostarbeiter-Abgabe an das Finanzamt abgeführt werden. Die Behandlung der Ostarbeiter wird als »normal« bezeichnet. Die meisten waren Ukrainer und konnten Deutsch, das sie angeblich in der Schule hatten lernen müssen.

Am Ende des Krieges verschwanden alle Ostarbeiter. Es ist nicht bekannt, inwieweit sie zurück in ihre Heimat gingen oder im Westen verblieben sind.

1946 wurde der Holzaufbau der Baracke durch Mauerwerk ersetzt und 2 Werkswohnungen und ein WC über die Unterkellerung gebaut. Die alten Fußböden wurden überschliffen. Zunächst wohnten deutsche Werksangehörige, später jugoslawische Mitarbeiter in der ehemaligen Zwangsarbeiterbaracke, die heute nur noch von einzelnen Personen bewohnt ist.

Aus einem Bericht von Prokurist W. Sauerbrey vom 2.8.1979, den uns Maria Findeisen zur Verfügung stellte, veröffentlichen wir mit freundlicher Erlaubnis die nachfolgende Passage, die die Gesamtsituation der damaligen Zeit eindringlich beschreibt:

Nachdem wir (das Kaltwalzwerk) von den Amerikanern besetzt waren, wurden alle Kriegsgefangenen und zivilen Fremdarbeiter freigelassen. Nach Einsickerung von russischen Kriegsgefangenen begannen auch unsere zivilen Ukrainer zu plündern. Die Amerikaner verhielten sich bei den Plünderungen zurückhaltend. Als ich die amerikanische Militärpolizei um Schutz bat, weil Russen mit Brechstangen versuchten, den Geldschrank im Büro aufzubrechen, kam zwar ein Jeep vorgefahren, unternommen wurde aber gar nichts, obwohl die Russen nicht einmal die Brechstangen aus der Hand legten. So wurde auch das ganze Magazin geplündert und alles durcheinander geworfen. Viel Wäsche, Kleidung und Hausrat, welches von Völklinger Kollegen hier eingelagert war, gingen verloren, ebenso fast alles Werkzeug aus der Schlosserei. Trotzdem konnten wir später den zweiten Elektroofen aufbauen, weil wir alle Teile bis auf einige unwichtige Kleinigkeiten wieder zusammen fanden.

Meine größte Sorge galt nun der Beseitigung der Plünderungsschäden und der Wiederinbetriebsetzung des Werkes. Da alles Werkzeug gestohlen war, bin ich mit dem Fahrrad weit herumgefahren, um Werkzeuge zu beschaffen ....«.

Lager 8
Gefangenen- und Zwangsarbeiter-Baracken auf dem Gelände der Firma WIGO

Ungefährer Lageplan »WIGO« 1945
Baracke 1 (»Russenmädchenbaracke«) und Baracke 2 (nicht mehr verwendet) A = Werksgebäude WIGO, B = Portierhaus, C = Gärtnerei, D = Villa Grupp, E und F = Werksgebäude WIGO.

Lager 8 gehörte zur Firma Wilhelm Grupp Oberkochen (WIGO). Es bestand aus insgesamt mindestens 2 Baracken. Die exakteste Beschreibung liegt uns von einer sehr großen eingezäunten Baracke vor (Baracke 1), die links am heutigen Penny-Markt vorbei fast unten am Kocher lag. Anton Hug (JG 1922), ehem. Mitarbeiter der Firma WIGO, berichtet, daß in dieser Baracke zwischen 70 und 80 »Russenmädchen« aus der Ukraine untergebracht waren.

Arthur Hassinger und August Pfeifer, 2 ehemalige WlGO-Mitarbeiter, bestätigen, daß gegen Kriegsende eine weitere Baracke (Baracke 2) parallel zur Straße errichtet worden war. Diese Baracke wurde jedoch nicht mehr mit Kriegsgefangenen belegt. In beide Baracken wurden nach dem Krieg Flüchtlinge und Heimatvertriebene eingewiesen.

Adolf Wunderle, Anton Hug und Gertrud Fröhlich nannten insgesamt 3 Oberkochener, die in den WIGO-Baracken als Aufsichtspersonal eingesetzt waren, und zwar Josef Schneider, Eugen Schaupp (vormals Totengräber) und Josef Fritz.

Bei WIGO arbeiteten, wie Anton Hug berichtet, außer Russinnen und Russen ca. 40 bis 50 französische Kriegsgefangene, die jeden Tag unter Bewachung hergeführt und abends wieder weggebracht wurden. (TVO-Turnhalle?)

Nach dem Krieg seien die Russinnen mit den freigelassenen Franzosen »recht vergnügt« gewesen. Die Franzosen wurden als zum Teil sehr gute und intelligente Facharbeiter, viele von ihnen Dreher, beschrieben, mit denen gut auszukommen war. Die meisten seien recht sympathisch gewesen. Herr Hug zeichnete ein anschauliches Bild, wie man sich den damaligen Alltag bei WIGO vorstellen muß, vor allem, was die Russinnen betrifft.

Die Russenmädchen hat man in »Blaue Antons« gesteckt - sie hatten fast nichts zum Anziehen und schon gar nichts zum Wechseln. Ihre Wäsche haben sie im Kocher gewaschen. Die Hygienesituation sei für die Mädchen unerträglich gewesen, weshalb sie »unangenehme Ausdünstungen« verbreiteten, und manche Mitarbeiter nicht gerne in ihrer Nähe gearbeitet haben. Die Mädchen seien aber fast durchweg nett gewesen sie hätten ihm wegen der oben beschriebenen Umstände leid getan.

Nachts, aber auch während der Arbeit, hatten sie immer wieder begonnen, heimatliche Lieder zu singen, die sehr traurig und melancholisch klangen. Der Vorarbeiter, ein ekelhafter Mensch aus Unterkochen namens P. (Name bekannt) ein 110-iger Nazi, habe ihnen aber das Singen während der Arbeit auf brutale Art untersagt.

P. sei auch sonst mit den Russenmädchen übel umgegangen. Er habe sich jedoch, genauso wie andere, die ebenfalls Mitleid mit den Mädchen gehabt hatten, nicht getraut, gegen P. vorzugehen, weil die »schwarzen Hugs«, wie alle, die damals nicht in der Partei waren, zu den »schwarzen Schafen« in Oberkochen zählten.

Herr Hug wußte, daß im »Grünen Baum« eine Anzahl deutscher KHD-(Kriegshilfsdienst) Mädchen untergebracht waren, die ebenfalls bei WIGO arbeiteten. Von denen habe eines in einer Werks-Toilette etwas mit einem gefangenen Franzosen gehabt. Der genannte Vorarbeiter P. habe sie angezeigt, und sie habe sich, weil sie nicht mehr ein noch aus wußte, aus dem Giebelfenster vom »Grünen Baum« zu Tode gestürzt, was er, Anton Hug, bezeugen könne. Der Vorarbeiter P. sei an dem Selbstmord schuld gewesen. Niemand habe sich getraut, etwas zu sagen - so sei die Angelegenheit totgeschwiegen worden. Nur wenige Oberkochenern sei dieser Vorfall (Arthur Hassinger weiß davon) damals bekannt geworden.

Dietrich Bantel

Lager 8 (WIGO)
Richtigstellung und Ergänzung zu Bericht 317

Durch neue Informationen ergibt sich für Lager 8 folgende Situation: Emil Elmer teilte mit, daß die beiden in Bericht 317 zum Lager 8 genannten Baracken 1 und 2 nicht als Zwangsarbeiterbaracken sondern als Lagerraum und als Kantinengebäude (jetzt Baracke 3) gedient haben. Der Lagerraum wurde erst nach dem Krieg gebaut und ist im neuen Plan nicht berücksichtigt.

Im Anschluß an den Schweinestall (H) lag in südlicher Richtung Baracke 2. Sie war, wie wir erst jetzt erfahren, von russischen Zwangsarbeitern bewohnt. Eine Zahl ist bis jetzt nicht bekannt. Wir werden uns weiterhin kundig machen.

Baracke 1, die »Russenmädchenbaracke«, lag noch weiter südlich Richtung Forellenteiche fast am Kocher. Sie wurde, wie sich Herr Elmer erinnert, nach Kriegsende »warm abgebrochen«. Sammler von unseren Berichten bitten wir, diese Angaben zusammen mit Bericht 317 aufzubewahren.

Dietrich Bantel

Damit ergibt sich ein neuer Lageplan:
Erklärung zum Lageplan WIGO 1945 (neu) - Lager 8

Baracke 1: Russenmädchenbaracke,
Baracke 2: Russenbaracke,
Baracke 3: Alte Kantine
A = Werksgebäude WIGO (Schmiede, Bohrwerksdreherei, Sägerei, Montage. Im Anbau: Öllager).
B = Portierhaus,
C = Werksgebäude WIGO (Dreherei, Fräserei) heute Pennymarkt.
D = Villa Grupp.
E und F = Werksgebäude WIGO,
G = Gärtnerei,
H = Schweinestall.

Dietrich Bantel

 
 
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