Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 316
 

Gefangenen- und Zwangsarbeiterlager WK II in Oberkochen (4) -
Lager 6

Lager 6
Es befand sich im Kapellenweg gegenüber Haus Seitz (Gebäude 24) und dem später überbauten Anwesen Mannes (Kapellenweg 28), bestand aus 4 nicht eingezäunten Einzelbaracken, von denen 2 zusammengebaut waren, und erstreckte sich bis hin zur 1950 abgebrochenen Wiesenkapelle.

Die »eindrucksvollste« Baracke ist eine größere ca. 1942 aufgestellte Holzbaracke im Plan Baracke 1 (Foto Winter 1949/50). Nach übereinstimmender Aussage mehrerer Zeugen handelte es sich bei den Bewohnern dieser Baracke um russische Zwangsarbeiter, Männer und Frauen, aus der Ukraine, die bei der Firma Bäuerle arbeiteten. Sie wurden, zusammen mit den Zwangsarbeitern aus den anderen Baracken, wie dies auch von anderen Lagern berichtet wird, morgens vom Gefangenenaufseher Karl Elmer, der in dieser Baracke 1 einen büroähnlichen Raum hatte, sonst aber im Dreißental wohnte, zu den Arbeitsplätzen und abends zurück ins Lager gebracht.

In der etwas gepflegter aussehenden, an Baracke 1 angebauten, und ebenfalls zurückliegenden kleineren Baracke 2, so wurde mir berichtet, waren Franzosen und Italiener untergebracht. Vermutlich unterstanden auch sie der Aufsicht durch Karl Elmer. Auch von dieser Baracke liegt uns ein Foto vor, das aus Platzgründen in diesem Bericht nicht veröffentlicht werden kann.

In einem parallel zum Kapellenweg und direkt an diesem gelegenen besseren und aus Stein errichteten langen Gebäude (Baracke 3) waren RAD-Mädchen untergebracht (Reichsarbeitsdienst). 2 Oberkochener sprachen davon, daß dort RHD-Mädchen (Kriegshilfsdienst) wohnten, was aber zunächst wohl offen bleiben muß. Nach dem Krieg wurde dieses Gebäude aufgestockt. Es steht bis auf den heutigen Tag.

Ein viertes, barackenähnliches, sehr langes, aber recht passables aus Stein errichtetes Gebäude, das sogar mit Fensterladen versehen war, (Baracke 4) stand in der Verlängerung von Baracke 3 direkt am Kapellenweg. Es reichte bis fast zur 1950 durch die Firma Bäuerle abgebrochenen Wiesenkapelle. (Siehe die aus 2 Fotos zusammengesetzte Ansicht vom Winter 1949/50). In diesem Gebäude haben lt. Aussagen von Anwohnern und späteren deutschen Bewohnern russische Zwangsarbeiter gewohnt. Gleich nach dem Krieg wurden in dieses Gebäude Flüchtlinge und Heimatvertriebene eingewiesen. Später war dies der »Saustall« des landwirtschaftlichen Anwesens Bäuerle.

Frau Anna Müller (geb. Holz) und Herr Kurt Elmer berichteten, daß in Baracke 4 unter anderen ein russisches Ehepaar gewohnt habe, in einem kleinen Zimmer für sich, und da habe es einmal Kindsnachwuchs gegeben. Da die Leute überhaupt nichts hatten, brachten die Familien Elmer und Holz (Frau Holz sen. war Hebamme, »Hefattl«, wie man in Oberkochen sagte - sie hatte bei der Kindsgeburt in der Baracke geholfen - eine Menge »Kindwäsch« herbei und halfen aus, wo immer möglich.

Der Vater des Kindes war Kunstmaler und hat viel gemalt. Die ganzen Wände der sonst ärmlich ausgestatteten Behausung hingen voll mit auf Karton gemalten Ölbildern. Denjenigen, die der ukrainischen jungen Familie geholfen haben, hat der Mann Ölbilder mit Motiven seiner russischen Heimat geschenkt. Frau Anna Müller hat eines von ihnen, das schon einmal zur Müllabfuhr bereitstand - wohl eine Schwarzmeerlandschaft - bis auf den heutigen Tag in der Wohnung im Kapellenweg hängen und war so freundlich, es uns zum Zwecke der Reproduktion und Veröffentlichung im Rahmen dieses Berichts zur Verfügung zu stellen.

Wie in mehreren Fällen, in denen sich Oberkochener während des Kriegs den Fremden gegenüber freundlich gezeigt haben, so wird auch hier berichtet, daß dieser Russe nach Kriegsende seine Wohltäter vor Übergriffen seiner Landsleute geschützt hat. und das war gelegentlich dringend notwendig.

Kurt Elmer berichtete, daß gerade von Lager 6 aus und von einer weiter unten beim Kaltwalzwerk gelegenen, möglicherweise auch noch von anderen Lagern außerhalb Oberkochens, bald nach Kriegsende eine größere Gruppe von Russen (nach anderen Berichten Russen und Polen) stammten, die sich, was Oberkochen betrifft vor dem Elmerschen Hafner-Haus mit dem Ziel »Theußenberg« zusammenrottete. Es kam dort innerhalb weniger Tage im Juni 1943 zu 3 Überfällen, zu Plünderungen und Gewalttaten, in deren Verlauf 3 Deutsche getötet wurden. Das Anwesen Theussenberg wurde in Brand gesteckt. Weiter wird berichtet, daß ein Teil der Täter auf ihrem Rückweg nach Oberkochen von Amerikanern gestellt wurden. Bei den Gewalttätigkeiten gab es auch auf Seiten der Russen oder Polen ein Opfer. Die näheren Umstände werden von uns, da sie indirekt auch Oberkochen betreffen, in einem getrennten Bericht am 15. Mai 1998 veröffentlicht.

Nach dem Krieg waren die ehemaligen Zwangsarbeiter-Baracken und die RAD-Baracke bis auf die Baracke 2 von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen bewohnt; insgesamt waren 69 Personen in den Baracken 1, 3 und 4 untergebracht. Frau Erika Fischer, Frau Adelheid Harpeng und Herr Willi Wendelberger waren so freundlich, die Personen, die als erste nach dem Krieg in diesen Baracken wohnten, aufzuzählen.

In Baracke 1 (Holzbaracke) die der Firma Bäuerle gehörte, waren 3 Familien Wendelberger (die Geschwister Eduard, Robert und Rudolf mit ihren Familien), ferner die Familien Johann Ditz und die Kriegerwitwen. Geschwister Landkauf und Romanek untergebracht - insgesamt 20 Personen. Diese Baracke war eigentlich zu einer menschenunwürdigen Behausung heruntergewirtschaftet, wie unser Foto (Winter 1949/50) das, wenn nicht der Turm der katholischen Kirche zu sehen wäre, im tiefsten Balkan aufgenommen sein könnte, zeigt. Für Herrn Wendelberger wie für viele der anderen Familien, war Baracke 1 bereits die 3. Notunterkunft nach seiner Ankunft in Oberkochen im Jahr 1946. Zunächst hauste die Familie auf Strohlagern in der Bahnhofrestauration »Schell«, dann, ebenfalls auf primitivsten Decken-Lagern, in der alten ev. Schule, heute Schillerhaus. Von dort wurde sie in den Kapellenweg umquartiert. Man habe von der Firma Mannes (sen.) Bretter erhalten und die Holz-Baracke in eigener Regie unterteilt und hergerichtet. Herr Wendelberger erinnerte sich übrigens in Bezug auf Baracke 1 an italienische Beschriftungen und an Flächen, die mit den italienischen Nationalfarben übermalt waren. Es waren demzufolge auch Italiener in dieser Baracke untergebracht, nicht nur Russen. Möglicherweise liegt aber auch bei anderen Zeitzeugen eine Verwechslung vor. wer kann weiterhelfen?

Die kleinere massive Baracke 2 im Anschluß an die Holzbaracke wurde nach Aussage von Herrn Wendelberger und Frau Fischer nach dem Krieg von der Firma Bäuerle genutzt.

In die RAD-Baracke 3 aus Stein in noch nicht aufgestocktem Zustand gleich nach dem Krieg wurden die Familien Neuber, Holdenried, Dr. Roos und Krok, insgesamt 19 Personen, eingewiesen. Frau Luzie Krok berichtete anschaulich, wie ihr Mann auf den Barackenboden mit Kreide die zu bauenden Untereinteilungen für ihren Wohnbereich eingezeichnet hat.

Besonders dankbar sind wir für die Fotos, die Frau Luzie Krok dem Heimatverein zur Verfügung stellte. Herr Krok, späterer Gemeinderat, hatte eine Kamera über das Kriegsende hinweg gerettet. Von ihm stammt eine außergewöhnliche Fotodokumentation, die die Situation im Kapellenweg im Winter 1949/50 beschreibt.

Auch Baracke 4 war nach dem Krieg von Heimatvertriebenen und Flüchtlingen bewohnt. Hier wohnten die Familien E. Harpeng, A. Harpeng, Englert, Steckbauer, Rek, Frau W. Hahn und Frau E. Dietz - insgesamt 30 Personen allein in dieser einen Baracke. Diese Baracke macht im Winter 1949/50 einen recht guten Eindruck - der Treppenaufgang ist sogar mit einem Vordach versehen.

Sie wurde zu einem späteren Zeitpunkt dem landwirtschaftlichen Anwesen Bäuerle zugeschlagen und als »Saustall« verwendet. Frau Mannes erinnert sich noch sehr wohl an die »Risiken und Nebenwirkungen« des Schweinestalls in Form von größeren Tieren mit langem Schwanz, die häufig zu Besuch über die Straße hinüber kamen. Das kleine Fachwerkgebäude links hinter der Baracke ist, wie ich informiert wurde, der erste Bau zum landwirtschaftlichen Anwesen Bäuerle.

Über weitere Baracken, die noch tiefer hinter den genannten Baracken Richtung Kocher und Röchling gestanden haben sollen, konnten wir bis jetzt noch keine Bestätigung bekommen.

Dietrich Bantel

 
 
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