Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 315
 

Gefangenen- und Zwangsarbeiterlager WK II in Oberkochen (3) -
Lager 2, 3, 4 und 5

Außer dem in den Berichten 313 und 314 beschriebenen Gefangenenlager 1 gab es in Oberkochen eine Reihe weiterer Barackenlager und Unterkünfte. Die heute beschriebenen Lager 2 und 3 stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit Lager 1 u. der Fa. Fritz Leitz. In ihnen waren bis Kriegsende, soweit bis jetzt bekannt, ausschließlich Ausländer und Ausländerinnen untergebracht, die Zwangsarbeit für den Rüstungsbetrieb Fritz Leitz ausführten, also keine Kriegsgefangenen.

Lager 2
Es stand auf dem Kocherinsel-Gelände zwischen Kocher und Kocherkanal parallel zur heutigen Wacholdersteige, also südlich vis-à-vis CZ-Bau VII (IMT - ehemalige Werksfeuerwehr CZ). Es handelte sich lt. Aussage von Frau Hermine Blume um eine einzelne größere Baracke, in der ausschließlich Russinnen untergebracht waren. Frau Blume, der die Küche bei der Firma Albert Leitz unterstand, beaufsichtigte nebenbei auch die Barackenküche der Russinnen, die für den Rüstungsbetrieb Fritz Leitz arbeiteten. An eine Einzäunung um den Barackenbereich kann sie sich nicht entsinnen. Wie später aufgeführt wird, waren noch weitere Baracken und Barackenplätze in Oberkochen nicht eingezäunt. Das hängt damit zusammen, daß es sich bei den betreffenden Arbeitern und vor allem Arbeiterinnen nicht um echte Kriegsgefangene handelte, sondern vielmehr um Menschen, die aus von den Deutschen besetzten Gebieten deportiert und nach Deutschland gebracht worden waren, um die durch Wehrdienst fehlenden Männer, vor allem die, die in der Rüstungsindustrie fehlten, zu ersetzen. Frau Blume berichtete, daß sie zu den Russinnen ein sehr gutes Verhältnis gehabt habe. Sie erinnert sich sogar an einen hohen militärischen Besuch, etwas »von ziemlich oben«, der ganz seltsam dreingeschaut habe, weil sie mit den zur Arbeit gezwungenen Russinnen so offensichtlich gut zurecht kam. Das war damals schon verdächtig ...

Herr Adolf Hausmann bestätigte, daß die Männer im Lager 1 untergebracht waren, und die Frauen im Lager 2. Am Sonntag hätten aber alle (?) freien Ausgang gehabt. Sie seien den Fremden damals als junge Lausbuben nachgestiegen, wie sie sich die Ess- und die Rodhalde hinauf in die Büsche schlugen und hätten mit wachsender Begeisterung aus sicheren Verstecken zugeschaut, was die da so getrieben haben ...

Lager 3
Auch Lager 3 befand sich auf dem ehemaligen Werksgelände des Rüstungsbetriebs der Firma Fritz Leitz. Nur wenige Oberkochener haben es gespeichert und es gibt sehr widersprüchliche Angaben darüber. In einem Fall widersprachen sich sogar die Aussagen zweier Brüder, die getrennt befragt wurden. Das zeigt, wie schwierig es ist, nach über einem halben Jahrhundert noch sichere Zeugenaussagen zu bekommen. Den ersten Hinweis darauf, daß dieses 3. Fritz-Leitz-Lager überhaupt existierte, erhielt ich durch eine telefonische Mitteilung von Horst Juchem aus Ulm am 23.2.98. Herr Juchem bezog sich auf den am 20.2. in BuG erschienenen Bericht. Er wunderte sich, daß das Lager, an das er sich sehr gut erinnert, bisher noch nie erwähnt worden ist. Er beschrieb es als auf dem Gelände unterhalb der Meisengasse nur ca. 50 bis 100 m von der Dreißentalstraße entlang eines Fußwegs Richtung Süden (FL) gelegen, bergwärts, also etwa oberhalb der Stelle, wo heute das CZ-Hochhaus in der Carl-Zeiss-Straße steht, am Fuße eines steilen Hangs. Dieser Hang unterhalb Haus Ilg/Volkmarsbergstraße wird von den Einheimischen der »Napoleonsbuckel« genannt. Im Anschluß an das Barackengelände sei die Gärtnerei des Fritz Schäfer (FL) entstanden, weiter südlich dahinter stand das Martha-Leitz-Haus. Herr Juchem erinnerte sich nicht mehr sicher, ob es 4 oder 6 Baracken waren, dagegen konnte er mit ziemlicher Sicherheit sagen, daß es sich bei den Bewohnern der Baracken um russische Kriegsgefangene gehandelt hat. Herr Juchem wußte auch noch, daß diese Baracken bald nach Kriegsende, wahrscheinlich noch 1945 abgebrochen wurden. Aus dem ehemaligen Barackengelände habe man kleinere Gartengrundstücke gemacht, und seine Eltern hätten ein Stück davon erworben. Dort habe es noch lange »so schön unangenehm gerochen - nach einer Mischung aus Latrine und Desinfektionsmitteln«.

Frau Irmgard Post war die erste befragte Oberkochenerin, die sich klar an die Baracken erinnern konnte. Sie verband mit ihnen die Erinnerung an schönen melancholischen Gesang. Das Ehepaar Clara und Adolf Wunderle erinnerte sich noch einwandfrei an die Baracken. Frau Wunderle kam häufig dahin, weil sie am Fuß des Napoleonsbuckels eine Wiese hatten, wo sie Grasfutter holte. Auch Frau Wunderle war der Meinung, daß es »mindestens 4 Baracken« gewesen seien.

Primus Schmid bestätigte ebenfalls ein Lager in dem beschriebenen Bereich. Er korrigierte die bisherigen Aussagen dahingehend, daß die Baracken unmittelbar nach Kriegsende abgerissen wurden bis auf eine, die noch bis in die Fünfzigerjahre hinein auf dem CZ-Gelände stand und als Werkssattlerei diente - etwa dort, wo heute das Umwelt-Labor und der Schuppen der Schreinerei stehen. Erst vor wenigen Tagen brachte mir allerdings Helmut Babik eine CZ-Luftaufnahme vom 14.11.1954, auf der an der beschriebenen Stelle nicht nur eine, sondern 3 Baracken, die parallel zum Hang stehen, zu erkennen sind. Wer kann nähere Aussagen zu den 3 Baracken, 2 größere und eine kleinere, die 1953 noch standen, machen? Mit etwas Phantasie ist übrigens auch der Eingang zu dem Fritz-Leitz-Stollenfragment zu erkennen. Auf einer CZ-Luftaufnahme vom 12.10.1965, ebenfalls aus dem Besitz von Herrn Babik, steht noch die südlichste der 3 Baracken. Herr Babik war so freundlich, die Luftaufnahmen dem Heimatverein zu überlassen. Wir werden versuchen, die in diesem Zusammenhang interessanten Details herausvergrößert im Amtsblatt abzudrucken.

Es gibt noch keine klaren Aussagen, ob es sich bei den Lagerinsassen des Lagers 3 nur um Männer oder um Männer und Frauen gehandelt hat, auch nicht darüber, ob das Lager eingezäunt war oder nicht. Es gibt aber eine Tendenz dahingehend, daß in diesem Lager nur Männer waren, und daß es eingezäunt war.

Es wäre ziemlich wichtig, weitere Zeitzeugen gerade zu diesem Lager 3 ausfindig zu machen, da ich dieses Lager in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Bau der unterirdischen Fabrikationsanlage (»Leitz-Stollen«) sehe. Einer der Zugänge befand sich im bereits hängigen Gelände hinter diesem Lager. Zwei getrennte Berichte über den Stollen sind in Arbeit. Es gibt bis jetzt niemanden, der sagen konnte, wer diese Schwerstarbeitern im massiven Fels beaufsichtigte, ob es tatsächlich Russen waren, die das Fragment, das der Fa. FL als Luftschutzstollen diente, gebaut haben, wo der Fels-Aushub hingeschafft wurde und womit. Bis jetzt liegen mir nur widersprüchliche und sehr unvollständige Angaben vor, die sich für eine Veröffentlichung nicht eignen.

Möglicherweise steht eine von der Firma Fritz Leitz als Lehrlingsbaracke genutzte Baracke, die später parallel zur Carl-Zeiss-Straße stehend noch lange als Lehrlingsbaracke von der Firma Carl Zeiss genutzt wurde, im Zusammenhang mit den Baracken des Lagers 3.

Lager 4
Die alte TVO-Turnhalle im Katzenbach, das wußten übereinstimmend alle Befragten zu sagen, ist die älteste Gefangenenunterbringung Oberkochens gewesen.
Dorthin kamen schon in den frühen Vierzigerjahren die ersten französischen Kriegsgefangenen. Sie wurden laut Aussagen mehrerer Zeitzeugen morgens unter Bewachung zum WIGO und zu anderen Betrieben (genannt wurden Leitz und Bäuerle) an ihre Arbeitsplätze gebracht und wurden ebenso bewacht am Abend wieder zur Halle geführt. Ein Teil dieser Gefangenen arbeitete auch in der Landwirtschaft.

Es entstanden, wie mir gesagt wurde, eine Reihe von dauerhaften Freundschaften. Die TVO-Turnhalle wurde bald nach Kriegsende auf Anordnung von Bürgermeister Frank »warrn abgebrochen«, weil sie hoffnungslos verdreckt und voller Ungeziefer war. Der HVO wäre sehr interessiert, Fotos von der alten TVO-Turnhalle möglichst aus der Zeit in der sie als Gefangenenlager diente, zum Zwecke des Abfotografierens für das HVO-Archiv ausgeliehen zu bekommen.

Lager 5
Da von verschiedener Seite mehrfach berichtet, kann sicher davon ausgegangen werden, daß auch im »Saal« des Gasthofs Hirsch, in der Aalener Straße neben der alten evangelischen Kirche ca. 20 Zwangsarbeiter lagerähnlich untergebracht waren. Auch vis-à-vis im Nebengebäude des »Gasthofs Ochsen« und an weiteren Orten, die mir im einzelnen noch nicht bekannt sind, waren einzelne Zwangsarbeiter untergebracht.

Dietrich Bantel

 
 
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