Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 314
 

Gefangenen- und Zwangsarbeiterlager WK II in Oberkochen (2) -
Fortsetzung zu Lager 1

Zum Lager 1 wurden nunmehr folgende Details bekannt: Das Lager war mit hohem Zaun und Stacheldraht eingezäunt und bewacht. Normalerweise durfte niemand rein. Fest steht, daß Franzosen zunächst in dem Lager waren, es wurde aber auch 2mal bestätigt, daß die beiden oberen Baracken (links im Plan) zuletzt von Russen bewohnt waren. Herr Peter Fischer, Aalen, wußte, daß die Russen Herrn Baß, der Meister bei Fritz Leitz war, unterstellt waren. Frau Valeria Franz, damals 9 Jahre alt, brachte durch eine nicht so gut einsehbare Öffnung im Zaun im hinteren Teil des Lagers eine Zeitlang im Auftrag ihres Vaters (Hardy Burkhardt) verbotenerweise Essen ans Lager, das sie einer Frau Stefka (Vorname), deren Mann als Gefangener bei der Firma Fritz Leitz arbeitete, übergab. Eine Frau X. (Name bekannt) vom Kies habe den Aufsichtsdienst am Werkseingang verrichtet und sie wahrscheinlich »verpfiffen«. Jedenfalls habe man ihrem Vater nahegelegt, daß das mit dem Essen-bringen sofort aufhören müsse, sonst passiere was. Frau Franz gelangte 2mal auch durch einen offiziellen Eingang ins Lager und erinnert sich noch sehr genau an die unheimlich fremde Stimmung in den Russenbaracken, deren Wände mit Papierblumen geschmückt waren. Die Russen tanzten hin und wieder sehr ausgelassen (»Kosakentänze«) und sie hört noch heute das wilde Aufstampfen der Füße auf dem Boden. Das Schreien, das die Tänze begleitete, habe ihr als 9jährigem Mädchen Angst gemacht. Sie erinnert sich aber auch an schönen und stimmungsvollen Gesang. Bestätigt wurde auch ihre Erinnerung an eine riesengroße Schaukel, auf welcher die Russen akrobatisch turnten, auch unter Alkoholeinfluß.

Einmal sei dort ein Russe zu Tode gekommen, als er abstürzte. Sie habe ihn aufgebahrt in einem Sarg liegen sehen, mit Brot und anderen Grabbeigaben. Nach dem Krieg haben Frau Stefka, ehe sie in ihre Heimat zurückging, und sie die Adressen ausgetauscht, aber Antwort habe sie nicht bekommen. In diesem Zusammenhang ist auch eine Erinnerung von Martin Gold/Bär interessant, der einem Russen dieses Lagers immer wieder Brot gegeben und einen guten Kontakt zu diesem hatte. Wie der Krieg aus war, und dieser frei herumlief, habe er den »Bär« plötzlich nicht mehr gekannt und sei sogar bösartig geworden.

Mehrfach wurde angemerkt, daß in diesem Lager auch Gefangene aus anderen Ländern untergebracht waren. Durch die viele Industrie seien in Oberkochen unverhältnismäßig viele Kriegsgefangene gewesen.

Frau Post erinnert sich, wie in den letzten Kriegstagen die deutschen Soldaten dicht an dicht auf Lastwagen hinaufgepfercht den Ort verließen. Dr. Brammen habe alles verfügbare Brot gesammelt und auf die Lastwagen hinaufgeworfen.

Unmittelbar nach Kriegsende seien die Gefangenen dann frei und teilweise plündernd herumgelaufen, und man habe eine Mordsangst vor ihnen gehabt. Dies bestätigen mehrere Zeitzeugen.

Frau Irmgard Post - ihre Familie wohnte in einem der Häuser der FL-Werksiedlung in unmittelbarer Nähe des Lagers 1 - berichtete, daß ihr Vater jeden Abend einen Pfosten in den Windfang zwischen Haus und Glastür geklemmt habe, daß man nicht so ohne weiteres ins Haus kam.
Herr Horst Juchem, heute Ulm, berichtete, daß man Schnüre von Haus zu Haus gespannt habe, um sich nachts geräuschlos durch Zeichen verständigen zu können.
Mehrfach wurde berichtet, daß vor allem in Häuser, in denen den Gefangenen »unliebsame« Leute wohnten, eingebrochen wurde. (»Es wurden Keller ausgeräumt«).
Franz Hausmann erinnerte sich, daß der Vater zur Sicherheit »s'Beil hentr d'Kellerdür geschdellt hat«. Bestätigt wurde auch von mehreren Seiten, was mir Fritz Leitz jr. vor vielen Jahren berichtete: Das Martha-Leitz-Haus wurde von Russen, aber genauso unverschämt von Einheimischen, geplündert. (Es gab und gibt noch in zahlreichen Häusern einen Leitzteller mit dem Leitzzeichen darauf, oder Leitzbesteck).

Frau Franz erinnert sich, daß die Frau Stepka vom Lager 1 einmal mit einem Ballen Stoff angekommen sei, der möglicherweise aus einem Einbruch in Heidenheim (WCM - Württembergische Cattunmanufaktur) stammte und den sie an ihr wohl gesonnene Oberkochener verteilt habe. Ein anderer Zeitzeuge ist der Meinung, daß dieser Stoff, aus dem sich eine ganze Reihe von Oberkochenerinnen Kleider und Röcke genäht haben, alle mit dem gleichen Muster (»So, hasch au an Russastoff kriagt?«) von den Vorhängen und Gardinen im Martha-Leitz-Haus stammte.

Frau Post berichtete, daß es besonders schlimm in dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma Fritz Leitz (heute CZ-Bau V) hergegangen sei, in welchem die Amerikaner einquartiert waren. Dort sei ständig ein vom Alkohol gesteigerter Riesenlärm gewesen, und »sie haben gehaust daß es nicht mehr schon war«. Immer wieder seien Dinge aus den Fenstern geflogen. Besonders Angst habe nicht nur sie vor den Schwarzen gehabt. Es seien ja schließlich die ersten Schwarzen gewesen, die man zu Gesicht bekam. Auf die Ausschreitungen auf dem Theussenberg, die von Oberkochen aus gingen, gehe ich in einem späteren Bericht ein.

Die genannten oberen Russenbaracken und weitere Barackenunterkünfte von Lager 1 (Fritz Leitz) seien total versifft und verlaust gewesen und seien deshalb von den Amerikanern mit Benzin übergossen und angezündet worden. Viele Oberkochener wissen das nicht. Herr Peter Fischer, Aalen, und Frau Post berichteten als ehemalige Anlieger übereinstimmend, daß das ein so furchtbares Feuer war, ein »Höllenfeuer«, daß man um die nahestehenden, nur durch einen Streifen Feld vom Barackengelände getrennten Gebäude, in denen sie wohnten, Angst bekam. Man habe die Fenster aufmachen müssen, sonst wären sie in der Hitze gesprungen. In einem offenen Fenster habe ein Gummimantel gehangen, der sei weich geworden und an den Fensterrahmen »nababbt« die Zwetschgen auf den Bäumen seien heiß und runzelig geworden.

Dieser Darstellung wird häufig widersprochen, vor allem von Mitarbeitern der später zugereisten Mitarbeiter der Firma Carl Zeiss aus Jena, die der Meinung sind, daß sie in die alten Gefangenenbaracken eingewiesen worden sind. Herr Bruno Deinhart und Franz Brunnhuber bestätigten jedoch, daß die »Amis« die Baracken gleich nach dem Kriegsende niedergebrannt haben und daß später andere Baracken aufgestellt wurden. (siehe unser Foto)

Frau Post wußte, daß anstelle der niedergebrannten Baracken, die dunkelgrün gestrichen waren und nur einen Eingang mit zentral erschließendem Mittelgang hatten, Baracken aufgestellt wurden, die einen anderen Grundriß mit verschiedenen Eingängen hatten. Herr Deinhart wußte, daß es sich nicht um neue, sondern um gebrauchte Baracken gehandelt hat, die von der Gemeinde auf dem alten Barackengelände aufgestellt worden sind. Ich denke, daß durch die übereinstimmenden Aussagen von Frau Post, Herrn Fischer, Aalen, Herrn Deinhart und Herrn Brunnhuber endgültig mit dem immer noch kursierenden Gerücht aufgeräumt werden kann, demzufolge die ersten »Zeissler« in den ehemaligen Gefangenenbaracken untergebracht worden sind.

Das Gelände um Lager 1 wurde nach dem Krieg von den Amerikanern monatelang als Lager für Flugzeugteile und nicht weiter verwendbare Maschinen des demontierten Rüstungsbetriebes Fritz Leitz verwendet. Dieser Platz diente Jugendlichen, das bestätigten Herr Fischer, Herr Adolf Hausmann und Herr Deinhart, als Abenteuerplatz.

Herr Fischer wußte noch, daß sie damals Kugellager, Messing- u. Bronzeteile aus den Gerätschaften ausgebaut und über den »Schuhpaul« in bare Münze bzw. andere Güter umgesetzt haben. Für 30 kg Buntmetall habe es einen Zentner Mehl gegeben. Herr Hausmann erinnerte sich, daß die Dur-Alu-Teile wahnsinnig gut gebrannt haben, hauptsächlich, wenn man noch ein wenig Wasser ins Feuer gegeben hat.

Auch Herr Deinhart bestätigte diese Aussagen. Er habe es als 9jähriger Junge hauptsächlich auf die »Konschtoffzahrädle« abgesehen gehabt. Manch mal sei man den »Amis«, die ihre Abfälle »hentere en Langdeich« gefahren haben, hinterher. Besonders bei begehrt seien weggeworfene Micky-Maus-Heftle gewesen - manchmal habe man auch nicht geöffnete Dosen gefunden. Herr Deinhart wußte auch zu berichten, daß die im Freien gelagerten Flugzeugteile aus Kunststoff und Dur-Alu von den Amerikanern angezündet worden sind.

Wer kann helfen?
Dieses Foto der Fabrikgebäude des ehem. Rüstungsbetriebs Fritz Leitz stellte uns Dr. Hinkelmann vom Optischen Museum Carl Zeiss zur Verfügung, leider ohne zeitliche Angabe - es ist lediglich vermerkt, daß CZ 1946 in diesen Fabrikgebäuden den Stiftungsbetrieb fortsetzte.

Nach unserer Ansicht muß das Foto 1945 bald nach Kriegsende entstanden sein. Der untere Pfeil weist auf das Gelände des aufgelösten Gefangenenlagers. Die alten Baracken sind bereits nicht mehr vorhanden - die Grundrisse der beiden Russenbaracken, einschließlich des sie verbindenden kleinen Sanitärtrakts und der großen Baracke, sind erkennbar. Neue Baracken sind noch nicht aufgestellt. Das Foto scheint entgegen zahlreichen Überlieferungen zu belegen, daß zumindest diese 3 Gefangenen-Baracken des Plans von 1942 entfernt wurden, d. h., daß die Ankömmlinge der Fa. CZ aus Jena 1916 nicht in diesen alten Gefangenenbaracken untergebracht gewesen sein können, da es sie bereits 1945 nicht mehr gegeben hat. Es müssen, wie Herr Fischer, Aalen, Frau Post und Herr Deinhart berichteten, andere Baracken auf den alten Plätzen gewesen sein. Für ein frühes Datum bald nach Kriegsende spricht der noch äußerst niedrige Baumbewuchs um die Neubauten der Fa. Fritz Leitz. Es fällt auch auf, daß auf dem Foto keinerlei Fahrzeuge zu erkennen sind.

Andere Oberkochener sind allerdings der Meinung, daß das Foto wesentlich später entstanden sein müsse. Diese müßten dann allerdings in der Lage sein zu erklären, weshalb der Platz des ehemaligen FL-Gefangenenlagers 1 auf diesem Foto frei von Baracken ist und wie es kommt, daß die Barackengrundrisse auf dem Foto-Original ablesbar sind. Interessant wäre vor allem auch ein Hinweis darauf, wann das Gelände so ausgesehen hat, wenn nicht 1945.

Mehrere Informanten wußten übrigens, daß in der Ecke zwischen der Firma Brunnhuber und der FL-Werkssiedlungsbebauung in späterer Nachkriegszeit ca. 4 weitere Baracken für Heimatvertriebene und Zugezogene aus Jena errichtet wurden.

Der obere Pfeil weist auf ein Gebilde, das mit großer Wahrscheinlichkeit im Zusammenhang mit dem rechten (nordöstlichen) der beiden Stolleneingänge zu der angefangenen unterirdischen FL-Fertigungsanlage steht oder dieser gar ist. Schräg rechts oberhalb des »Napoleonbuckels« steht das Haus Ilg in der Kurve der Volkmarsbergstraße.

Wer kann mit klaren Aussagen zum Entstehungsjahr dieses Fotos weiterhelfen und weitere offene Fragen in diesem Bericht beantworten oder möglicherweise schiefe Darstellungen korrigieren?

Dietrich Bantel

 
 
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