Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 309
 

Bau der Volkmarsbergstraße 1932/33

Im Heimatbuch wird auf den Seiten 170/171 beschrieben, wie in Oberkochen in einem Akt der Selbsthilfe gegen die Arbeitslosigkeit aus der wirtschaftlichen Notsituation heraus noch vor der Machtergreifung unter großer Beteiligung Oberkochener Arbeitsloser und unter örtlicher Bauleitung (es gab lt. Foto eine Gruppe mit 19 Erwachsenen und eine Gruppe mit 27 Jugendlichen) in zwei Sektionen die Straße zum Volkmarsberg begonnen und im Herbst 1933 vollendet wurde. Heute würde man von »Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen« sprechen.

In der Zeit von Ende Juni bis Mitte Oktober 1933 lag die örtliche Bauleitung bei Jakob Kirchdörfer, wie aus dessen von ihm geführten Gehaltbuch hervorgeht, das sein Enkel Jakob Edinger dem Heimatverein stiftete.

Nach diesen, sehr genau geführten, in deutscher Schrift geschriebenen Dokument begannen unter Jakob Kirchdorfers Regie - Jakob Edinger berichtete, daß sein Großvater einen Steinbruch beim Naturfreundehaus am Tierstein besaß - am 20. Juni 1933 31 Arbeiter an der noch nicht fertigen Straße zu arbeiten. In der ersten Zeit wurde noch nicht die ganze Woche durchgearbeitet.

In der ersten Woche, in der dann ganz durchgearbeitet wurde (6. - 12. Juli 1933) sind in der Gehaltsliste folgende 31 Arbeiter eingetragen: Karl Elmer, Gutheiß Kaspar, Minder Franz, Völker Wilhelm, Burr Karl, Holz Albert, Fischer Franz, Maier Oskar, W. Hillenmaier, Betzler Franz, Renner Karl, Gold Johann/Gärtner, Kopp Matth., Baumgartner, Kopp Johann, Haßinger Albert, Betzler Johann, Gold Anton, Willib. Schaupp, Wingert Josef, Sanwald Georg, Schaupp Eugen, Löffler Anton, Winter Eugen/jun., Kopp Christ., Winter Eugen/sen., Oberdorfer Jos., Wilhelm Fischer, Kirchdörfer/jun., Trittler, Mannes.

Unter der Liste der Lohnempfänger, die durchschnittlich 40 Stunden in der Woche arbeiteten und einen durchschnittlichen Wochenlohn von 17,83 Mark erhielten, was einem ausbezahlten Stundenlohn von 44,5 Pfennig (Brutto 50 Pfennig) entspricht, vermerkte Jakob Kirchdörfer am 14. Juli 1933: Kirchdörfer ausbezahlt am 14. Juli: 458,13 Mark.

Die Zahl der wöchentlich ausbezahlten Arbeiter stieg im August auf 41 an, und pendelte sich bis September wieder auf ca. 30 ein. Ende September verringerte sich die Zahl schlagartig auf die Hälfte. Der letzte Eintrag vom 19.10.1933 listet 16 ausbezahlte Arbeiter namentlich auf, nämlich: Betzler Franz, Elmer Karl, Gold August, Gold Johannes, Gutheiß Kaspar, Fischer Paul, Holz Albert, Kopp Christian, Lindner Eugen, Sanwald Georg, Schaupp Willibald, Unfried Emil, Völker Wilhelm, Winter Eugen/alt, Winter Eugen/jung, Kirchdörfer Jakob/jung.

Verglichen mit der Kirchdörfer-Liste aus der Anfangszeit haben nur 10 Arbeiter von Anfang bis zum Schluß gearbeitet, wobei davon ausgegangen werden darf, daß der starke Rückgang der Beschäftigtenzahl im September damit zusammenhängt, daß gegen Ende des Straßenbaus nicht mehr für alle Beschäftigten Arbeit anfiel. In dem Gehaltbuch lag das Fragment einer Arbeitsbescheinigung, ausgestellt auf den Namen Albert Holz. Albert Holz, geb. 29.4.1871, ist einer derjenigen, die von Anfang bis Schluß am 20. Oktober 1933 dabei waren (lt. Arbeitsbescheinigung als »Erdarbeiter«) und offenbar auch noch darüber hinaus in einem Arbeitsverhältnis mit Kirchdörfer standen. Auf der Rückseite dieser leider nicht ganz erhaltenen Arbeitsbescheinigung ist als Grund für die Lösung des Arbeitsverhältnisses am 20. April 1934 »Arbeitsmangel« angegeben. Das Original der Arbeitsbescheinigung, die aus unbekanntem Grund beim Arbeitgeber verblieb, hätte lt. Vordruck zur Vorlage bei der Arbeitslosenversicherung gedient. Es kann aber davon ausgegangen werden, daß Albert Holz diese Bescheinigung nicht benötigte, weil er andere Arbeit gefunden hat. In der Arbeitsbescheinigung ist die Zahl der wöchentlichen Arbeitsstunden, wie vorher dargelegt, mit 40 angegeben, der ausbezahlte Wochen-Brutto-Gesamtlohn mit RM 20,- , was wiederum dem bereits errechneten Bruttoarbeitsstundenlohn von einer halben Mark entspricht. Darüber hinaus sollte auch nicht übersehen werden, daß Albert Holz 1933 bereits 62 Jahre alt war!

Diese Zahlen und Summen stimmen heute nachdenklich. Es führt kein Weg daran vorbei, daß ein Brief im Jahr 1933 12 Pfennig gekostet hat, das heißt, daß der Stundenlohn 4 Briefmarken um je 12 Pfennig entsprach. Auf heutigen Standard umgerechnet: Ein Brief kostet heute DM 1,10, das bedeutet, daß die ausbezahlten 47 Pfennig Stundenlohn von damals heute einem Stundenlohn von DM 4,40 entsprechen. Die Frage ist: Wer leistet heute für DM 4,40 noch Schwerstarbeit? Zum einen muß die Not riesengroß gewesen sein, wenn um einen so geringen Lohn so hart gearbeitet wurde. Zum anderen waren jedoch auch die sozialen und moralischen Voraussetzungen anders als sie es heute sind. Darüber zum Neuen Jahr zu sinnieren, lohnt sich.

Am vorletzten Arbeitstag, dem 19. Oktober 1933, vermerkt Jakob Kirchdorfer unter der Abrechnung:
»Kirchdörfer von der Gemeinde erhalten in Scheck: 2100 Mark.«
Das heißt, daß Jakob Kirchdorfer/sen. die Arbeiten im Auftrag der Gemeinde durchführte.

In diesem Zusammenhang ist wohl das Gemeinderatsprotokoll vom 5. September 1934 zu sehen. Hier steht unter § 360:

»Das Landesarbeitsamt Südwestdeutschland in Stuttgart teilt mit Erlaß vom 31. August 1934 die Abrechnung über die verstärkte Förderung für die Notstandsmaßnahmen »Anlage von Feld-, Wald- und Ortswegen« mit. Hiernach werden der verstärkten Förderung 4873 Tagwerke zu Grunde gelegt. Dies entspricht einem zu gewährenden Darlehen von 2700,- RM. Diesen Betrag hat die Gemeinde bereits erhalten ... (folgt der Tilgungsmodus)«.

Inwieweit sich Fabrikant Fritz Leitz (Rüstungsbetrieb) als »Mann mit den heißen Drähten nach oben« in den frühen Dreißigerjahren beim Land für die Förderung des Baus der Straße auf den Volkmarsberg verwendet hat, kann nur vermutet werden. Immerhin war er der Hauptförderer des Gedankens an den Bau eines neuen »Volkmarsbergturms« im Jahr 1929 gewesen, nachdem der alte Holzturm schon 1911 einem Sturm zum Opfer gefallen war. Möglicherweise haben auch militärstrategische Gedanken und Überlegungen zur Nachrichtenübermittlung die 1934 an die Gemeinde Oberkochen ausbezahlte Landesförderung in Form eines günstigen Darlehens zum Bau der Volkmarsbergstraße begünstigt.

Das Foto, das 1933 beim Bau der Volkmarsbergstraße entstand (Repro Stelzenmüller), stellte uns Anton Gutheiß, Sohn des in den Arbeiterlisten erwähnten Kaspar Gutheiß, zur Verfügung. Kaspar Gutheiß ist der Mann in der Mitte mit Schürze und Pickel über der Schulter. Anton Gutheiß, damals 6 Jahre alt, erinnert sich noch gut daran, daß er seinem Vater das Essen auf den Berg bringen mußte. Wer denkt heute schon daran, wenn er hinauf zum Berg spaziert, unter welch schwierigen Bedingungen unser Sträßle zum Volkmarsberg vor 65 Jahren entstanden ist.
Wer kennt die Namen der anderen 4 Männer?

Dietrich Bantel

 
 
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