Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 299
 

»Zäunte Wänd«

Sie sind am Aussterben, die »zäunte Wänd« und wo sie noch sind, hätte man sie am liebsten los, weil sie so langsam kaputt gehen. Meist sind sie weit über 100, oft sogar mehrere hundert Jahre alt. Fest steht, daß sie gegen Ende des letzten Jahrhunderts aus Sicherheitsgründen (Feuer) verboten wurden. »Zäunen«, oder »zeinen« bedeutet so viel wie »Korbflechten«. Gemeint ist hier aber nicht das Flechten von Körben, sondern das Einfügen von einem korbartigen Geflecht aus Holzstäben, Ruten und Reisig in die leeren Gefache von Fachwerkhäusern, die von beiden Seiten her mit Lehm verschmiert wurden.

Diese Wandbautechnik ist uralt und bis in die vorrömische Zeit, ja selbst die jüngere Steinzeit nachweisbar. Auch die Römer selbst verwendeten diese Technik. Man nennt sie »Schlierriegelbauweise«.

Anläßlich der Ausgrabung des Römerkellers 1971 wurden sowohl Holzstäbe als auch denen Abdrücke in Lehm vom aufgehenden Fachwerkmauerwerk gefunden. Der Lehm ist gebrannt, die Stäbe verkohlt, was - wie auch andere Hinweise - darauf hindeutet, daß das Oberkochener Römergebäude wohl beim Alamannensturm um die Mitte des 3. nachchristlichen Jahrhunderts niedergebrannt wurde. Eine Reihe von solchen Belegen können im Heimatmuseum, Raum 2, besichtigt werden.

Vor allem bei den Alamannen, die, im Gegensatz zu den Römern, ausschließlich in Holz bauten, war diese Bauweise verbreitet. Das ist auch der Grund, weshalb wir von der älteren römischen Architektur zahlreiche Zeugen auf der Schwäbischen Alb haben, von der alamannischen so gut wie gar nichts. Sie ist vergangen. Da Holzbauweise und vor allem das »Verriegeln« der Gefache mit Flechtwerk und Lehm billiger waren, als die Steinbauweise, wurden »zäunte Wänd« bis vor 100 Jahren vor allem dort verwendet, wo kein Geld für einen Steinbau oder das »Verriegeln« der Gefache mit Steinwerk, vorhanden war.

3 Gründe gab es, diese »billige« Bauweise, häufig erst nachträglich, in ihrer gesamten Fläche zu verputzen. Erstens waren die Zäunten Wände nicht luftdicht - sie mußten ständig nachgedichtet werden. Zweitens waren sie nicht »einbruchsicher« - Gesindel gab es zu allen Zeiten, und eine »zäunte Wand« konnte mit ein paar Schlägen eingedrückt werden und drittens sah man dem Haus von außen an, daß in der Regel arme Leute drin wohnten. Allerdings brachte das Verputzen von Fachwerkhäusern auch Probleme mit sich, weil sich der Verputz und das darunterliegende Fachwerk bei Wärme und Kälte verschieden stark ausdehnen und Rissebildung und Abblättern des Verputzes vorprogrammiert sind.

Zur Herstellung der »zäunten Wände« wurden in der Regel in der Senkrechten Espen- oder Eichenstämmchen (Stickscheiter) verwendet, für das Quergeflecht, sozusagen den Durchschuß, Haselruten (Schienen). (Quelle: Angelika Bischoff-Luithlen in »Der Schwabe und die Obrigkeit« S. 159). Richtiger erscheint mir allerdings die Schreibweise »Schinen« zu sein. Herr Wingert kennt die Wandbauweise unter der Bezeichnung »Faschinenbauweise«. Der Duden erklärt das Wort »Faschine«, mit franz. »Reisigbündel zur Sicherung von Uferböschungen«. Das Wort »Stickscheiter« hängt mit Stecken oder Stöcken zusammen.

Ehe man den Lehm auf das Geflecht schmierte, wurde das Flechtwerk meist mit Reisig verdichtet und »griffig« gemacht. Der Lehm wurde mit kleingeschnittenem Stroh, Kuhmist und Straßenkot »gestreckt« und hatte ungefähr die Konsistenz von frischem Kuhmist. Bei Nebengebäuden wurde die Oberfläche nicht verputzt und deshalb bündig mit dem Holzfachwerk ausgeführt, bei Wohngebäuden wurde sie in das Geflecht hineingequetscht und die aufgeschmierte Schicht um die Dicke der Putzschicht schwächer ausgeführt. Die Putzschicht wurde in der Regel jedoch nur bis an, nicht über das Holzfachwerk gelegt.

In Oberkochen gibt es eine ganze Reihe von verputzten Fachwerkhäusern, wobei mir aber nicht bekannt ist, wie das Riegelwerk unter dem Verputz aussieht.

Die Beispiele, die ich früher im Unterricht zeigte (Plüderhausen, Mögglingen) sind inzwischen abgebrochen. Deshalb bin ich den Herren Bruno Wingert und Martin Gold - »Bär« - dankbar für den Hinweis, daß es in der Heidenheimer Straße neben dem Gebäude Wingert bis auf den heutigen Tag ein hervorragendes Beispiel für eine »zäunte Wand« gibt, das, aufgrund der Tatsache, daß der Verputz abbröselt, in seiner Konstruktion genau studiert werden kann.

Es handelt sich um das ehemalige landwirtschaftliche Anwesen Karl Scherr, Gebäude Heidenheimer Straße 35, das lt. Auskunft der Gebäudebrandversicherung (Sitz Aalen) im Jahr 1792, also vor über 200 Jahren, errichtet wurde. Nachdem es lange Jahre im Besitz der Fa. A. Bäuerle war, wurde es vor ca. 3 Jahren von der GE0 erworben, und es ist damit zu rechnen, daß es in absehbarer Zeit abgebrochen wird. Das Fachwerk-Gebäude weist 3 verschiedene Wandoberflächen auf. Von der Straßenseite her und an der Giebelseite Richtung Königsbronn ist es ganzflächig verputzt. Die Giebelseite ist im Verputz bereits so schadhaft, daß die darunterliegende Lehmschicht an 2 Stellen sichtbar ist, das Flechtwerk ist aber noch abgedruckt. Auf der Rückseite, dem Kocher zu, liegt das Fachwerk offen, und nur die Flächen zwischen den Gefachen sind verputzt, der Verputz ist jedoch rissig und droht jeden Augenblick abzublättern. Die Giebelwand zwischen diesem Gebäude und dem ortseinwärts eng angrenzenden Gebäude 33 Wingert, (im Erdgeschoß bis Juli 97 Textilhaus Grau), befindet sich in desolatem Zustand, der jedoch architekturgeschichtlich von großem Interesse ist. Hier ist der Verputz zwischen den Gefachen weitgehend vom darunterliegenden Korbgeflecht abgeblättert. An vielen Stellen kann man die Lehmschmotze, mehrfach ausgebessert, die stärkeren Senkrechthölzer (Stickscheiter) und die durchgeflochtenen dünnen Hölzer (Schienen), hervorragend erkennen, letztere fast ausschließlich der Länge nach zu flachen Bändern gespalten. An einer Stelle scheint auch eingefügtes Reisig erkennbar. Auffallend ist, daß die Stickscheiter in den parallelogrammahnlichen Gefachen des Giebels entsprechend der Dachneigung schräg liegen.

Abschließend möchte ich darauf hinweisen, daß das alte Wort »zeinen« - »zäunen« selbstverständlich in seinem Ursprung auf das Flechten von Zäunen zurückgeht. Aus dem Mittelalter sind mir zahlreiche Bildbeispiele bekannt, auf denen geflochtene Zäune zu sehen sind, so, wie man sie bis heute noch in abgelegenen Gegenden in Tirol sehen kann.

Darf ich darum bitten, daß mir mitgeteilt wird, wo noch in Oberkochen »zäunte Wänd« zu sehen sind. Wir möchten sie gerne fotografisch belegen.

Dietrich Bantel

 
 
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