Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 287
 

Bundeskanzler Erhard in Oberkochen (1965)

Die Medien haben ausführlich berichtet: Diese Woche, am 4. Februar, war der 100. Geburtstag des 1963 - 1966 amtierenden 2. Nachkriegsbundeskanzlers, Professor Ludwig Erhard, der gerne als »Maßhalte-Kanzler«, als Vater der »Sozialen Marktwirtschaft« und dadurch »Initiator des Wirtschaftswunders« bezeichnet wird - wenn heute auch schon Stimmen laut werden, die diese Markenzeichen gleichrangig mit den allgemeinen Tendenzen dieser Zeit sehen, und meinen, daß alles ohne Erhard genau gleich gelaufen wäre. . . .

Hier im Rahmen unserer heimatkundlichen Berichterstattungen, kann es aber weder um Politik noch viel weniger um deren historischen Stellenwert gehen. Die Frage, die sich uns stellte, ist vielmehr die: Was hat Ludwig Erhard mit Oberkochen zu tun?

Denjenigen, die 1965 schon in Oberkochen gelebt haben, wird bei dieser Frage blitzartig durch den Kopf schießen: Ja - da war doch was!

Am Dienstag, 14. September 1965 stattete der Bundeskanzler Oberkochen anläßlich einer Wahlkampfreise einen Kurzbesuch ab: 5 Tage später, am Sonntag, 19. September, waren Bundestagswahlen, an der die Wahlbeteiligung in Oberkochen übrigens 91,6 % betrug.

Der Kanzler traf mit einem Sonderzug von Aalen kommend und von »Offiziellen« begleitet, mit gut einer halben Stunde Verspätung auf dem Oberkochener Bahnhof ein - natürlich mit der obligatorischen Zigarre.

Unser Foto zeigt ihn am Ende seiner Ausführungen, den Oberkochenern zuwinkend.
Von links: CDU-Vorstand und Mitglied im Gemeinderat Julius Metzger, Bundeskanzler Prof. Ludwig Erhard, weiter nach rechts 2 Begleitpersonen (wer kann mit Namen weiterhelfen?), und rechts außen Dr. Manfred Abelein, MdB.

Weil der Bundestagswahlkampf zu diesem Zeitpunkt bereits in seiner heißen Endphase lief, gibt es im redaktionellen Teil des Amtsblatts »Bürger und Gemeinde« weder vor, noch interessanterweise nach dem Ereignis einen Bericht oder einen Hinweis auf den Besuch des Kanzlers. Es gibt lediglich eine Annonce der CDU-Ortsgruppe Oberkochen in BuG vom 10.9.65 auf Seite 332 mit folgendem Text:

Bundeskanzler Professor Ludwig Erhard besucht Oberkochen
am Dienstag, dem 14. September 1965, vormittags 10.45 Uhr
Kundgebung auf dem Bahnhofsplatz.
Eine Jugendkapelle sorgt für die musikalische Umrahmung.
Die gesamte Bürgerschaft ist zum Besuch freundlich eingeladen.

Das heißt: Für Bürgermeister Bosch und die Stadtverwaltung fand dieser Kanzlerbesuch offiziell nicht statt. Bürgermeister Bosch übte sich in vornehmer Zurückhaltung und begrüßte den hohen Gast nicht in Oberkochen, weil sein Besuch nicht der Stadt, sondern einer politischen Partei galt.

Der Besuch war auch schnell genug vorüber: Um 11.25 Uhr traf der Zug ein, um 11.29 betrat der Kanzler das Rednerpult, um 12.04, also nach 25 Minuten, verabschiedete er sich, bestieg unmittelbar anschließend wieder den Sonderzug und verließ Oberkochen Richtung Heidenheim.

Die Aalener Volkszeitung vermerkt lediglich den Besuch des Kanzlers in Aalen (mit einem Bild von Photo Kristen).

Ob »schulfrei« war oder nur Schüler und Lehrer die sowieso frei hatten, dabei waren, ließ sich nicht mehr eindeutig feststellen: Der Kalender eines ehemaligen Schulleiters weist an diesem Tag keine Eintragung, sozusagen nur jungfräuliches Weiß auf.

Am Schluß dieses Kurzberichts sei auf ein heimatkundliches Unikum hingewiesen: Im Hintergrund des Bundeskanzlers ist ein Holzgebäude zu erkennen. In ihm befand sich die zum Bahnhof gehörende erste und letzte öffentliche Toilette Oberkochens, die man im Dorf stets das »Scheißhäusle« genannt hat. Dieses altehrwürdige Gebäude wurde - man möge mich korrigieren - auch nach Erinnerung von Altbahnhofsvorstand Anton Feil - im Zuge der aus heutiger Sicht eher bedauerlichen »Modernisierung« des Bahnhofs, sprich »Verkleidung mit Eternitplatten« im Jahre 1969 abgebrochen, unter anderem wegen »Mißbrauch«.

Der Wunsch nach einem öffentlichen Nachfolger geistert seither hartnäckig durch fast alle Bürgerversammlungen.

Dietrich Bantel

 
 
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