Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 286
 

Neues zum Luftangriff auf den KZ-Häftlingstransport beim Bahnhof Oberkochen am 1. April 1945

Viele Leser unserer heimatkundlichen Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag« werden sich an die zahlreichen Berichte erinnern, die wir schon im Zusammenhang mit dem Luftangriff auf den KZ-Häftlingszug vom 1. April 1945 veröffentlicht haben, (Berichte 177, 178 und 181 im Jahre 1992 im Amtsblatt BuG und den Bericht im Heimatbuch).

Eine offene Frage war, ob verletzte KZ-Häftlinge tatsächlich von Oberkochen nach Aalen ins Krankenhaus transportiert worden sind.

Nun hat mir Herr Stadtarchivar Dr. Schurig von der Stadt Aalen einen Beleg verschafft, der auf der einen Seite diese Tatsache belegt, andererseits aber zahlreiche wichtige Fragen sehr ungenau oder gar nicht beantwortet. Auch Herr Dr. Schurig bezeichnet diese bislang einzig bekannte schriftliche Zeitquelle als »äußerst mager«. (Hugo Theurer, Aalen im Zweiten Weltkrieg).

Ich habe die fragliche Passage aus dem nach dem Krieg erschienenen Bändchen von Hugo Theurer über die Kriegsereignisse in Aalen, die wir hier abdrucken, Herrn Ernest Gillen, einem ehem. Häftling, der den Transport überlebt hat und heute in Howald/Belgien wohnt, dennoch zukommen lassen.

Er antwortet uns und stellt uns wichtige Fragen, die immer noch offen sind. Die entscheidende Frage lautet: Wer kann bezeugen, daß bei dem Luftangriff Verletzte mit Wissen der Transportleitung ins Lazarett nach Aalen eingeliefert worden sind.

Immerhin ist bewiesen, daß die Oberkochener, die mir berichtet haben, daß Verletzte nach Aalen abtransportiert wurden, offenbar recht haben. Herr Gillen ist jedoch nur geholfen, wenn wir in der entscheidenden Frage weiterkommen.

Hier zunächst der Wortlaut des Textes von Hugo Theurer, danach der volle Wortlaut des Briefs von Herrn Ernest Gillen vom 17. Januar 1997:

Ein Transportzug von politischen Häftlingen wurde zwischen Unter- und Oberkochen mit Bordwaffen beschossen und zwei Tote und etliche Verletzte ins Lazarett nach Aalen eingeliefert. Die Toten wurden am Osterdienstag auf dem Aalener Friedhof beigesetzt, ohne daß ihre Namen festgestellt werden konnten.

Ich danke Ihnen ebenfalls für Ihre Wünsche und besonders für Ihre Bemühungen Klarheit über die Frage von der Überstellung von verletzten Häftlingen in ein Lazarett in Aalen zu schaffen.

Erlauben Sie mir, daß ich noch folgende Bemerkungen u.a. zu den Angaben von Herrn Hugo Theurer in seinem Beitrage »Aalen im 2. Weltkrieg« mache. Dieselben sind mir etwas ungenau. Herr Theurer spricht von einem Angriff zwischen Unter- und Oberkochen, während der Angriff ohne Zweifel im Bahnhof Oberkochen stattfand. Er gibt nicht an, wann die beiden weiteren Toten - laut amtlichen Unterlagen starben in Oberkochen 8 Leute und 8 Leute wurden auch dort beerdigt - und auch die Verletzten nach Aalen kamen. Handelt es sich bei den Aalener Häftlingen gegebenenfalls um solche, die geflüchtet waren und erst nach der Abfahrt des Zuges aufgefunden wurden und wovon möglicherweise 2 starben? Kamen diese Häftlinge überhaupt aus Oberkochen? Können sie sich zu anderen Häftlingstransporten gehört haben, die um die selbe Zeit angegriffen wurden und bei denen es Tote und Verletzte gab?

Meine Bedenken über eine Überstellung von Verletzten Häftlingen in ein Lazarett beziehen sich selbstverständlich nur auf solche Häftlinge, die von der Transportleitung wissentlich in Oberkochen zurückgelassen und von dort in ein Lazarett eingeliefert wurden. Daß Häftlinge, die geflüchtet waren oder aus irgend einem Grunde erst nach der Abfahrt des Zuges entdeckt wurden, nicht nach Dachau weitergeleitet wurden und daß sie in ein Lazarett eingeliefert wurden, fand und finde ich, damals wie heute, durchaus normal. Wenn hingegen verletzte Häftlinge von der Transportleitung absichtlich in Oberkochen zurückgelassen worden wären, wäre dies bestimmt gegen jede SS-Vorschrift gewesen. Daß die Transportleitung so gehandelt hätte, kann ich eben nicht glauben, es sei denn ich hätte hierzu viel handfeste Beweise. In diesem Falle verdienten die Verantwortlichen noch nachträglich sogar unseren Dank, und ich würde mich bestimmt nicht daran vorbeidrücken.
Mit freundlichen Grüßen
Gillen

Wir veröffentlichen eine von Herrn Ernest Gillen vor langer Zeit gefertigte Erinnerungsskizze - die als wichtigstes Fakt zeigt, daß - sollte die Zahl der Wagen zutreffen - im Bereich der zweiten Hälfte des Zugs »aufgestapelte Eisenblechrollen« lagen, und zwar auf der Seite gegen den Ort bei »Häusern und Gärten«. Hier sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Kaltbandrollen der Firma »Röchling-Kaltwalzwerk« gemeint.

Wie von den Oberkochener Zeitzeugen beschrieben, zeigt Herr Gillen ebenfalls, daß die KZ-Häftlinge und Wachposten nach beiden Seiten aus dem Zug sprangen.

Dietrich Bantel

 
 
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