Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 281
 

Karl Lense (1911 - 1943)
1933 Deutscher Meister im Skilanglauf über 50 km

Vielen Alt-Oberkochenern ist Karl Lense ein Begriff. Sein Name verbindet sich mit der Hochzeit des Skilanglaufs in Oberkochen - Ja, man sprach damals in den dreißiger Jahren von Oberkochen als einer »Hochburg des nordischen Skisports« mit dem Schwergewicht auf dem Langlauf und dem Skispringen.

Karl Lense wurde am 12.3.1911 geboren und fiel im 2. Weltkrieg am 3.12.1943 als Gefreiter bei Monte Pantano in Italien. Er wohnte in dem als »Pfluggäßle« bekannten Nebensträßle vis-a-vis des »Pflug« im Katzenbach, wo auch das Foto entstand. Dort hinten sieht's heute noch fast so aus wie damals vor über 60 Jahren.

Als erster Träger des Namens Lense kam Karl Lenses Großvater Johann Lense 1879 von Iggenhausen, im damaligen Oberamt Neresheim gelegen, nach Oberkochen. Er war Hafnergeselle und heiratete in diesem Jahr die Viktoria Dammbacher aus Ebnat. Die Hochzeit fand in Oberkochen statt, wo sich das junge Paar dann auch niederließ.

Hans Gold/Lenzhalde, dem wir das nette Foto von Karl Lense, wie er mit seiner von Professor Fritz Nuss geschaffenen Gipsbüste aus dem Fenster seines Hauses im Pfluggäßle herausschaut, verdanken, wußte, daß Karl Lense bei Gebr. Leitz Dreher gelernt und später bei der Firma Fritz Leitz (1945/46 demontiert) gearbeitet hat.

Willibald Grupp, selbst ein hervorragender Langläufer - man sieht ihn noch heute mit seinen über 80 Jahren mit zügigem langem Schritt auf der Loipe - berichtete, daß bei seinem Bruder Clemens Grupp, einem hervorragenden Skispringer jener Jahre, der auch zu den Siegern von 1933 in Freudenstadt zählte, in dessen Schreinerei im Schreinergäßle, dem Stammhaus der Skifamilie Grupp, »superleichte« Langlaufskier speziell für die Oberkochener Langläufer angefertigt wurden. Nicht ohne Stolz erzählte Willibald Grupp in diesem Sommer, daß sie, Karl Lense und er, so ungefähr gleich gut waren im Langlauf. So hin und wieder habe er den Lense sogar »versägt«: »... s' hat oim schon guat doa, wenn mr'n wegbraocht hat, den Lense - so hälenga isch's oim halt doch a gwisse Gnugduong gwä«.

Lense war von der Schule weg »saugut« im Langlauf, aber richtig aufgefallen ist er erst, als er aktiv in der Skiabteilung des SAV wurde. Robert Wolff erinnert sich, daß die Skier des Karl Lense jahrelang bei ihnen auf der Bühne gelegen haben; irgendwann habe man sie anläßlich einer Aktion aus dem Haus gegeben. Er bezeichnete Lense als »leicht aufbrausend«. Bei einem Blutspendetermin in Aalen stellte sich heraus, daß Lense ein doppelt so großes Herz hatte, wie die »normalen« Gleichaltrigen: Ein Sportlerherz.

Ende Februar 1933 wurde Karl Lense schlagartig im ganzen Ländle und weit darüber hinaus berühmt:

Schlagzellen in der deutschen Presse:

Die lokale Aalener Presse brachte am 1. März 1933 folgende Notiz:

Oberkochen, 1. März. (Sieger-Empfang) Gestern abend 1/2 11 Uhr trafen die Sieger von der Deutschen Schimeisterschaft in Freudenstadt hier ein. Böller krachten und die Musikkapelle hatte sich am Bahnhof aufgestellt, umgeben von einer riesigen Menschenmenge, um den beiden einheimischen Schneeschuh-Sportlern, die bei der großen Konkurrenz in so glänzender Weise abgeschnitten haben, einen freudigen Empfang zu bereiten. Unter den Anwesenden bemerkte man auch Bürgermeister Frank von hier. Nachdem 2 kleine Sportlerinnen der Schneelauf-Abteilung des Schwäb. Albvereins ihre Blumengrüße überreicht hatten, ging es unter den Klängen der Kapelle und unter dem Schein von Fackeln ins Lokal zum »Hirsch«. Dort begrüßte der Vorstand der hiesigen Ortsgruppe des Schwäb. Albvereins, Fabrikant Fritz Leitz, die beiden Sieger in herzlichen Worten. Darauf erzählte Karl Lentze von seinem 50 Kilometer-Lauf, während Clemens Grupp über den Sprunglauf berichtete. Von auswärts waren Vertreter der Schneeschuh-Abteilung des VfR Aalen erschienen. In deren Namen richtete Fabrikdirektor Seyfried anerkennende Worte an die Sieger unter Überreichung je eines Geschenkes. Die Zeit verstrich sehr rasch und den beiden Siegern war auch die Ruhe von ihren anstrengenden Leistungen zu gönnen, deshalb trennte man sich bald. Mit Stolz kann die Gemeinde Oberkochen und vor allen Dingen die Schneelauf-Abteilung der Ortsgruppe des Schwäb. Albvereins auf ihre beiden »Zünftigen« schauen, haben sie doch mit ihren Siegen eine große Tat für die auf der Ostalb lebenden Schneeschuh-Sportler vollbracht.

Die beiden im Bericht genannten »kleinen Sportlerinnen« waren lt. Skiabteilungs-Protokollbuch Inge Illg und Elli Gold. Das Protokoll verzeichnet sogar ein Gedicht, das die Mädchen beim Empfang Lenses vortrugen:

Grüß Gott, ihr beiden wackren Schwaben,
seid uns willkommen hier im Ort.
Wir freuen uns, daß wir Euch haben -
Den Sieg nahmt ihr den andern fort.
Die Blumen werden Euch zum Gruße dargebracht.
Ruht Euch nun aus von Eurer Meisterschaft.

Besucher der Skihütte kennen das gerahmte Großphoto des Karl Lense aus dem Jahr 1933.

Auf großen Umwegen erfuhr der Heimatverein von einer angeblich zu Bruch gegangenen und wahrscheinlich »entsorgten« Gipsbüste des Karl Lense, die 1934, ein Jahr nach dem Oberkochener Langlauftriumph von dem heute sehr bekannten Bildhauer Professor Fritz Nuss, dessen Sohn Hans Ulrich Nuss den Oberkochener Bohrermacherbrunnen geschaffen hat, angefertigt worden ist. Glücklicherweise konnte die wertvolle Plastik von uns unversehrt aufgespürt werden.

Eine kleine Abordnung unseres Vereins fuhr im Juni dieses Jahres mit dem Gipsmodell nach Strümpfelbach, um von dem inzwischen 89jährigen Künstler, Professor Fritz Nuss, etwas über sein vor 62 Jahren geschaffenes Werk zu erfahren.

Fritz Nuss erinnerte sich noch hervorragend an die näheren Umstände. Er war persönlich mit Karl Lense befreundet und ist mit ihm viel langgelaufen. Die Portraitbüste war kein Auftrag, sondern ist aus gegenseitiger Freundschaft entstanden. Herr Nuss hatte 1933 seine Ausbildung in Stuttgart abgeschlossen und war zu dieser Zeit bis 1935 freischaffender Künstler in Aalen, um hinterher eine Assistentenstelle in Stuttgart anzunehmen. In Aalen steht so manches Werk von ihm - am bekanntesten ist wohl die »Flötenspielerin« vor der Stadthalle. Herr Nuss entsann sich, daß er einige Zeit nach der Portraitbüste von Lense auch noch einen »Läufer« geschaffen hat, für den Lense Modell stand. Dieser Läufer sei als Preis verliehen worden, so erinnerte sich Willibald Grupp, für den »Karl-Lense-Gedächtnislauf«, der nach dem Krieg viele Jahre lang als 4 x 10-km-Staffellauf durchgeführt worden ist. Robert Wolff wußte zu berichten, daß anläßlich eines solchen Laufs 3 Rundfunk-Übertragungswagen in Oberkochen waren - einer stand beim »HJ-Heim« (heute Sonnenbergschule), ein weiterer im Tiefental bei der heutigen Goldenbauer-Ranch. Maria Wolff ist übrigens in jungen Jahren auch eine begeisterte Langläuferin gewesen. So kamen auch Lenses Skier ins Haus Wolff.

In der Atelier-Sammlung von Fritz/Hans-Ulrich Nuss Vater und Sohn befindet sich noch ein Bronzeabguß dieses Läufers (ungefähr 40 cm hoch), den uns Prof. Nuss mit leuchtenden Augen zeigte.

Fritz Nuss wußte mit Sicherheit zu sagen, daß das 43 cm große Gipsportrait von Karl Lense nie in Bronze gegossen worden ist. Unsere Bemühungen, entsprechende »Mäzene« in den Ski- und Lense-Bekannten-Kreisen für einen Guß zu finden, schlugen bislang leider fehl. (Ein Bronzeguß kostet ca. DM 2000,--). Wir haben aber die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

Einstweilen wird das Gipsmodell, das sich zur Zeit zur »kosmetischen« Überarbeitung im Atelier Fritz/Hans Ulrich Nuss in Strümpfelbach befindet, einen Platz im Heimatmuseum finden.

Herzlichen Dank dem TVO und der Skiabteilung für die Überlassung dieses für Oberkochen insgesamt interessanten Portraits des Deutschen Meisters über 50 km Langlauf im Jahre 1933 für unser Heimatmuseum.

An weiterem Fotomaterial zu Karl Lenses Leben, auch Information über den möglichen Verbleib seiner Skier, sind uns willkommen, und wir bitten um Nachricht per Telefon (7377).

Dietrich Bantel

 
 
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