Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 280
 

Flucht und Vertreibung der Bielitzer - Teil 2
Ein Bericht von Robert Michalik

In unserer alten Heimat - es war der 11. Februar 1945 - verließen die deutschen Truppen Bielitz. Die Kreisstadt Bielitz-Biala wurde am 12. Februar 1945 von der Roten Armee kampflos eingenommen. Wir erinnern uns: Der in Bericht 279 abgedruckte Marschbefehl nach Oberkochen für Frau Walloschke (verh. Reber), der gleichzeitig als Passierschein galt, war am 10. Februar 1945 ausgestellt worden und Frau Walloschke traf am 14. Februar in Oberkochen ein.

Die polnische Miliz und die Rotarmisten drangen in die Häuser ein. Sie beschimpften unsere dort zurückgebliebenen Landsleute: es waren Frauen, Kinder und kranke Männer. Sie schlugen auf die Frauen ein, die Zimmer wurden ausgeplündert und ausgeraubt. Kinder wurden den Müttern aus den Händen gerissen, Mädchen und Frauen vergewaltigt. Diese brutalen Menschen standen meist unter Alkoholeinfluß. Mütter, die sich vor die Kinder zur Wehr stellten, wurden mit Kolbenschlägen zusammengeschlagen. Diese bestialischen Grausamkeiten wiederholten sich mehrmals täglich; auch nachts gab es keine Ruhe. Der Krieg war auf diese Weise noch lange nicht zu Ende. Die durchlaufenden Soldaten der neuen Machthaber hatten Narrenfreiheit. Ein jeder durfte tun und lassen, was ihm gerade beliebte.

Bald wurden Frauen und Mädchen, die in den Wohnungen zurückgeblieben waren, auf die Straße hinausgetrieben und in Schulen, Auffanglagern und in die Gefängnisse gejagt.

Es wurden Transporte zusammengestellt. Die Menschen wurden nach einigen Tagen in offenen Militärlastwagen und Viehtransportwaggons ohne warme Bekleidung - es gab weder Mäntel noch Decken - aus Bielitz weggebracht. Februar, eiskalter Winter - und keiner wußte, wohin es geht.

Nach wochenlanger Fahrt wurden die Zivilverschleppten nach Zaporosche/Kaukasus gebracht, von wo aus die armen Menschen zu Fuß in die Arbeitslager »Alagier und Nusal« getrieben wurden.

Bald brachen mehrere Epidemien wie Typhus, Ruhr u. a. Krankheiten aus. Viele Frauen und Mädchen starben damals. Wer die Seuchen überlebte, wurde anfangs Juli 1945 zur Arbeit eingesetzt. In den Berghöhen von 2500 Meter wurden Baracken errichtet, die für die neuhinzukommenden deutschen Kriegsgefangenen vorgesehen waren. Wo keine Zufahrt möglich war, mußten die Frauen und Mädchen mit bloßen Händen das Baumaterial wie Steine, Sand, Balken auf dem Rücken aus den Tälern hinauftragen. Hunderte von Frauen und Mädchen arbeiteten auf einer großen Kolchose. Die Arbeit begann bei Sonnenaufgang und endete bei Sonnenuntergang. Das Essen war schlecht.

In dieser Gegend war die Malariamücke verbreitet. Wer an einer dieser Seuchen, Malaria, Ruhr, Typhus oder sonst schwer erkrankte, mußte in das einige Stunden vom Arbeitsplatz entfernte Krankenhaus gebracht werden. Im Oktober war es schon wieder recht kalt. Man stellte den Schwerkranken für den Transport keine Decken etc. zur Verfügung. Unsagbar groß war die seelische und körperliche Not all dieser Gefangenen.

Diese Schicksalserlebnisse schilderte mir meine Schwester, die heute in Königsbronn wohnt. Sie wurde seinerzeit mit noch keinen 17 Jahren aus dem Elternhaus in Altbielitz herausgejagt und mußte die vielen Strapazen am eigenen Leibe miterleben. Sie kam nach 4 Jahren Verschleppung krank als Zivilperson zurück. Eine weitläufige Verwandte wurde zusammen mit Frauen und Mädchen aus Bielitz verschleppt. Sie kam bis nach Novo-Sibirsk und nach einer 5 1/2jährigen Gefangenschaft krank über mehrere Etappen nach Oberkochen zu ihren Verwandten.

In der alten Heimat wurden, nachdem der Krieg zu Ende war, im Sommer 1945 von den Polen die erste Zwangsaussiedlungen nach Deutschland vorgenommen. In Sammeltransporten (Güterwaggons) brachte man die Heimatlosen nach Mecklenburg in die sowjetische Besatzungszone. Sehr viele starben auf dem Weg nach Grabow und Ludwigslust. Weitere Transporte gingen 1946 nach Niedersachsen, Westfalen und Bayern. In Luftschutzbunkern, Baracken und Notquartieren fanden sie die ersten Unterkünfte.

Große Landsmannschaften wurden ins Leben gerufen. Es wurde eine Monatszeitschrift »Bielitz-Bialaer Beskidenbriefe« für diese Heimatvertriebenen herausgegeben. In verschiedenen Orten gelangte man zur Einsicht, daß der überwiegenden Mehrheit unserer Landsleute die Pflege des Heimatgedankens, des überlieferten Kulturguts und des persönlichen Kontakts ein aufrichtiges Herzensbedürfnis sei.

So bildete sich eine Heimatgruppe Bielitz-Biala e. V. mit Zweiggruppen im ganzen Bundesgebiet. Die Patenstadt wurde Lippstadt/Westfalen.

Zum Gedenken an den schweren Verlust der Heimat vor 10 Jahren veranstalteten die hiesigen Bielitzer am 2. April 1955 einen Familienabend, an dem 100 Personen anwesend waren. Es nahmen u. a. auch Heimatfreunde aus Ulm, München und Stuttgart daran teil. Wir waren eine lose Heimat- und Schicksalsgemeinschaft.

Eröffnet wurde das Festprogramm durch einen Musikvortrag des Kammertrios »Neuber« im Gasthaus »Hirsch«. Die Begrüßungsansprache hielt Heimatfreund Johann Urbanke, die Festansprache hielt Ing. Pudelek aus München, der u. a. die besten Grüße der Münchner Zweiggruppe überbrachte. Auch Herr Bürgermeister Bosch war anwesend und überbrachte die herzlichen Grüße und guten Wünsche der Gemeinde. Die besinnliche Feierstunde wurde durch ein reichhaltiges Festprogramm von Musik-, Gesang- und Gedichtvorträgen umrahmt.

Am 9.4.1967 entstand unter dem Heimatfreund Johann Urbanke eine eigene Zweiggruppe der Bielitzer in Oberkochen. 1972 übernahm Hugo Englert sen. das Amt des Vorsitzenden, gefolgt von Heimatfreund Dipl.-Ing. Herbert Kupke aus Aalen. Infolge des Todes der beiden Vorstände führt für das weitere Bestehen der Oberkochener Zweiggruppe Heimatfreund Robert Walloschke, einst auch Bürger von Oberkochen, jetzt wohnhaft in Weißenburg/Bayern, die Geschäfte.

Im Laufe der Zeit ist die Heimatgruppe altersbedingt und durch die Todesfälle zusammengeschrumpft, so daß wir uns nur 2- bis 3mal jährlich im Gasthof »Grube« treffen. Wir feiern in der Adventszeit nach wie vor das traditionelle Vorweihnachtsfest, bei dem 20 Personen anwesend sind.

Ich möchte nun einige Namen von Personen nennen, die seinerzeit alleine oder im Rahmen der Familienzusammenführung hierher nach Oberkochen kamen und größtenteils in unserem Städtchen oder dessen Umkreis die zweite Heimat gefunden haben. Es waren bis 1946, vor nunmehr 50 Jahren, die Familien Urbanke, Bathelt, Mickler, Michalik, Stana, Walloschke, Dubiel, Scharek, Piesch, Böhn, Englert, Homa, Janotta, Schwarz, Zipser, Hess, Staschek, Steckel, Wenzel, Jakobschy, Schymik, Zender, Bartelmuss, Lehrer, Gürtler, Kaiser, Biesok, Kwasny, Buchmann, Woldschläger, Niesyt, Jenker, Janotta u. a.

Wir Bielitzer Heimatvertriebenen haben uns inzwischen gut in der neuen Heimat eingelebt, haben Arbeit gefunden und so manch einer hat sich eine Existenz aufgebaut. Durch eigene Initiative und Sparsamkeit konnte im Laufe der Jahre mancher auch ein Häuschen erwerben. Es ist schön hier, aber die alte Heimat bleibt unvergessen. Wer will es einem verdenken!

Für alle, die selbst Bielitz nie gesehen haben - und das sind insbesondere die jüngeren unter unseren vielen Freunden - ist dieser knappe Rückblick gedacht. In Bielitz-Biala und im schönen Beskidenland sind die Zeichen deutscher Leistung und Geschichte bis auf den heutigen Tag unverkennbar.

Es gilt auch heute noch, Verständnis zu wecken für das Schicksal der Menschen, die diese Heimat einst besessen haben und dann unter abscheulichen Umständen verlassen mußten. - Ich habe meinen Vater und Onkel in der Heimat, im Arbeitslager und den Gefängnissen von Myslowitz, Jaworzno/Oberschlesien auf bestialische Art verloren.

In der Stadt Pocking/Niederbayern, nur 5 km vom bekannten Kurort Bad Füssing, steht neben der Stadtkirche ein großes Kriegerdenkmal beider Weltkriege; daneben ein Gedenkstein mit der Inschrift: »Deutsche gedenkt der durch Potsdam und Yalta geraubten Heimatgebiete. Wir gedenken in Ehrfurcht der Opfer, die bei der Austreibung für uns starben.«

Die Fakten der Vertreibung und die Umstände, unter denen sie durchgeführt wurde, werden erst jetzt, nach einem halben Jahrhundert, offen ausgesprochen. Folgen eines Krieges, wie er sich nie wieder ereignen darf.

Bielitz-Biala wurde nach dem Zweiten Weltkrieg im Wege der Eingemeindung zur Woiwodschafthauptstadt gemacht, zählt heute über 200.000 Einwohner und heißt auf polnisch Bielsko-Biala.

Robert Michalik

 
 
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