Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 278
 

Vor 150 Jahren in Oberkochen geboren: »Ostalb-Caruso« Anton Balluff

»Zu den wenigen Bühnen, welche in der Lage sind, einen ausgezeichneten Tenor den ihrigen nennen zu können, gehört auch die unsere. Herr Kammersänger Anton B a 1 1u f f zählt zu den hervorragenderen Vertretern von Heldentenorpartien«, so sagt ein Bericht des »Kgl. Hoftheaters Stuttgart zur Spielzeit 1890/91« - und der, von dem die Rede ist, Anton Michael Bruno Balluff (so sein vollständiger Taufname), erblickte vor 150 Jahren am 6. Oktober 1846 im Oberkochener katholischen Schulhaus das Licht der Welt (dort, wo in diesen Tagen neben der katholischen Kirche der Nachfolgerbau von Schulhaus und »Altem Schwesternhaus« eingeweiht wird).

Vor 150 Jahren
Im Jahre 1806 hatte sich die seit Urzeiten das Dorf durchschneidende und zuletzt sogar durch eine Zollstation am Katzenbach markierte Herrschaftsgrenze als Folge des Reichsdeputationshauptschlusses sozusagen in Wohlgefallen aufgelöst. Deshalb zeigte sich vor 150 Jahren Oberkochen unter Schultheiß Sigmund Jonathan Maier, der gleichzeitig Chirurg war, zwar als kommunale Einheit, Pfarreien und Schulen aber existierten nach wie vor doppelt (nur die Vornamen der beiden Geistlichen waren zufälligerweise gleichlautend). Katholischerseits amtierte Pfarrer Carl Wilhelm Desaller, der später sogar Abgeordneter der Landesversammlung in Stuttgart war, und in der Wohnung über der evangelischen Kirche amtierte Pfarrer Carl Wilhelm Valet. Der Geistlichkeit oblag jeweils auch die Aufsicht über die Schule und ihre Lehrer, dem evangelischen Schulmeister Becher und seinem katholischen Amtskollegen Schulmeister Balluff.

Letzterer war im Jahr 1827 in Oberkochen aufgezogen und hatte die Dewanger Schultheißentochter Maria Elisabetha Holl als seine Ehefrau ins Oberkochener Schulhaus geholt. Dieses, nach Ansicht eines Zeitgenossen zwar »ein stattlicher Bau«, bot dennoch Schule und Schulmeistersfamilie zusammen kaum Platz, denn schon 1834 waren fünf Kinder da, denen noch weitere sechs folgten.

Schulmeister Balluff selbst wird als guter Lehrer geschildert, der sehr musikalisch war und »mit Eifer und Liebe die Gesangskunst pflegte«, was ihn auch dazu bewog, im Jahr 1827 den katholischen Kirchenchor zu gründen (über ihn und das Schulhaus unterrichten die DHV-Berichte 158-160 und der Bericht 264).

Anton Balluff war das jüngste der 11 Lehrerskinder, von denen 9 am Leben blieben: Franz Xaver (später Buchbinder in Heilbronn und Großvater Otto Balluffs, des ersten Aalener Oberbürgermeisters nach dem Zweiten Weltkrieg), Karl und Johann Baptist, die nach Amerika auswanderten, Leopold (später Flaschnermeister in Stuttgart), Joseph, der beim Kgl. Hüttenwerk Wasseralfinen arbeitete. Obwohl die Familiengeschichte im Jahr 1930 über die Töchter der Familie, Katharina, Maria Theresia, Karoline Helena, »nichts zu vermelden« weiß, konnten deren Spuren in Oberkochen ausgemacht werden. Von Elisabeth Amalie geht die Linie Schaupp-Gold-Hauber aus, und Karoline Helena lebte bis 1917 in Oberkochen.

Vom Lehramtskandidaten zum Heldentenor
Lang und mühsam war der Weg, den Anton Balluff zurücklegen mußte. Zunächst sollte er Lehrer werden wie sein Vater, der schon im Jahr 1859 gestorben war. Jedoch brachte für ihn der Militärdienst in Ulm die Weichenstellung zur Musik. Sein Vorgesetzter hatte das musikalische Talent des jungen Soldaten erkannt, der fortan nicht mit dem Gewehr hantieren und exerzieren mußte, sondern Geige, Viola und Cello spielen durfte und in der Marschkapelle die Posaune blies. Er hatte Gelegenheit im Münsterchor zu singen und im Theaterchor, was sein Leben völlig umkrempelte; Anton Balluff versuchte am Ende der sechsjährigen Militärzeit in Stuttgart sein Glück, hungerte sich dort durch, konnte im Theaterchor Fuß fassen - und wir finden ihn 1884 als »Chorsänger Balluff mit einer Jahresgage von 200 Mark am Kgl. Hoftheater« wieder.

Das Naturtalent Anton Balluff unterzog nun seine Stimme am Stuttgarter Konservatorium einer konsequenten Weiterbildung; doch eine Solistenrolle blieb ihm bis zur Spielzeit 1885/86 versagt. Endlich zeigte das Schicksal Erbarmen, Balluffs Stunde schlug. Er mußte kurzfristig einspringen und durfte die Rolle des »Manrico« in Verdis »Troubadour« singen: »An diesem Abend gewann das Stuttgarter Hoftheater einen Künstler, der sich bald in die Reihe der ersten Sänger des Theaters stellen konnte. Seine glanzvolle Stimme entfesselte Stürme des Beifalls, von diesem Augenblick an hatte das Stuttgarter Theater einen Heldentenor«.

Und nun ging es steil aufwärts. Im Jahr 1890 wurde Balluff zum »Königlichen Kammersänger« ernannt und sang alle großen Rollen der Opernliteratur, angefangen bei »Robert der Teufel« über »Tamino« und »Florestan« bis zu »Tannhäuser« (um nur einige der insgesamt 78 Opern zu nennen, in denen Balluff gesungen hat). Waren auch seiner Darstellungskunst gewisse Grenzen gesetzt - Kritiker nannten seine Bewegungen teilweise steif und ungelenk - wurde dies durch Glanz und Kraft seiner Stimme mehr als wettgemacht, denn »sie imponierte durch eine seltene Fülle von Metall, überraschte aber auch durch die Weichheit des Piano«.

Reiches Künstlerleben
Höhepunkt der Sängerkarriere Anton Balluffs war sein fünfundzwanzigstes Dienstjubiläum im Jahre 1894. Schon am Vorabend brachte ihm der Männergesangverein »Gutenberg« ein Ständchen, und der »Stuttgarger Liederkranz« widmete »seinem treuen und bewährten Freund« einen prachtvollen Lorbeerkranz. Unzählige Geschenke wie »Blumen, Torten, Weine, Glückwünsche in Poesie, Briefen und Telegrammen trafen ein«. Bei der Festaufführung am Abend ließ der König ihm »mit dem Ausdruck seiner Gnade eine prachtvolle Nadel mit den königlichen Initialen und der Krone in Gold und Perlen« überreichen, und der Jubilar glänzte dabei in der Rolle, die ihm besonders ans Herz gewachsen war, der Partie des »Manrico«.

Trotz seiner Erfolge in der großen Welt des Theaters blieb Anton Balluff stets ein Mann des Volkes. Sozial engagiert sang er z.B. am 20. Januar 1902 für damals streikende Buchdrucker ein Wohltätigkeitskonzert im Saalbau Dinkelacker und »erzielte namentlich mit Solis aus »Lohengrin« kaum endenwollenden Beifall«. Auch mit Oberkochen blieb der große Künstler stets verbunden. Oft hat er seine Ferien im Haus hinter der »Krone« bei seinen Verwandten verbracht. Er besaß am Ort viele Freunde und Bekannte, sang auch ab und zu in der Kirche, so z.B. bei der Hochzeit einer Leitz-Tochter. In den Jahren 1888 und 1898 gab er zwei große Konzerte in seiner Heimat (letzteres als Benefizkonzert für den Neubau der katholischen Kirche), bei denen die Oberkochener ihren »Ostalb-Caruso« mit wahren Begeisterungsstürmen feierten.

Am 3. Juni 1904 trat Anton Balluff endgültig von der Bühne ab. Er verabschiedete sich wie er einst als Solist begonnen hatte in der Rolle des »Manrico« im »Troubadour«, und »die herzlichen Kundgebungen, von denen das Hoftheater widerhallte, waren Beweis dafür, wie sehr die Stuttgarter Theaterfreunde Verdienste und Streben des Künstlers zu würdigen wußten«.

Die Familie
Anton Balluff entstammte einem weitverzweigten Familienclan. Der Stammbaum der Balluffs nennt als Urvater Andreas Melchior Balluff, der »als Handelsmann Klöster und Kirchen mit Oel und Wachs beliefernd« 1683 vom Allgäu auf die Fildern gezogen war. Seine Nachkommenschaft zählt rund 100 Familien mit 504 Kindern in sieben Generationen. Auch die engere Familie, aus der Anton Balluff stammt, verzweigte sich weiter. Direkte Nachfahren des Oberkochener Schulmeisters finden sich heute noch hier und in Aalen. Auch Otto Balluff, der erste Nachkriegsoberbürgermeister Aalens, war ein Großneffe des Kammersängers. Dieser selbst war zweimal verheiratet, aber er hatte nur einen Sohn, der kinderlos verstarb. Somit sind von Anton Balluff keine direkten Nachkommen vorhanden und seine geniale sängerische Begabung konnte nicht weitervererbt werden. Anton Balluff starb am 5. Dezember 1924. Er wurde auf dem Pragfriedhof unter großer Anteilnahme beerdigt, wobei auch die gesamte Oberkochener Verwandtschaft zugegen war.

Obwohl ihm die Welt zu Füßen lag, ist Anton Balluff stets ein Oberkochener geblieben, der verdient, der Vergessenheit entrissen zu werden.

Volkmar Schrenk

 
 
Übersicht

[Home]