Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 277
 

Der Marswegschacht auf der »Heide«

Anfang des Jahres erhielt ich von meinem ehemaligen Schüler Carsten Schmidt den nachstehenden Bericht zur Entdeckung des »Marswegschachts« auf der Heide. Carsten Schmidt schreibt:

Die Entdeckung des Marswegschachts war, wie in vielen anderen Fällen ein Produkt des Zufalls.

In dieser Zeit - es muß so im Jahr 1979 gewesen sein - herrschte in Oberkochen - oder zumindest am Gymnasium - das absolute Höhlenfieber. Am Griebigen Stein wurde »gebuddelt«, Tropfsteine und ein kleiner See, wurden in der Brunnenhöhle gefunden und auch Seminare und Vorträge wurden in Oberkochen über Höhlen veranstaltet.

Auf der »Heide« wurde zu dieser Zeit kräftig gebaut. Um für die Bebauung die nötigen Voraussetzungen zu schaffen, wurden zum Teil tiefe Gräben für die Kanalisation gegraben. Für uns Kinder war das natürlich der gefundene Spielplatz. In diesen Gräben wurde Räuber und Gendarm oder ähnliche Spiele gespielt. Ein solcher Graben befand sich auch unter dem heutigen Marsweg. Beim Spielen fiel meinem Freund D. Pechtl und mir eine Verschaltafel an der Seite des Grabens auf, die mit Hilfe einer Bohle an die Grabenwand gehalten wurde. Natürlich machte uns diese Begebenheit neugierig. So entfernten wir Bohle und die Schaltafel und zutage kam ein tiefes, schwarzes Loch.

Schnell berichteten wir unseren Eltern und Nachbarn unsere Entdeckung. Ein langes Seil wurde besorgt, ein Stein daran befestigt, um die Tiefe des Loches zu messen. Dabei kam ein überraschendes Meßergebnis zustande. Die Tiefe des Loches betrug nahezu 100 (!) Meter. Dies war natürlich eine Sensation, doch stellte sich schnell heraus, daß es sich hierbei um einen Meßfehler handelte. Der Stein, der das Seil nach unten ziehen sollte, erwies sich als zu leicht, und so verhedderte sich das Seil irgendwo an der Seitenwand. Nach nochmaliger Messung kamen dann ca. 10 Meter heraus.

Am selben Abend haben wir dann meinen damaligen Klassenlehrer Herrn Bantel angerufen, um ihm von unserer Entdeckung zu erzählen. Dieser unternahm dann mit Herrn Bayer eine Erkundung der Höhle.

Danach bestätigte sich die Vermutung von uns Laien, daß es sich hierbei um einen Schacht handelt, der in einer kleinen lehmigen Halle endet.

In dieser Halle wurden dann von Herrn Bayer auch seltene Pflanzen oder Pilze entdeckt. Nach der Erkundung wurde dann beschlossen, daß der Schacht wieder verschlossen wird. Heute liegt der Schacht unsichtbar unter dem Marsweg und niemand erahnt etwas von seiner Existenz.

Carsten Schmidt

Soweit der Bericht von Carsten Schmidt.

Hierzu einige ergänzende Angaben: Am 24. Juni 1979 erfuhr ich von Schülern, daß im Marsweg auf der »Heide« bei Kanalisationsarbeiten eine senkrechte Höhle angeschnitten worden sei. Tags darauf stellte ich deren Tiefe mittels Senklot mit ca. 14 Meter fest. Ich verständigte meinen ehemaligen Schüler Hans Joachim Bayer, Dipl. Geologe, und Bürgermeister Gentsch. Da der Kanal in der Woche darauf bereits fertiggestellt werden sollte, war schnelles Handeln gefragt. Herr Bayer machte sich noch am gleichen Tag ans Werk.

Aus seinen uns vorliegenden Notizen geht hervor, daß die Höhle im Massenkalk des Malm epsilon bzw. Dolomit liegt und als Schachthöhle (vertikal) mit starker Wandungsbelehmung zu bezeichnen ist. Die erste Befahrung fand noch am 25.6.1979 abends durch Hans-Joachim Bayer statt, der frei am Seil hängend in den Schacht hinabgelassen wurde. Die Seilsicherung hatte laut dieser Aufzeichnung Gerhard Sengteller (DRK/ Bergwacht) übernommen.

Herr Bayer beschrieb die Höhle weiter so: Schlauchähnlicher Abstieg. Unten sackähnliche hallenartige Aufweitung 7 m auf 6 m, ca. 5 m hoch. Interessanter Pilzbewuchs auf halber Höhe des Schachts. Am untersten Ende ein Verstutz »Wie ein Korken«, hinter dem es »mit großer Sicherheit« weiter in die Tiefe geht. Bei der Befahrung vom 25.6. waren auch FD Karl Schurr vom Staatl. Forstamt u. Herr Weisser vom Stadtbauamt zugegen. Letzterer meinte, daß man den Zugang zur Höhle »aufmachbar« halten könne. Von Herrn Weisser erfuhren wir, daß »das Loch« schon 3 Wochen lang bekannt sei.

Die ursprünglich in der Diskussion stehende Bezeichnung »Heideschacht« für die neuentdeckte Höhle konnte, da bereits vergeben, nicht verwendet werden. So wurde die Höhle auf den Namen »Marswegschacht« getauft. Als Höhlenkatasternummer wurde von Herrn Bayer 7226/32 vorgegeben.

Architekt Gerhard Kenntner hatte seinerzeit die statische Sicherheit des Gebäudes über der Höhle bereits prüfen lassen - sie ist 100 % garantiert. Ich entsinne mich noch gut, wie wir uns damals ausmalten, daß der zukünftige Besitzer dieses Gebäude sich in der Höhle einen grandiosen schalldichten Partykeller einrichten könne, wenn er über entsprechendes Interesse und vor allem über das nötige Kleingeld verfüge.

Dietrich Bantel

 
 
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