Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 276
 

50 Jahre Carl Zeiss in Oberkochen - Teil 2

In der Pionierzeit von Zeiss in Oberkochen kämpfte die Belegschaft nicht nur mit den bereits geschilderten Wohnungsproblemen, sondern auch mit anderen heute kaum mehr vorstellbaren Widerwärtigkeiten. Zunächst fehlte es an allem, und die Mitarbeiter waren dankbar für jede Hilfe. Typisch war ein Aushang vom 4.10.1946: »Wir geben als Sonderzuweisung an unsere Lohnempfänger je 1 Pfundpaket Einheitswaschpulver zur Reinigung der Berufskleidung aus. Preis je Paket RM -,35.« Lebensmittel waren rationiert. In den Wäldern suchte man außer Brennholz natürlich süße Beeren. Aber, wie ließen sich die dürftigen Fettrationen ergänzen? Man sammelte Bucheckern vom Waldboden auf u. gab sie bei Zeiss-Opton ab. Am 23.1.1947 gab die allgemeine Betriebsleitung bekannt, daß eine Ölmühle gegen 8 Pfund erstklassige Bucheckern 1 Liter Öl liefere. Als der Ölmüller eine Sonderzuteilung gewährte, weil man ihm eine Brille besorgt hatte, überlegte der Betriebsrat, wie man dieses Öl in 60-Gramm-Portionen gleichmäßig an die Belegschaft verteilen konnte. So berichtete Heinz Martin, der dem ersten Betriebsrat angehörte und dort fast 35 Jahre lang wirkte, davon 18 Jahre als Vorsitzender. - In einem Rechenschaftsbericht vom 27.4.1948 betonte der damalige Betriebsratsvorsitzende Dr. Norbert Günther, daß auswärtige Gäste das Kantitinenessen lobten und »daß auf die Abgabe von Kartoffelmarken verzichtet wird«. Die Küchenleitung zauberte zentnerweise Suppenmittel herbei und konnte so täglich bis zu 380 Frühstückssuppen ausgeben.

Die Firmenleitung erkannte schnell, daß sie sich nicht nur um Kunden und Lieferanten, Organisation und Technik sowie um die vielen Sorgen der Mitarbeiter kümmern mußte, sondern auch um den Nachwuchs. Schon im Frühjahr 1947 begann die Lehrlingsausbildung, zuerst von jungen Feinmechanikern, ab Ostern 1948 auch von Feinoptikern.

Auch der allerjüngste Nachwuchs wurde nicht vergessen: Im Juni 1946 gelang es, für Kinder Holzsandalen »auf Flickstoffkarte« zu beschaffen. Ein Aushang vom 9.1.1947 gab bekannt: »Alle Werksangehörigen können für jedes noch nicht schulpflichtige Kind in der Abteilung Wohnungswesen (!) 1 Stück Spielzeug beziehen.«

Der große Tag für die Kleinen kam dann im Frühjahr 1950. Die »Schwäbische Post« schrieb am 24.3.1950: »Tante Maria übernahm Zeiss-Opton-Kindergarten«. Alle Entscheidungen und Maßnahmen jener schwierigen Jahre wären wohl vergebens gewesen, wenn es nicht gelungen wäre, die heterogenen Gruppen der Belegschaft für ein gemeinsames Ziel zu begeistern und die Zugewanderten in das Oberkochener Gemeindeleben zu integrieren. Dazu trug die konstruktive Zusammenarbeit von Vorstand und Betriebsrat ebenso bei wie die gebotenen konkreten Lebenshilfen. Auch das erste Betriebssportfest am 7. Juli 1951 hat sicher atmosphärisch geholfen.

Oberkochener und Zeissianer wirkten auf vielen Ebenen intensiv zusammen, in Kultur und Sport sowie im Vereinsleben. Ein großes Maß guten Willens auf beiden Seiten und das Verständnis der Behörden haben die Integration ebenso erleichtert wie das Wirken vieler Zeissianer in den Gemeinderäten der Region. In einer noblen Geste benannte Oberkochen mehrere Straßen nach bedeutenden Wissenschaftlern und Unternehmern aus der Geschichte von Zeiss und Schott.

Gustav Bosch, einer der Vorgänger von Bürgermeister Traub und heute schon fast so legendär wie jene neue Gründerzeit, sah sowohl die Probleme als auch die Chancen, die das wachsende Unternehmen Carl Zeiss für Oberkochen mit sich brachte. Beim Richtfest für ein großes Firmengebäude sagte er im Oktober 1950, mit diesem Bau habe Zeiss (damals noch »Zeiss-Opton«) zu Oberkochen »Ja« gesagt und die Gemeinde gebe ein aufrichtiges »Ja« zurück. »Sie sind unser Schicksal geworden«, rief er den Zeissianern zu. (Die wirtschaftlichen Schwankungen der letzten Jahrzehnte zeigten, daß Oberkochen sozusagen mit Zeiss ein- und ausatmet.) Landrat Dr. Anton Huber sah in diesem Neubau ein »Zeichen der ungebrochenen Kraft der Firma Zeiss und darüber hinaus unseres Volkes«.

Zwei weitere Höhepunkte der Geschichte Oberkochens hängen zweifellos mit der Ansiedlung eines Betriebes der Carl-Zeiss-Stiftung in Oberkochen vor 50 Jahren zusammen, nämlich der Besuch eines Bundespräsidenten und die Stadterhebung.

Nach der Enteignung in Jena wurde Heidenheim Sitz der Carl-Zeiss-Stiftung, mit der sich der damalige Bundespräsident Prof. Dr. Theodor Heuss verbunden wußte. Am 1. Mai 1954 enthüllte Prof. Bauersfeld als Senior des Vorstands in Gegenwart des Präsidenten eine Abbe-Büste auf dem Oberkochener Werksgelände. Anschließend hielt Theodor Heuss eine unvergeßliche Rede und sagte den Zeissianern: »Die Umpflanzung ist geglückt. Ihr habt hier wieder Wurzeln gefaßt.« Er verglich das Wirken der Schwaben Schiller und Hegel an der Universität Jena mit dem der Zeissianer in Oberkochen und war zuversichtlich, »daß auch die einsässigen Schwaben gute Zeiss-Leute werden«.

In den folgenden Jahren blühte Oberkochen auf. Es wäre zu kurz gegriffen, würde man die Entwicklung Oberkochens nur mit der Wirtschaftskraft und den namhaften Spenden von Zeiss in Verbindung bringen. Hier ist fairerweise auch an die anderen hiesigen Unternehmen zu denken. Außerdem entwickelte sich nicht nur der Wohlstand, sondern auch ein verfeinertes kulturelles Leben mit Konzerten, Theaterabenden und Vorträgen von hohem Niveau, und Oberkochen sah mehr und mehr bedeutende Tagungen in seinen »Mauern«. Mit der Erhebung zur Stadt am 1. Juni 1968 hat dieser Reifungsprozeß von Oberkochen die offizielle Anerkennung der Landesregierung gefunden.

Wir alle hoffen und wünschen, daß die Entwicklung, die am 1. August 1946 unter Schmerzen begann und glanzvolle Höhepunkte sah, unter konsolidierten wirtschaftlichen Bedingungen durch den Schwung und den Optimismus aller Einwohner und Einpendler sowie durch den Erfolg aller Unternehmen sich erfreulich fortsetzen möge. Oberkochen verdient es. Hierbei wird Carl Zeiss als größtes Unternehmen weiterhin Akzente setzen: Oberkochen ist Hauptsitz der Zeiss-Gruppe mit weltweit ca. 13.000 Mitarbeitern und einem Weltumsatz von über 2,5 Mrd. DM im Jahr. Nicht nur Brillenträger und Photographen kennen diesen Namen. Zeiss Hochtechnologieprodukte aus dem Kochertal schärfen das Profil der Industrieregion Ostalb und werden international eingesetzt: in Operationssälen und in der Weltraumforschung, an Universitäten und in Werkshallen sowie nicht zuletzt bei der Fertigung von Computerchips an der Grenze des technisch Möglichen.

Wolfgang Pfeiffer

 
 
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