Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 267
 

Schüleraufsätze (1941 - 1943) - Teil 5

Noch selten haben unsere heimatkundlichen Berichte ein so großes Echo hervorgerufen wie diese aus dem damaligen Schulalltag herausgegriffenen Zeitdokumente. Mit einer sehr persönlichen Serie von 3 Aufsätzen beschließen wir unsere Berichtserie »Schüleraufsätze von 1941-1943«. Heute gilt unser ganz besonderer Dank den Verfassern und den in den Aufsätzen genannten Oberkochenern für ihr Einverständnis zum Abdruck im Amtsblatt im Rahmen unserer Serie »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«, zeigen doch gerade diese persönlich gehaltenen Schularbeiten in eindringlicher Weise, wie tief der Krieg in die Familien eingriff.

Willibald Hug (unser Foto) ist der Soldat, über den im folgenden Aufsatz von seiner Schwester berichtet wird. Jahrgang 1919 ist er heute 77 Jahre alt. 51 Jahre nach seiner glücklichen Heimkehr aus dem Krieg berichtete er dem Heimatverein, daß er sich tatsächlich freiwillig zur Wehrmacht verpflichten wollte. Der Schwager zum Vater habe diesen letztlich so weit gebracht, daß er mit 17 Jahren die väterliche schriftliche Einwilligung hierzu erhalten habe. Fast 9 Jahre lang war er Soldat. 1936 RAD, 1937/38 Ausbildung in Augsburg als Funker (Luftwaffe/Bodenpersonal), 1940 Frankreich (Normandie), 1941 Balkan, Griechenland, ab 1942 den ganzen Rußlandfeldzug, Nord, Süd- und Mittelabschnitt, mitgemacht. Bis Kriegsende in Etappen bis Berlin zurückgetrieben (Feldmarschall Paulus). Berlin von der einen Seite her betreten, während Göring es auf der anderen Seite verließ. In der Nähe von Kiel interniert. Mit einem Kameraden »ausgebüchst«. Über Köln, dort »geschnappt und 3 Tage gesessen«. Innerhalb von 4 Wochen dann in die Heimat gewandert. Ab dem letzten Heimaturlaub 23 Monate an einem Stück nicht mehr zuhause gewesen. Der Vater erkannte ihn im ersten Moment nach seiner Rückkehr nicht wieder, so ausgezehrt kam er im Juli 1945 in Oberkochen an. Die, die nicht abgehauen sind, kamen nach England und sahen die Heimat erst wesentlich später wieder. Willibald Hug kam »fascht ohgschtroift« durch all die Kriegsjahre - ein Handdurchschuß, sonst nichts. »I bee halt a wengle kloinr wia dia andre, nao han dia älls vorbeigschossa ammr.«

Dietrich Bantel

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13) Der Soldat unserer Familie
geschrieben von Martina Hug (Betzler) am 26.3.1943
Seit Beginn des Krieges ist mein Bruder Willibald Soldat. Bevor er einrücken mußte, sagte er immer: »Ich will Soldat werden und verpflichte mich zu vier Jahren«. Meine Mutter ließ es nicht zu und sagte: »Du brauchst Dich nicht freiwillig zu melden, Du kannst es erwarten, bis Du fort mußt.« Eines Abends, als wir eben ins Bett wollten, klopfte es an der Tür und ein Soldat trat ein. Ich erschrak und dachte: »Was will der heit no, wann mir ins Bett wellat«. Er hatte einen Zettel in der Hand und fragte, ob hier ein Willibald Hug wohne. Als mein Bruder aufstand und zu ihm hinging, gab der Soldat ihm einen Einschreibebrief und sagte, er solle ihn öffnen und dann unterschreiben. Mein Bruder zitterte so, daß er den Brief nicht aufmachen konnte. Der Soldat sagte: »Sie brauchen nicht aufgeregt sein, geben Sie diesen Brief, ich öffne ihn.« Als ihn mein Bruder wieder in der Hand hatte und las, sagte er nur: »Mein Stellungsbefehl!!«

Meine Mutter sagte: »So, bischt jetzt z'frieda, jetzt brauchst De nemme melde«! Der Soldat ging, und wir gingen ins Bett. Als nun der letzte Abend gekommen war, feierten wir ein wenig Abschied, denn mein Bruder mußte schon morgens fort. Morgens gingen wir alle mit auf den Bahnhof, und begleiteten in fort. Nach einigen Tagen kam eine Karte, daß er gut in Baden-Baden gelandet sei. Dort wurde er als Funker ausgebildet, und kam einige Male in Urlaub. Als er ausgebildet war, kam er nach Holland, Belgien und Frankreich. In Frankreich blieb er einige Zeit, und kam von dort auf den Balkan, in allen Ländern herum. Von dort aus kam er einmal in Urlaub. Als nun der Rußlandkrieg begann, kam er nach Osten, und machte den ganzen Feldzug mit. Wir hatten manchmal längere Zeit keine Post mehr von ihm, Nun waren es schon 23 Monate, seit daß er das letzte Mal zu Hause war. Endlich, im März, konnte er in Urlaub fahren. Seither ist er wieder in Rußland, und es ist schon wieder ein Jahr, daß er fort ist.

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14) Aufsatz in Briefform, geschrieben von
Martina Hug (Betzier) am 7.12.1943
Mein lieber Rochus!
Nun steht Weihnachten vor der Tür, und ich möchte Dir ein Weihnachtsgrüßlein senden. Wie geht es Dir? Hoffentlich immer noch gut. Das gleiche kann ich auch von mir sagen. Deinen lieben Brief habe ich am Samstag erhalten, und ich danke Dir herzlich dafür. Du wirst in der Zwischenzeit von uns auch Post erhalten haben. Man ist einfach beruhigt, wenn man von Euch einen Brief erhält. Du wirst wohl schon wissen, daß Mama, Gretl und Alois bei Anton in Bad Landeck waren. Es hat ihnen natürlich sehr gut gefallen, bloß war die Zeit etwas zu kurz. Anton hat sich recht gefreut. Er meint, daß er bald in Urlaub kommen darf. Alle Tage warte ich, wenn ein Zug kommt. Aber bis jetzt immer vergebens. Nun, der Tag wird kommen. Von Michael und Willibald haben wir auch gute Nachricht. Von Willibald erhielten wir letzte Woche einen Brief, von Anton eine Karte, und Theresia von Michael einen Brief. Es geht ihnen allen noch gut.

Wirst wohl schon wissen, daß Adolf jetzt auch Soldat ist, und zwar auf dem Heuberg. Wenn sie dann einmal alle in Urlaub da sind, dann kann Paul kommandieren »Kompanie Hug antreten zum Appell!«

Nun ist Otto Weber gestorben. Er war einige Tage schwer verwundet, und dann kam die Nachricht, daß er gestorben sei. Es war natürlich ein sehr harter Schlag. So kommen auch zu uns immer wieder solche schweren Nachrichten.

Nun weiß ich Dir nichts Neues mehr und möchte meinen Brief schließen. Auf ein baldiges, gesundes Wiedersehen in der Heimat grüße ich Dich recht herzlich. Gib mir bitte bald Antwort.
Deine Martina

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15) Der Soldat unserer Familie
geschrieben von Martina Dickenherr (Glüggler) am 26.3.1943

Wir haben in unserer Familie einen Soldaten und das ist mein Bruder Leonhard. Er ist jetzt 19 Jahre alt und ist ein Jahr Soldat. Schon in seinem Zivilleben zeigte er eine große Begeisterung für die Fliegerei. Bei der H.J. ließ er sich im Funken ausbilden und legte da die erste Funkerprüfung mit gutem Erfolg ab. Auf Grund seiner vormilitärischen Ausbildung wurde er bei der Musterung als Bordfunker ausgehoben. Im April 1942 wurde er nach Möhringen einberufen. Dort machte er seine Infanterieausbildung und im Juni wurde er versetzt nach Landsberg am Lech. Dort wurde er im Funken weiter ausgebildet und bekam dann drei Tage Urlaub. Meine älteren Brüder, meine Eltern und ich gingen dann am 2. Urlaubstag ins Kino. Wir saßen dann am letzten Urlaubstag auch noch beisammen und er erzählte uns von seinem Dienst, von seinen Ausbildern und vom täglichen Leben. Die drei Tage gingen nur zu schnell herum und er mußte wieder Abschied nehmen. Als er kaum vom Urlaub zurück war, wurde er auf eine Luftflottennachrichtenschule nach Erfurt versetzt. Dort erhält er seine endgültige Bordfunkerausbildung. Er geht jeden Tag in die Schule und muß sehr viel lernen. Er schrieb einmal: Wir sind uniformierte Schüler. Seit 14 Tagen macht er nun auch Dienst im Fliegen und er schreibt, es sei herrlich über Dörfer und Städte hinwegzufliegen. Die Leute sehe man nur als kleine Punkte. So geht die Zeit vorüber und eines Tages wird auch er vor dem Einsatz stehen. Wir hoffen, daß er vorher noch seinen Jahresurlaub bekommt und ich freue mich schon zu sehr darauf.

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Dietrich Bantel

 
 
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