Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 266
 

Schüleraufsätze (1941 - 1943) - Teil 4

2 der heutigen Veröffentlichungen stammen aus der Feder von Lene Baß, Jahrgang 1928, die von 1941 - 1956 in Oberkochen lebte. Obwohl sie schon lange nicht mehr hier wohnt, entsinnen sich die Klassenkameradinnen und -kameraden an sie. Über eine ihrer Mitschülerinnen konnte ich den Kontakt zu ihr herstellen. Sie heißt heute Käß und wohnt in Rothenburg o. T.

An die Aktion »Flachshacken« während oder statt des Unterrichts entsinnt sie sich noch gut, zumal sie Fotos davon besitzt. 1 davon, ein kleines Schwarzweiß-Bild, 6 x 6 cm, mit weißem gezacktem Randschnitt, stammt, von Herrn Stelzenmüller hervorragend reproduziert und vergrößert und hier abgedruckt, von ihr.

Frau Käß erinnert sich, daß von den damals beim »Flachshacken« eingesetzten Schülerinnen der katholische Pfarrer, sicher einer der wenigen Kamerabesitzer, ein paar Fotos gemacht habe, auf dem Feldweg hinter dem Pfarrhaus. (Es handelt sich um Herrn Pfarrer Jans, 1936 - 1948 in Oberkochen tätig). Auf dem Foto sind nicht alle Schülerinnen, die beim Flachshacken dabei waren, abgebildet - ein paar waren beim Fototermin schon nach Hause gegangen. An die Namen erinnerte sich Frau Käß nicht mehr so richtig - hier konnte ihre ehemalige Mitschülerin Maria Gold (verh. Feil) weiterhelfen.

Über den letzten Satz ihres Aufsatzes »Beim Flachshacken«: »Wenn wir Schulkinder nun noch öfters irgendwo uns nützlich zeigen, so können wir nach dem Krieg mit Stolz behaupten: Wir haben auch beigetragen zum Sieg«, habe sie, als sie ihn jetzt nach 54 Jahren wieder gelesen habe, lachen müssen - eine wohl richtige Reaktion, dieser Vergangenheit zu begegnen. Man könnte - das schließt das Lachen nicht aus - auch eine philosophische Abhandlung über diesen einen Satz am Schluß des Aufsatzes schreiben, der ja nicht von einer 13jährigen Schülerin, sondern vom Zeitgeist diktiert worden war. Fest steht - und dies bestätigten alle Frauen und Männer, mit denen ich ins Gespräch kam: So war das damals!

Von Aufsatz 12 (Landjahrlager Schrozberg) ist kein Verfasser bekannt. Offenbar handelt es sich um die gemeinsame Leistung mehrerer Schülerinnen. Frau Käß war auch »Landjahrmädel in Schrozberg«, jedoch nicht 1942.

Dietrich Bantel

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10) Fliegeralarm
verfaßt und übertragen von Lene Baß am 20.4.1942 (verh. Käß, heute Rothenburg o. T.)

Als ich gestern Abend vom Milchholen nach Hause kam, sprachen Frau Fischer und Trudel vom Fliegeralarm. Sie erzählten mir dann auch, daß in Königsbronn Alarm gegeben wurde, wahrscheinlich Probealarm. Ich ging dann heim und wollte meinen kleinen Bruder ins Bett bringen. Da erschrak ich auf einmal, denn die Sirene hatte auch bei uns mit lautem Geheule begonnen. Ich setzte meinen Peter auf den Sofa und wollte davon. Meine Mutter aber wehrte ab und sagte: Bei Fliegeralarm geht man nicht auf die Straße. Da rief aber schon mein Vater, der im Garten arbeitete: »Meinen Hut«. Ich dachte: »Geschickte Gelegenheit zum Entkommen«, riß den Hut vom Kleiderhaken und verschwand. Mein Vater eilte gleich hinüber ins Geschäft. Ich horchte dann, ob ich keinen Flieger hörte; ich hörte etwas, aber das hieß Lene. Anita kam gerade aus dem Haus. Sie und ihr Peter kamen dann zu mir herüber. Aber sie mußten gleich wieder heim. Ich ging dann in die Waschküche und las dort die Zeitung, die ich auf dem Waschkessel fand. Als ich gerade die Zeitung weglegen wollte, kam die Entwarnung. Ich war froh. Zehn Minuten später lag ich im Bett.

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11) Beim Flachshacken
verfaßt und übertragen von Lene Baß am 28.7.1942 (verh. Kaß, heute Rothenburg o. T.)

»Lene, aufsteha, es ist Zeit in die Schule!« Schnell stand ich auf, denn es war schon 3/4 7 Uhr. Als ich in die Schule kam, rief mir Maria schon entgegen: »Mal wieder zum Flachshacken«. Aber gewiß konnte es noch keine sagen. Als Herr Braun kam, teilte er uns sofort ein. Zehn Mädchen waren Bernhard Löffler zugeteilt, darunter auch ich. Um 3/4 8 Uhr standen wir mit Hacken bewaffnet vor Löfflers Haus, nur Rösle kam noch dahergelaufen. Mit viel Lärm und Geschrei gings zum Acker. Gleich am Anfang ging mir die Hacke kaputt. »Du mit deim Glomp!«, rief Luzia. Rösle war aber schon bereit und fabrizierte sie wieder zusammen. »Oh Glomp«, schon beim fünften Schlag ging sie wieder auseinander. Luzia war schon wieder zur Stelle. - »Geh weg, kannst halt nichts, gib die Hacke mir.« Also tauschten wir die Hacke. Aber Luzia hatte das gleiche Pech. Ungeduldig ist sie halt nicht geworden wie ich, sie plagte sich mit ihr herum bis zum Schluß. Zwischendurch erschien auch Herr Braun und kontrollierte unsere Arbeit. Allerhand Neues wurde auch erzählt, man konnte grad glauben, wir wären zum Ratschen auf den Acker gestellt worden. Als wir die Hälfte gehackt hatten, durften wir vespern. Wir bekamen ein Stück Brot mit Marmelade und zwei miteinander eine Sprudelflasche voll mit Most. Wir machten es uns bequem und verzehrten unser Vesper. Manche tranken nicht einmal ganz ihren Most, dadurch kam ich zu etwas mehr. Alle lachten, weil ich überall noch einen Schluck abbettelte. Aber ich hatte halt so Durst. Nach dem Vesper mußten wir leider wieder weitermachen. Alle hatten schon genug; trotzdem waren wir mit der zweiten Hälfte schneller fertig. Auf dem Heimweg trafen wir einen Bauer, bei dem wir auf den Wagen sitzen durften. Wir sangen und schrieen auf dem ganzen Heimweg. Alle hatten eine große Freude, weil wir schon alles geschafft hatten, denn es war noch nicht ganz 11 Uhr. Anschließend gingen wir noch zu Herrn Pfarrer, der uns knipsen sollte. Er machte von uns 7 verschiedene Aufnahmen, darunter auch Farbfilm. Kurz vor 12 Uhr verschwanden wir in alle Richtungen und liefen schnurstracks nach Hause.

Wenn wir Schulkinder nun noch öfters irgendwo uns nützlich zeigen, so können wir nach dem Kriege mit Stolz behaupten: Wir haben auch beigetragen zum Sieg.

Über den Flachsanbau berichten wir gesondert.

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Landjahrlager Schrozberg/Kreis Crailsheim, den 20.10.1942
An die in Oberkochen zurückgebliebenen Klassenkameradinnen

Liebe Mädel!
Ihr werdet wohl erstaunt sein, von einem Landjahrlager Post zu bekommen. Ja, wir wollen Euch mal von unserer schönen Landjahrzeit erzählen. Denn sie ist es wirklich wert, daß auch andere Mädchen davon wissen. Also, paßt mal gut auf, denn sicher habt ihr noch gar keinen rechten Begriff, was Landjahr bedeutet. Mit einem Landdienstlager dürft Ihr uns nicht verwechseln, das ist wieder etwas ganz anderes!

Im Landjahrlager seid Ihr 8 Monate. Diese Zeit wird Euch als Pflichtjahr angerechnet. In einem Lager sind 40 - 60 Mädels zusammengefaßt aus allen Gegenden Württembergs. Schön, gesund und wohnlich sind die Räume ausgestattet. Entweder sind die Lager in alten Schlössern oder in ehemaligen Villen oder Stiften untergebracht.

Morgens um 6 Uhr pfeifts's »Aufstehen!« Hei, da geht's rasch aus den Fallen und dann zum Frühsport angetreten. Die verschlafenen Gesichter werden schnell hell. In 40 Minuten sind wir gewaschen, angezogen und die Falle ist auch gestopft, denn wir haben ja Strohsäcke. Eine schöne, kantige Form muß der Strohsack beim Appell haben.

Jeden Morgen ist Flaggengruß. Unter der Fahne beginnen wir unsere Tagesarbeit und beenden sie. Nach einem guten Frühstück werden noch einige schöne Lieder gelernt und dann geht's an die praktische Arbeit. So nennt man bei uns die Arbeit in Haus und Garten. Da gibt's nämlich verschiedene Arbeitsgruppen. Die einen sind in der Küche und dürfen kochen lernen, andere sind in der Waschküche, im Garten oder beim Hausputzen. Das ist schön, mit gleichaltrigen Kameradinnen sich zu messen und zu zeigen, was man zu Hause schon gelernt hat.

Hat man sich nach 4 - 6 Wochen richtig ins Lager eingewöhnt, so wartet etwas Schönes auf einen und das ist der Bauerndienst. Darauf freut sich jedes Landjahrmädel. Morgens gehn wir aus dem Lager und kommen entweder mittags oder abends erst zurück ins Lager. Da gibt's nun viel gegenseitig zu erzählen. Was hat man doch nicht alles heut »seiner« Bäuerin helfen dürfen. Überall könnt Ihr etwas lernen, wenn Ihr nur Eure Augen gut aufmacht.

Nach dem Mittagessen ist Mittagsruhe und anschließend Sport, Kugelstoßen, Hochsprung wechselt ab mit Ballweitwurf, Weitsprung usw.

Wir machen im Lager das B.D.M.-Leistungsabzeichen und das Reichsjugendsportabzeichen. Jedes Mädel will natürlich das andere überflügeln in den Leistungen. Nach dem Kaffee haben wir Schulung, sehr abwechslungsreich sogar. Rassenkunde, Vererbungslehre, Geschichte, Erdkunde, politische und hauswirtschaftliche Schulung.

Abends sitzen wir oft zu einer schönen Abendrunde im Kreise oder machen wir Mädel einen bunten Abend. Oh, da geht's lustig zu. Sonntags vergnügen wir uns beim Volkstanz und lustigen Scharaden. Sonntag morgens ruft uns auch oft eine schöne Morgenfeier zusammen. Unsere Führerinnen sprechen mit uns über die heutige Zeit, über führende Männer, über den Krieg.

An Pfingsten und im Sommer wird der Rucksack gepackt und dann »Auf Du junger Wandersmann«, geht's auf Fahrt. Wir durften in diesem Jahr das herrliche Hohenloher Land durchwandern und haben viele Burgen und Schlösser und schöne Täler gesehen.

So, jetzt wißt Ihr schon viel von uns. Aber am schönsten wär's doch, Ihr könntet das alles selbst erleben. Wir hoffen alle, daß Ihr durch diesen Brief einen kleinen Einblick in unser Lagerleben gewonnen habt und nächstes Jahr auch als Landjahrmädel im Lager seid und das Lager auch einmal als zweite Heimat anseht, gerade so wie wir. Meldet Euch bei Eurem Lehrer! Das württembergische Kultministerium, »Landjahr«, gibt Euch jederzeit Auskunft. Auch wir beantworten gerne Eure Fragen, die Ihr vielleicht habt.
Recht fröhliche Grüße
Heil Hitler!
Die Landjahrmädel von Schrozberg

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Dietrich Bantel

 
 
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