Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 265
 

Schüleraufsätze (1941 - 1943) - Teil 3

7) Meine Schier müssen einrücken
verfaßt von Albin Schaupp am 10.1.1942, übertragen von Rösle Mannes

Der Führer gab einen Erlaß heraus an alle Schieläufer und Schieläuferinnen, ihre Schie, Schneeschuhe und Schieausrüstungen an die Soldaten an der Ostfront abzugeben. Jedem von uns ist dies Opfer schwergefallen. Aber im Vergleich der Opfer, die die Soldaten täglich in Eis und Schnee bringen müssen, ist das Opfer von uns sehr gering. Darum kann jeder Schieläufer und Schieläuferin ihre Schneeschuh an die Soldaten abgeben. Nicht abzugeben brauchten diejenigen, die im Jahrgang 1924 und 25 geboren sind. Am Freitagabend mußte das ganze Jungvolk antreten um 3/4 7 Uhr mit den Schneeschuhen. Ich war traurig und nahm meine Schier noch nicht mit in den Dienst. Dann ließ Kölle uns antreten. Ich dachte dann, er würde zu jedem hingehen und fragen: Hast Du keine Schneeschuh? Dann rannte ich aus dem Glied und sprang nach Hause, und holte meine Schneeschuh. Wie ich wieder zurück kam, war niemand mehr auf dem Platz. Dann trug ich sie mit Freuden zum Schulhaus. Ich wußte ja, daß die Schier den Soldaten zugute kommen. Ich bekam einen Schein zum Unterschreiben und einen zweiten Schein durfte ich behalten. Dann ging ich traurig nach Hause. Den andern Tag kamen ein paar Herren zu uns und wollten Schneeschuh holen. Ich holte geschwind meinen Zettel und zeigte ihn den Herren vor. Sie gingen in das nächste Haus und brachten aus mehreren Häusern Schier heraus, so daß sie noch 7 Paar Schier zusammen brachten. In Oberkochen brachte man 170 Paar Schneeschuhe zusammen. Im ganzen deutschen Reich wurden 1.174.748 Paar Schneeschuhe zusammengebracht. Ich dachte gleich, daß bei den 1.174.748 Paar Schneeschuhen auch mein Paar Schier dabei ist. So opferte jeder deutsche Schieläufer und jede deutsche Schieläuferin die Schneeschuhe für die Soldaten an der Ostfront.

8) Die Spinnstoffsammlung
verfaßt von Elsbeth Bäuerle am 8.6.1943 (verh. Hackbarth, 1986 in Kbrn. verst.)
Als wir gestern Abend Spinnstoff sammelten, ging es bei uns sehr lustig zu. Wir gingen mit unserem Wägelchen von Haus zu Haus. Die Leute sagten: Holt nur das alte Lumpenzeug. Wir mußten in der Kirchstraße sammlen; da bekamen wir sehr viel. Bei Herrn Wirth mußten wir es abgeben. Wir hatten 4 Wägelchen voll abgeliefert. Als wir den Straßenberg hinunterfuhren, standen die Buben uns in den Weg; ich schrie: Wenn ihr nicht herausgeht, fahren wir Euch zusammen. Sie gingen nicht aus dem Weg und wir hatten eine große Geschwindigkeit; da hielten sie uns an, und ich fiel vom Leiterwägelchen herunter und hatte am Fuße drei blaue Fleck. Ich schimpfte sie recht her und sagte: Ihr böse Lausbuben. Lore Lindner war bei uns; die machte immer Faxen und wir mußten immer lachen. Von Frau Schubö bekamen wir drei weiße Unterröcke und wir wollten den Mädel eine Freude machen. Da zog Lore Lindner einen von diesen an und den weißen Hut, den wir bekamen, setzte sie auf und tanzte auf der Straße, als sie kamen. Wir lachten alle, daß wir Bauchweh hatten. Da hatten wir schon wieder ein Leiterwägelchen voll. Inge Grünagel und ich mußten es wieder zur Sammelstelle führen. Das war das letzte Leiterwägelchen. Da sagte die Führerin: Jetzt könnt ihr heimgehen, wir sind jetzt fertig. Es war 9 Uhr und meine Mutter wartete schon auf mich, denn ich mußte noch baden.

9) Bei den Soldaten
verfaßt von Engelbert Grupp am 23.5.1941
Letzte Woche hatten die Soldaten eine Übung auf dem Härtsfeld. Als sie um 2 Uhr an der Kirche ankamen, und dann weggetreten wurde, gab mir Unteroffizier Schillhabel sein Pferd, die »Monika«, zum Heimführen in den Stall bei Seitz. Die Monika ist ein schlankes, hochbeiniges, erstklassiges Reitpferd. Wenn man ihr einen Zucker gibt, zuerst zeigt, und sagte vorher zu ihr: »Monika bitte«, so hebt sie den Fuß auf, und hebt den Huf in die hinreichende Hand. Dann nahm ich sie am Zügel, und führte sie bis zu Hoffmann, dann hieß es aufsitzen, und in den Kocher hinab,- und dann hineinreiten, was sie nur zu gerne tat. Im Kocher trabte sie auf und ab, und glatschte vor Freude mit den Hufen im Wasser, daß ich ganz naß an den Füßen wurde. Dann ritt ich wieder heraus, gab ihr leicht die Sporen, daß sie in einen gestreckten Galopp fiel, und es mich beinahe herunterschlug. Auf der Straße ritt ich weiter bis an unser Haus, wo ich ans Fenster hinritt. Da saßen gerade meine Mutter und Lina am Fenster und strickten. Als sie den Kopf des Pferdes, und meinen Kopf am Fenster sahen, erschraken sie und fuhren kreideweiß aus ihren Stühlen hoch, und wußten nicht, was sie sagen sollten. Dann kam meine Mutter her und fragte: »Lausbua, was tuast denn du auf dem Gaul doba?« Ich sagte »Was werd ich tun; reiten tua ich,- gib ein paar Brocken Zucker her meiner Monika, das ist gescheiter!« Sie brachte viel Brocken und gab ihr davon, diese aß sie mit Hochgenuß. Als aber die Monika anfing, den Fuß zu heben, erschraken sie aufs neue, denn ich sagte immer leise: »Monika, mach bitte«. Als sie alles aufgegessen hatte, sagte ich zu ihr: »Monika, mach danke«. Da machte sie eine Verneigung, und ich ritt davon in den Stall und sattelte sie ab, wobei ich ihr viel Futter vorwarf.

Die zwischen 1941 und 1943 geschriebenen Aufsätze sind alle bis auf einen in »Sütterlinschrift« geschrieben (nicht Alt-Deutsch). Stuttgarter ABC-Schutzen, die 1941 eingeschult wurden, lernten ab diesem Jahr nur noch »Lateinisch«. Wann in Oberkochen umgestellt wurde, ist nicht ganz klar. Mir wurde erklärt, daß wohl auch 1941 von Sütterlin auf Lateinisch umgestellt wurde, jedoch Texte, die ,,schön-geschrieben« werden mußten, auch weiterhin noch eine Zeitlang in Sütterlin geschrieben wurden.
Hier ein hervorragendes Beispiel von Elsbeth Bauerle:

Gruppenfoto ca. Klasse 5 (?) der Jahrgänge 1928/29 aus dem Jahr 1940/41 (?) - für eventuelle Korrekturen sind wir dankbar.

Frau Emma Limpert, geb. Rühle, Schülerin des Jahrgangs 1929, war so freundlich, uns die Namen aller Schüler, die hier zusammen mit ihrem Klassenlehrer, Herrn Umbrecht, abgebildet sind, zu benennen. Einige Schülerinnen dieser beiden Jahrgänge sind Verfasser von Aufsätzen, andere wurden von Lehrer Braun damit beauftragt, diese in das dicke Buch abzuschreiben.

1. Reihe von links (kauernd und hockend)
Enor Seckler, Rudolf Fischer (Pflugwirt, verst.), Paul Müller (verst.), Albert Elmer, Josef Schaupp, Eugen Bauer, Erich Hahn, Heiner Sanwald

2. Reihe von links (hockend)
Helmut Hassler, Emil Elmer, Josef Vogel, Vinzenz Schaupp, Hermann Sauerbrei, Josef Fischer (Bebel, verst.), Josef Müller, Karl Kopp (Lense), Erwin Geis, Alfons Gold, Edmund Seitz

3. Reihe von links (auf der Bank sitzend)
Ida Weber (Grube) (Brandstetter), Rösle Mannes, Martina Dickenherr (Glöggler), Maria Gold (Feil), Martha Müller, Martina Hug (Betzler), Ruth Mauthe (?), Kordula Gentner (?), Lydia Neuhäuser (Fischer), Klara Meschenmoser (Frisch), Anna Brunnhuber (? - verst.)

4. Reihe von links (hinter Bank stehend)
Agnes Bihlmaier (?), Luzia Trittler (Hug), Else Ludescher (Pudel, verst.), Inge Saupe (?), Betty Fratte (KLV), Regina Röttinger, Sofie Wingert (Wanner), Emma Rühle (Limpert), Anna Uhl (Mildner), Anita Fischer (Schaupp), Lore Hahn, Lehrer Ignaz Umbrecht

5. Reihe von links (vorletzte Reihe)
Lore Lindner (? verst.), Frida Nagel (?) (Bialek), Eda Elmer (Edel), Theresia Schnell (?), Augustine Fischer (?), Anna Fischer (verst.) Emmi Schmid (Schnitter), Anna Mangold (?), Loni Schellmann (Wingert), Amalie Schnell (verst.), Gisela Fritz (Ludescher), Agnes Hug (Schoch), Thekla Brandstetter (Balle)

6. Reihe von links (hinterste Reihe)
Albert Trittler, Harry Wanner, Hans Gold (Schmidjörgle, verst.), Josef Reinhard, Manfred Bairle, Adolf Wunderle, Ludwig Geis, Edmund Schuster, Franz Sanwald, August Fischer, Alfons Hug, Engelbert Balle
Originalfoto aus dem Besitz von Josef Müller. Repro Foto Stelzenmüller

Dietrich Bantel

 
 
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