Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 264
 

Das alte katholische Schwesternhaus
1755 - 1995

Am Dienstag, 19. März 1996, wurde am Neubau »Altes Schwesternhaus« Richtfest gefeiert, was uns Anlaß war, die 240jährige Geschichte des für Oberkochen doch bedeutenden Vorgängergebäudes und seine vielfältige Nutzung aufzuarbeiten - die wichtigsten: Schwesternstation, Kindergarten und ursprünglich Schule.

Franz Balle schreibt in seinen Heimatblättern, die in »Bürger und Gemeinde« No 26 vom 28.8.1953 veröffentlicht wurden: »Die Einrichtung der ersten Schule im Dorfe Oberkochen ist urkundlich nicht festzustellen. Nach Vermutungen darf das 16. Jahrhundert angenommen werden. Der Unterricht wurde zunächst im Raum eines Privathauses gehalten. Später lesen wir dann von einem Schul- und Mesnerhaus neben der Kirche.«
Dies ist mit Sicherheit bereits der Standort des Vorgängers des später errichteten Schulgebäudes, das bis 1755 dort stand.

Frau Dorothea Feihl, Lehrerin an der Dreißentalschule, berichtet in den »Beiträgen zur Heimatkunde«, die 1961/62 von Lehrern der Volksschule unter Rektor Hagmann herausgegeben wurden, ausführlich, wie im 18. Jahrhundert ein Schulhausneubau immer dringlicher wird. Infolge von Geldmangel kommt es jedoch immer wieder nur zu Reparaturen. 1735 wird der Giebel des Gebäudes als »verfault« und der Zustand des Hauses als »lebensgefährlich« beschrieben.

Das Entstehungsjahr des Neubaus war noch vor 50 Jahren unklar. Nach den 1942 erstellten Angaben der Württembergischen Gebäudebrandversicherung stammt das Gebäude »Aalener Straße 6« der katholischen Kirchengemeinde St. Peter und Paul aus dem Jahr 1812, in den Unterlagen mit Fragezeichen versehen. 1953 nennt Franz Balle als Entstehungsjahr das Jahr 1788.

Erst Frau Dorothea Feihl kommt 1961/62 dem wirklichen Entstehungsjahr korrekt und dem Architekten annähernd auf die Spur.

Das Ergebnis ihrer Nachforschungen wurde von Herrn Rudolf Heitele in einen Bericht über die Entwicklung des Schulwesens 1986 ins Oberkochener Heimatbuch übernommen und ergänzt. Dort heißt es, gekürzt: »Im Zusammenhang mit der umfassenden »Fürstlich Ellwangischen Schulordnung« von 1749 sah sich die katholische Kirchengemeinde mit der Notwendigkeit konfrontiert, neben der Kirche ein neues Schulhaus zu bauen. Nach zwei vollen Jahren elenden Papierkriegs konnte am 28.6.1755 endlich mit dem Bau begonnen werden. Die Pläne und den Kostenvoranschlag von 771 Gulden 25 Kreuzer hatte Arnold Friedrich Prahl erstellt«. Frau Dorothea Feihl war offenbar auf die richtige Quelle gestoßen, kombinierte aber falsch, denn ihrer Ansicht nach, so schreibt sie, müsse der Baumeister nicht Prahl, sondern Pahl geheißen haben, da dieser Name in Aalen häufig sei.

An dieser Stelle sind ein paar Bemerkungen zu dem, wie sich 25 Jahre später herausstellte, namhaften Barockarchitekten A. F. Prahl notwendig.

Arnold Friedrich Prahl lebte von 1709 -1758 und wurde bereits 28jährig vom Fürsten Franz Georg von Schönborn (1682 - 1756), Kurfürst von Trier und seit 1732 Herr der Fürstpropstei Ellwangen, zum Stadt- und Landbaumeister ernannt. Prahl hatte sich an eine neue, 20 Punkte umfassende, von Franz Georg Schönborn erlassene Bauordnung zu halten.

Prahls Leben war dicht und arbeitsreich, zumal er nicht selten auch alleiniger Leiter nicht unbedeutender industrieller Unternehmungen war (Garnsiederei, Leinwandfabrik, Porzellanfabrik) und überdies eine militärische Stellung innehatte. Allein in Ellwangen baute er 3 Gasthäuser (Goldener Adler, Goldener Pflug, Zum Wilden Mann - letzteres gehörte ihm, das erstgenannte gibt es noch heute) und eine Reihe von öffentlichen und privaten Gebäuden. Bei seinen Mitbürgern stand er in hohem Ansehen. Aus seiner Ehe gingen 12 Kinder hervor.
Das Oberkochener Schulhaus baute er als 46jähriger, 3 Jahre vor seinem Tod.

Auffallend an dem Oberkochener Schulhaus ist die Ähnlichkeit mit dem Pfarrhaus von Schwabsberg bei Ellwangen. Beide Gebäude haben ein mächtiges Krüppelwalmdach, beide haben über dem Erdgeschoß 2 Obergeschosse und beide Gebäude werden durch einen Eingang an der linken Traufseite über einen großräumigen zentralen Gang erschlossen, allerdings ist das Schwabsberger Pfarrhaus äußerlich aufwendiger und repräsentativer gestaltet. Das katholische Schulgebäude und spätere Schwesternhaus von Oberkochen ist ein reiner Zweckbau.

Nun lesen wir weiter im Heimatbuch: »Finanziert wurde der Schulbau durch Holzeinschlag im Petershau. Für 1200 Gulden wurde das eingeschlagene Holz schließlich nach Unterkochen verkauft. Die Stiftungspflege hatte sehr damit gerechnet, daß die Oberkochener Bauern die Spanndienste kostenlos machen würden. Doch dies hatten sie im Frühjahr beim Bau des Pfarrhofs schon überreichlich getan. Jetzt waren sie nur noch bereit, einen Sonderpreis von 30 Kreuzern statt der sonst üblichen 40 Kreuzer zu machen.«

Der 1755 errichtete einzige repräsentative Barockbau Oberkochens, spartanisch aber markant, hat im Lauf seiner 240jährigen Geschichte bis zu seinem Abbruch im Jahr 1995 eine Reihe von Änderungen erfahren.
1830 wurde ein Plan zur Erweiterung des Schulhauses mit einem Voranschlag von 560 Gulden vorgelegt und im Lauf der Zeit auch verwirklicht. Im oberen Bereich des Gebäudes befand sich, wie im 1860 errichteten evangelischen Schulhaus, die Lehrerwohnung.

Schwester Zita beschrieb 1989 für den Heimatverein die Geschichte des Hauses wie folgt:

»Mit seiner markanten Krüppelwalmdachfassade diente das Gebäude bis 1901 als katholisches Schulhaus. Im unteren Stockwerk waren zuletzt 3, im oberen 4 Klassenräume und die Lehrerwohnung.

Im gleichen Jahr (1901) fand der Umzug der Schule in den Backstein-Neubau in der Dreißentalstraße statt (Fuchsbau). Nun wohnte in den oberen Räumen Schneider Anselm Strohmaier, die Erdgeschoßräume dienten als Wohnung für arme Leute und Taglöhner.
Im Jahr 1904 fand eine Renovierung des gesamten Gebäudes statt.

Im November des Jahres 1906 zogen die ersten katholischen Schwestern in das Gebäude ein. Sie wohnten in den oberen Räumen. Außerdem befand sich oben noch ein Näh- und Handarbeitssaal. Im unteren Saal wurde ein Allzweckraum eingerichtet, der 1910 neu gestaltet wurde.

Dort wurde im Oktober (Kirchweihsonntag) desselben Jahres der katholische Kindergarten eingerichtet. Der obere Saal verblieb weiter als Nähsaal.

1928 und dann nochmals 1930 wurde der Bau eines neuen Schwesternhauses diskutiert. Aus den Plänen wurde jedoch nichts. Das Geld reichte dann 1934 lediglich zu einer gründlichen Renovierung des alten Gebäudes, in welchem dann die Bücherei eingerichtet wurde.«

Bei Alt-Oberkochenern verbinden sich nostalgische Erinnerungen mit dem Schwesternhaus dieser Jahre: Unvergessen bleibt der riesengroße, dunkle, hallenähnliche, auch im Sommer stets kühle Gang hinter dem Eingang von der Kirche her, in welchem nur ein einziges ebenso großes wie geheimnisvolles Möbelstück stand: Der Medikamentenschrank, in welchem die immer liebenswürdigen und hilfsbereiten Schwestern Salben, Pülverchen, Tröpfchen, heilsame Wässerchen und Elixiere aller Art und Verbandszeug aufbewahrten, und aus dem sie nicht nur Kranken und Schwerkranken, sondern auch Kindern, die sich beim Spielen verletzt hatten, erste Hilfe angedeihen ließen, wenn ihnen durch Betätigung der großen Glocke an der Pforte Einlaß gewährt worden war.

Der Inbegriff einer liebenswürdigen Schwester dieser Zeit war Schwester Lina. - Auch, daß um die Osterzeit aus dem oberen Stock bin und wieder »dr Has rausguckt hat«, weiß man noch gut - es war dies ein großer, aus Pappe gefertigter Osterhase, der sich langsam hin und her bewegte, womit eine der Schwestern - besonders in Erinnerung geblieben ist Schwester Lina - den Kindern unten auf der Straße Freude und Gaudi bereitete. Das waren noch Zeiten.

Doch es gibt auch Erinnerungen ganz anderer Art: Einer Eintragung in die Pfarrchronik durch Pfarrer Jans (1936 - 1948), genau einen Monat nach seiner Investitur, ist am 1. Juli 1936 zu entnehmen: »Der Ortsgeistliche erhält vom Bezirksschulamt Heidenheim, wie alle Kapitalsgeistlichen, den Erlaß: Da Sie nicht bereit waren, das von den Geistlichen in ihrer Eigenschaft als Religionslehrer in öffentlichen Schulen geforderte Treuegelöbnis in der verlangten Weise ohne Vorbehalte und Erklärungen irgendwelcher Art abzulegen, bin ich beauftragt, Ihnen den Religionsunterricht an der Volksschule mit sofortiger Wirkung zu entziehen und für Erteilung des Religionsunterrichts durch Lehrer Sorge zu tragen. Seit dieser Zeit wird der Religionsunterricht vom Ortsgeistlichen im Auftrag des Bischofs im Sommer in der Kirche, im Winter im Schwesternhaus erteilt. Wie lange wohl?«

Etwa 20 Jahre später, im Jahr 1954, wurde das neue Schwesternhaus in der Bühlstraße dann tatsächlich verwirklicht. Ab diesem Zeitpunkt erst nannte man das Gebäude »Aalener Straße 6« »Altes Schwesternhaus«.

Ein großer Teil der Räume wurde von der katholischen Kirchengemeinde vermietet. So diente der kleine Eckraum im EG an der Straße gegen den Turm, erkennbar an dem im Vergleich zu den anderen Fenstern im EG etwas kleineren und mit dem Sims höher gelegenen Fenster, das durch einen höher liegenden Fußboden, darunter Keller, bedingt war, (im Neubau sind alle Fenster gleich groß) vom Oktober 1955 bis Dezember 1957 der seinerzeit von der Ärztekammer Oberkochen zugewiesenen Ärztin Frau Dr. Marianne Schwarz als behelfsmäßiger Praxisraum, in dem es weder Heizung noch Wasser gab. Der daneben gelegene größere Eckraum gegen Straße und Gebäude Nagel war von Kolping belegt, das Stockwerk darüber vermietet. Im »Höfle«, so erinnert sich Frau Dr. Schwarz, war es so eng, daß der Dr. Schwarz'sche Lloyd (»Leukoplastbomber«) nicht hineinpaßte und auf der Straße stehen mußte. Diese Zeit verbindet sich mit dem Namen der Schwester Aspedia. Bis zum Ende der Nutzung des Gebäudes befanden sich in den oberen Räumen eine Wohnung und Jugendräume. Die Bibliothek der katholischen Kirchengemeinde, 1954 eingerichtet, wurde 1968 ins Rupert-Mayer-Haus verlegt.

Im Zusammenhang mit der Geschichte des »Alten Schwesternhauses« sei an Lehrer Johann Konrad Balluff (1799-1859) erinnert, der von 1827-1851 in diesem Gebäude wohnte. (Siehe Berichte 158 - 160 in BuG 1992).

Durch Gemeinderatsbeschluß vom 1.2.1994 wurden die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß im Rahmen einer Bebauungsplanänderung das alte Schwesternhaus abgebrochen und unter Beibehaltung der vertrauten Fassade gegen die Aalener Straße neu errichtet wird.

Dietrich Bantel

Quellen:

  1. Ellwanger Jahrbücher, 1917/19
  2. Unterlagen der Württ. Gebäudebrandversicherung, 1942
  3. Heimatbüchlein Franz Balle, 1953
  4. »Bürger und Gemeinde« No. 26 v. 28.8.1953
  5. »Unsere kirchliche Heimat Oberkochen«, Februar 1953
  6. »Oberkochen« - Beiträge zur Heimatkunde Volksschule Oberkochen, 1961/62
  7. Heimatbuch Oberkochen, 1986
  8. Bericht der Schwester Zita, 1989
  9. Eigene Recherchen

 
 
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