Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 263
 

Aus aktuellen Anlässen schieben wir heute und in 14 Tagen in unsere »Aufsatzserie aus den Jahren 1941 - 1943« zwei Berichterstattungen ein:
Zum einen wurde am Freitag, 15.3.1946, also exakt heute vor 50 Jahren, mit Herrn Rudolf Eber der erste Nachkriegsbürgermeister von Oberkochen gewählt, und zum anderen findet in diesen Tagen das Richtfest für das Gebäude neben der katholischen Kirche statt, dessen Vorgänger eine 240jährige Geschichte aufweist - Grund genug, derselben nachgegangen zu sein. Die Aufsatzserie wird in der angekündigten Reihenfolge, jedoch um 4 Wochen versetzt, veröffentlicht.

Vor 50 Jahren, am 15. März 1946:
Wahl des 1. Oberkochener Nachkriegsbürgermeisters

Der kommunale Neubeginn nach 1945

Es ist bekannt, daß Herr Josef Paul Fischer (PX) nach dem Einmarsch der Amerikaner in Oberkochen am 24.4. 1945 von diesen mit der Führung der Amtsgeschäfte beauftragt wurde. Diese Tätigkeit übte Herr Fischer nur wenige Tage lang aus. Bereits am 31.4.1945 setzte die Militärregierung (laut einem Vermerk anläßlich seiner Gehaltsfestsetzung am 31.8.1945) Herrn Altbürgermeister Richard Frank in das Amt des Bürgermeisters von Oberkochen ein. Über die Amtseinsetzung vom 31.4.1945 ist keine Niederschrift bekannt.

Der Vermerk in der Niederschrift vom 31. August 1945 ist übrigens der einzige Hinweis in den Oberkochener Gemeinderatsprotokollen, daß die Militärregierung einen Einfluß auf das Nachkriegsgeschehen in Oberkochen genommen hat.

Unser Foto, ein wohl einmaliges Zeitdokument, zeigt die 4 amerikanischen Offiziere, die unmittelbar nach Kriegsende in der Villa Albert Leitz einquartiert waren und die »das Sagen« in Oberkochen hatten. Auf dem Foto (Mitte) ist außerdem Frau Maria Gutheiß, die Köchin im Hause Leitz war, und eine Verwandte (Anna Maier geb. Schaupp) zu sehen.

Bereits am 6.6.1945 wurden 8 Gemeindebeiräte in ihr Amt eingesetzt. Im § 1 der entsprechenden Niederschrift heißt es:
»Der Bürgermeister hat zu seiner Unterstützung nachstehende Herren als Gemeindebeiräte berufen, bis eine endgültige Regelung über die Zusammensetzung und ev. Wahl der Gemeinderäte getroffen ist, und zwar:

  1. Schmid, Josef - Fabrikant
  2. Balle, Anton - Landwirt
  3. Fischer, Adolf - Magaziner
  4. Wiech, Josef - Forstmeister
  5. Schellmann, Anton - Landwirt
  6. Geissinger, Willibald - Bäckermeister
  7. Bäuerle, Richard - Bohrermacher
  8. Henne, Wilhelm - Hilfspolizist

(Herr Wilhelm Henne schied am 10.8.45 aus unbekannten Gründen aus dem Beirat aus. Für ihn wurde Herr Karl Renner, Schlosser, berufen.)

Ein halbes Jahr später, in einer Niederschrift vom 28.12.1945, heißt es:
»Gemeinderatswahlen
Nach dem Erlaß des Innenministeriums vom 14.12.45 ... finden in allen Gemeinden unter 20.000 Einwohnern am 27.1.1946 die Gemeinderatswahlen statt ...

Beschluß:

  1. Die Zahl der ehrenamtlichen Mitglieder des Gemeinderats auf 12 (lt. Verordnung) festzusetzen.
  2. Zur Aufstellung der Wählerliste werden außer dem Bürgermeister und Gemeindepfleger die Beiratsmitglieder Schmid und Renner bestellt.
  3. In den Wahlvorstand werden gewählt Anton Balle und Willibald Geissinger als Stellv.
    Für den Wahlvorsteher: Josef Schmid
    Stellv. Schellmann, Anton, Renner, Karl, Bäuerle, Richard, Fischer, Adolf
    Als Schriftführer: Kümmel, Gemeindepfleger Stv.«

Am 25.1.1946 wird die Wählerliste für die 1. Nachkriegsgemeinderatswahl mit 1284 Stimmberechtigten abgeschlossen.

Die Wahlen fanden, wie gesagt, am 27.1.1946 statt. Ergebnis: Auf 2 Jahre wurden gewählt:

Balle, Anton, Bäuerle, Richard, Elmer, Hans, Geißinger, Willibald, Henne, Wilhelm, Renner, Karl, Schellmann, Anton, Schmid, Josef, Trittler, Paul, Wiech, Josef, Winter, Eugen, Wirth, Max.

Parteizugehörigkeiten werden nicht genannt, es ist jedoch bekannt, daß 10 dieser Gemeinderäte der CDU und 2 der SPD nahestanden.

In der Gemeinderatssitzung vom 8.2.1946 wurden sie »feierlich vereidigt und in Pflichten genommen«. In der gleichen Sitzung wurden noch unter Vorsitz des von der Militärregierung eingesetzten Bürgermeisters Frank die Modalitäten für die 1. Nachkriegsbürgermeisterwahl, die auf Freitag, 15.3.1946, festgesetzt wurde, festgelegt, also genau heute vor 50 Jahren.

Zur Wahl hatten sich 8 Bewerber gemeldet. Die Niederschrift lautet:
»Wahl des Bürgermeisters
Laut öffentlicher Bekanntmachung im Amtsblatt für den Landkreis Aalen Nr. 13 vom 16. Februar 1946 soll heute die Bürgermeisterwahl stattfinden. Dazu haben sich folgende 8 Bewerber gemeldet:
Josef Spröhnle, Dewangen
)Johann Müller, Aalen
Hans Schmit, Westhausen
Josef Schäfer, Köln
Eduard Obermayer, Aalen
Karl Engel, Rosenberg
Rudolf Eber, Heidenheim
Wilhelm Bader, Aalen

Von diesen sind 4 Bewerber in der Sitzung persönlich anwesend und haben nach entsprechender Begrüßung und Bekanntmachung Gelegenheit, sich über ihre Ziele und Absichten zu äußern:
Es sprachen: Hans Schmid, Westhausen, Eduard Obermayer, Aalen, Rudolf Eber, Heidenheim, Wilhelm Bader, Aalen«.

Den Vorsitz in dieser Sitzung hatte der stellvertretende Bürgermeister Josef Schmid. Aus heutiger Sicht ist interessant, daß der Bürgermeister nicht von der Bürgerschaft, sondern von den erst kurz zuvor gewählten 12 Gemeinderäten gewählt wurde.

Aufgrund der Tatsache, daß mit dem heutigen Freitag auf den Tag genau 50 Jahre vergangen sind, daß Rudolf Eber zum Bürgermeister von Oberkochen gewählt wurde, hat der Vorsitzende des Heimatvereins ein Gespräch mit dem heutigen Seniorchef (Jahrgang 1914) der Firma Jakob Schmid geführt.

Herr Eber war im 2. Weltkrieg Offizier gewesen und als 30jähriger kurz nach Kriegsende nach Heidenheim entlassen worden. Zunächst ohne Existenz gelang es ihm durch seine Vorbildung ohne Praktikum als Gasthörer in der Stuttgarter Verwaltungsfachschule anzukommen und die entsprechenden Abschlußprüfungen zu bestehen.

In der kurzen Vorstellung in der Gemeinderatssitzung vom 15.3.1946 wies Herr Eber (katholisch) auf seine vom alten »Zentrum« geprägte politische Grundeinstellung hin, und darauf, daß er im Falle seiner Wahl das Amt nach christlicher Überzeugung zu führen gedenke. Nach kurzer Unterbrechung für eine nichtöffentliche Beratung wählten die 12 Gemeinderatsmitglieder in geheimer Wahl wie folgt:

Rudolf Eber - 11 Stimmen
Eberhard Obermayer - 1 Stimme
Herr Eber war auf 2 Jahre gewählt.

Er erinnert sich, daß er von einem amerikanischen Offizier, der die Funktion des Landrats bis zur Wahl von Landrat Dr. Huber ausübte, auf sein neues Amt verpflichtet wurde. Hierüber gibt es keinen protokollarischen Vermerk.

Bei anstehenden Problemen hatte Herr Eber immer wieder in Aalen mit diesem Offizier, zu dem er ein recht gutes Verhältnis hatte, zu tun.

Im übrigen stellte Herr Eber klar, daß es zu seiner Zeit in Oberkochen nie eine Einmischung und keine Kontrolle seitens der Militärregierung gegeben habe. Nur einmal sei der Herr Offizier in Oberkochen aufgekreuzt, weil ein Oberkochener Bürger hinter Herrn Ebers Rücken in Aalen von einem übersehenen Hakenkreuz irgendwo im Bergheim (HJ-Heim, heute Sonnenbergschule) gepetzt hatte.

Auf die Frage, was neben den allgemeinen verwalterischen Routineaufgaben besonders herausragende Tätigkeiten gewesen seien, nannte Herr Eber an erster Stelle die menschenwürdige Unterbringung von Flüchtlingen, die lastwagenweise vom Landratsamt zugeteilt wurden, an die 200 Personen insgesamt. Die Kriegsgefangenen waren zu diesem Zeitpunkt schon in ihre Heimatländer abgezogen.

Das alte ev. Schulhaus - heute »Schillerhaus« und zwei eigens hierzu errichtete Baracken dienten als Auffanglager und Notunterkunft, bis Quartiere gefunden wurden. Herr Eber hatte für den Bau dieser Baracken und die Anfertigung von Betten, Regalen und einfachen Schränken - worum sich Schreinermeister Fischer besonders verdient machte - aus der Not heraus Holz im Gemeindewald machen lassen. Es gab so gut wie kein Baumaterial. Den Kalk »organisierte« er (so nannte man das damals) in Neresheim, das Stroh für die Säcke, die als Matratzen dienten, erbettelte er von Bauern. Die Bürgermeister des Landkreises übten, um persönliche innerörtliche Konfrontationen zu vermeiden, jeweils wechselseitig das Einweisungsrecht aus.

Der 2. Schwerpunkt: Als die erste Flüchtlingswelle etwas abebbte, setzte die Umsiedlung der Firma Carl Zeiss von Jena nach Oberkochen und damit der Zuzug von mehreren hundert Zeissmitarbeitern ein, die innerhalb kurzer Zeit unterzubringen waren. Die Probleme waren ähnlich gelagert, denn erst ganz langsam gingen die ersten Bauanträge bei der Gemeinde ein.

Eine 3. schwierige Aufgabe war die Verteilung der stark rationierten Lebensmittel, und vor allem gerechte Entscheidungen in Notfällen zu treffen.
Vor allem die Linderung der Not habe in den ersten Nachkriegsjahren speziell in Oberkochen »den ganzen Mann« gefordert.

Mit einem Weihnachtsbrief an die erreichbaren Kriegsgefangenen sei eine außergewöhnliche Aktion gestartet worden, die viel Freude bereitet habe. Man kümmerte sich seitens der Stadt um Kriegerwitwen - kurz, es sei die Hauptaufgabe gewesen, ständig an einer größtmöglichen Normalisierung des Alltags zu arbeiten.

Nicht nur Herrn Eber, sondern dem gesamten 1. Oberkochener Gemeinderat gilt es heute aus dem Abstand eines halben Jahrhunderts, Dank zu sagen für ihren unglaublichen konstruktiven Einsatz für die damalige Gemeinde, die ihrerseits mit dazu beigetragen hat, daß die unmittelbaren Kriegsfolgen fast ohne finanzielle Mittel durch persönlichen Einsatz, langfristig durchdachte Improvisation und Erfindergeist überwunden werden konnten.

Das Eber'sche Erbe trat am 1.2.1948 Gustav Bosch an. Mit Rudolf Eber und Gustav Bosch waren 2 hervorragend geeignete Bürgermeisterkandidaten angetreten. Gustav Bosch machte das Rennen mit 4 Stimmen Mehrheit. Rudolf Eber und Gustav Bosch wurden gute Freunde.

Dietrich Bantel

Zu Bericht 263
(BuG v. 15.3.1996) »Vor 50 Jahren«

Den Druckfehler im Titel (»Vor 30 Jahren« statt »Vor 50 Jahren«) konnte man nicht übersehen. Dagegen gilt es, einen weiteren sinnentstellenden Druckfehler zu berichtigen: Die Gemeinderatswahlen nach Erlaß des Innenministeriums vom 14.12.1945 mußten am 27.1.1946 nicht, wie fälschlicherweise gedruckt wurde, in allen Gemeinden unter 2000, sondern in allen Gemeinden unter 20000 Einwohnern durchgeführt werden.

Ich wurde darauf hingewiesen, daß der im o. a. Bericht »Rudolf Eber 1. Nachkriegsbürgermeister von Oberkochen« abgedruckte Begriff »Flüchtlinge« unzutreffend ist. Richtig ist, daß es sich bei allen aus der Tschechoslowakei, Rumänien, Ungarn, Polen, Ostpreußen, Schlesien u. a. angekommenen Menschen um Heimatvertriebene gehandelt hat.

Nicht nur hierzulande, sondern allgemein, wurde zwischen »Flüchtlingen« und »Heimatvertriebenen«, ohne jede böse Absicht, eigentlich nicht konsequent unterschieden.

Dietrich Bantel

 
 
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