Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 260
 

Das KLV-Lager Oberkochen-Bergheim, 1944 - Teil 2

Der Winter! Gleich nach unserer Ankunft erlebten wir einen Kälteeinbruch, mit Schneemassen, wie die meisten von uns Stadtkindern sie nie zuvor gesehen hatten. Bis zum heutigen Tag ist dieser Winter in Oberkochen mit seinen Geländespielen, den gewaltigen Schneeballschlachten und all dem Unfug, den wir trieben, für mich der Winter aller Winter geblieben.

Als Schnee und Eis gewichen waren, schärfte Neth auf langen Spaziergängen unseren Blick für das Erwachen der Natur. Bis in den Sommer hinein gehörten solche Ausflüge zum Lageralltag. Auch mit dem LMF brachen wir auf zu ausgedehnten Streifzügen in die Umgebung und auf den Volkmarsberg.

Mittwochnachmittags war keine Arbeitszeit, sondern Jungvolkdienst, für uns kurz »Dienst«. Wir mußten Uniform tragen und im Hof antreten. Auch Sport wurde im Dienst getrieben. Da Neth dieses Fach als einziges nicht unterrichtete, mußte sich der LMF um unsere körperliche Ertüchtigung kümmern.

Hier ist der Platz für eine Anmerkung. Als die Evakuierungspläne seinerzeit bekanntgegeben waren, hatten nicht wenige Familien befürchtet, daß man ihnen die Kinder entziehen wolle, um sie in KLV-Lagern ideologisch zu beeinflussen, und zweifellos hatte das ursprünglich auch in der Absicht der NSDAP gelegen. Berichte über HJ-Führer, die aus ihren Lagern kleine Kasernen gemacht hatten, taten ein übriges. Aber die Wirklichkeit, die wir erlebten, blieb weit hinter solchen Befürchtungen der Eltern - und den Hoffnungen der Partei - zurück. Der Jungvolkdienst hat uns im Lager nicht mehr in Anspruch genommen, als er es zu Hause getan hätte. Und an Indoktrination haben wir auch nicht mehr erfahren, als es beim Jungvolk - in das ja alle Zehnjährigen eintreten mußten - landauf, landab üblich gewesen ist, und das ging nicht sehr tief. Erfahrungen mit schikanösen HJ-Führern, die man andernorts gemacht hat, sind uns erspart geblieben.

Wie eng die Familienbindungen waren, zeigte sich einmal im Monat, wenn »Besuchssonntag« war. Dann fielen Mütter, Geschwister, Großmütter und Tanten gleich scharenweise in Oberkochen ein, sehnlichst erwartet von den Jungs, von denen viele, lange bevor sich die ersten Besucherinnen zeigten, auf der Hofmauer standen und angestrengt ins Tal spähten. Die Mütter brachten neben mancherlei Eßbarem auch saubere Wäsche. Resolut sahen sie in Spinden und Stuben nach dem Rechten und nahmen ihren Söhnen die dreckigen Klamotten weg. Das Lager summte und brauste und quoll fast über vor Betriebsamkeit. Neth war den ganzen Tag nicht zu sehen. Er hockte in seinem Zimmer und hatte Sprechstunde.

Wenn sich unsere Angehörigen am späten Nachmittag auf den Heimweg machten, brachten wir sie zum Bahnhof. Einmal begleitete ich meine Großmutter und meine Patentante. Da hörten wir, wie hinter uns ein Klassenkamerad zu einem anderen sagte: »Jetzt sollte aus jedem Wagen ein Rad springen, dann könnten sie nicht fort und müßten alle dableiben«, und er kicherte zufrieden, als ob sich die Panne bereits ereignet hätte. Die beiden Frauen waren zu Tränen gerührt. So etwas konnten sie behalten. Noch nach Jahren erinnerten sie sich: »Weißt du noch, damals in Oberkochen, wie der Junge gesagt hat . . . - ach Gott!«

Einige nicht alltägliche Unternehmungen sind uns allen im Gedächtnis geblieben. So etwa unsere Exkursion in den Steinbruch, wo wir eifrig Ammoniten und »Donnerkeile« sammelten. Ich kehrte mit gefüllten Hosentaschen zurück. Am darauffolgenden Besuchssonntag mußte ich eine Meuterei unterdrücken, als ich meiner Mutter zumutete, »die Steine« nach Kornwestheim zu »schleppen«.

Oder unsere Tageswanderung nach Königsbronn. Unterwegs erfuhren wir, was es mit der Europäischen Wasserscheide auf sich habe, und ich möchte hier nicht ausplaudern, auf was für Ideen 12jährige Buben an so einem Platz kommen, wenn der Lagerleiter außer Sichtweite ist. Demgegenüber ließ uns der stille Brenztopf ziemlich kalt. Unser strenger Lehrer muß an diesem Tag in Festtagslaune gewesen sein. Am Itzelberger See zeigte er uns höchsteigenhändig, wie man flache Steine über das Wasser hüpfen läßt.

Einmal lud uns das Oberkochener Jungvolk zu einer Sondervorführung von Veit Harlans Film »Der große König« ein. Natürlich war das ein »Durchhaltefilm«, aber diese Botschaft erreichte mich nicht. Ich war so hingerissen vom historischen Dekor, daß ich blind blieb für die Parallelen zur aktuellen Kriegslage. Nach diesem Kinobesuch, der übrigens unser einziger bleiben sollte, brach in der Klasse eine regelrechte Fridericus-Manie aus. Es war kein Zufall, daß unsere beiden Schlafräume »Stube Seydlitz« und »Stube Ziethen« hießen.

Und dann, es war schon gegen Ende des Schuljahres, fuhren wir mit dem Härtefeldbähnle in die Himbeeren. Die Ernte, die wir kübelweise anschleppten, wurde in der Küche zu Marmelade verarbeitet. Aber die war schon nicht mehr für uns bestimmt, sondern für die Klasse, die uns nachfolgen sollte.

Am 12. Juli begannen die Großen Ferien. Wir hatten die erste Klasse hinter uns und durften heimfahren. Allerdings war es uns nicht erlaubt, an unserem Wohnort zu bleiben. Wir sollten die Ferien auf dem Land verbringen und uns von der örtlichen Polizeibehörde den Aufenthalt bescheinigen lassen. Doch das Verbot wurde auf jede mögliche Art umgangen. Die meisten verbrachten auch ohne offizielle Erlaubnis wenigstens einen Teil der Zeit bei ihrer Familie.

Ende August trafen wir uns zum letzten Mal in Oberkochen. Wir waren jetzt Klasse 2a und hätten eigentlich nach Essingen gehört, aber anscheinend klappte es noch nicht ganz mit den Quartieren bei Privatfamilien.

Doch nach ein paar Tagen hieß es Abschied nehmen von unserem alten Klassenlehrer und dem Lager, vom Kochertal mit seinen vertrauten Wiesen, Hängen und Wäldern und vom Volkmarsberg. In Essingen warteten neue Lehrer und neue Abenteuer auf die 2a. Als unser Zug abfuhr, war wohl kaum einem von uns richtig bewußt, daß wir in Oberkochen eine unvergleichliche Erfahrung gemacht hatten. Natürlich ist uns kleinen Kerlchen die vorübergehende Trennung von zu Hause schwergefallen, aber sie hat uns auch selbständiger gemacht, früher als die meisten Gleichaltrigen. Und wir haben Glück gehabt, auch das wissen wir heute zu würdigen. Ungeachtet aller Absichten der Parteidienststellen hat man im Lager Oberkochen nicht versucht, aus den Schülern kleine verbissene Nazis zu machen, unserem Lehrer Neth - und den Lagermannschaftsführern - sei Dank. Niemals wieder haben wir eine Zeit so intensiv erlebt wie diese 8 Monate. Bezeichnend ist, daß alle Kameraden von damals die Dauer unserer Evakuierung im nachhinein kraß überschätzten, als wir uns nach über 50 Jahren wieder trafen.

Wie es weiterging mit dem KLV-Lager Wü/105? Am 7. September 1944 kamen die Schüler der neuen 1a an. Sie hatten es schwerer als wir. Der Krieg trat in seine letzte Phase. Die Fronten rückten näher. Im Oktober 1944 eroberten die Amerikaner Aachen, die erste deutsche Großstadt. Der Luftkrieg verschärfte sich. In den Städten duckten sich die Menschen nicht mehr nur nachts in den Kellern, jetzt rannten sie schon am hellichten Tag um ihr Leben. Auch auf dem Land sah man sich einer ganz neuen Geißel des Krieges ausgesetzt: den Tieffliegern. Und Neth mußte in den Reihen des Oberkochener Volkssturms exerzieren. Am 10. Januar 1945 wurde das Lager ins Otto-Hoffmeister-Haus bei Schopfloch, Kreis Nürtingen, verlegt - 1 Lehrer, 1 LMF und 33 Jungen. Doch der Klasse ist hinlänglich bekannt, wie verworren die Lage damals war. Am 6. April evakuierte man die Evakuierten zum drittenmal. Wohin? Erst einmal nach Ulm, dort würden weitere Anweisungen auf den Lagerleiter warten. Aber in Ulm fanden sich keine Anweisungen, kein Mensch wußte, was man mit den Reisenden anfangen sollte. Die Schüler verbrachten die Nacht zusammen mit ihrem Lehrer auf dem Bahngelände, im Wartesaal. Am nächsten Tag trug Neth die Sache dem KLV-Inspekteur Seibold vor. War es das energische Auftreten des Lagerleiters oder die Ratlosigkeit des Inspekteurs, der auch nicht wußte, wohin mit den Kindern - jedenfalls löste Seibold das Lager am 7. April 1945 auf. Die Buben wurden »in die Heimat beurlaubt«. Wenn man bedenkt, was in diesen Aprilwochen noch alles möglich gewesen ist, staunt man fast über soviel Einsicht und gesunden Menschenverstand.

Damit endet die Geschichte des KLV-Lagers Wü/105 - gerade einen Monat vor dem endgültigen Zusammenbruch des tausendjährigen Reiches.

Siegfried Härer, Kornwestheim

 
 
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