Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 26
 

Das alte evangelische Pfarrhaus

Das alte evangelische Pfarrhaus hat eine fast 100jährige Geschichte erlebt. Den unmittelbaren Anstoß zu seiner Errichtung bot das traurige gesundheitliche Schicksal des im vergangenen Jahrhundert sehr beliebten und heute teilweise noch bekannten Pfarrers Dürr. Er war der letzte ständige evangelische Seelsorger, der in der ersten evangelischen Kirche von 1583 predigte und in der Wohnung im ersten Stock des Gotteshauses wohnte. Er wirkte seit 1850 in der kleinen Gemeinde und hatte fast 20 Jahre lang ohne Urlaub unter den völlig unzureichenden Wohnverhältnissen gelitten und dabei - insbesondere wegen der kühlen Feuchtigkeit - seine Gesundheit zerstört. Als er sich im August 1869 trotz der hohen zu erwartenden Kosten zu einer Kur entschloß, war es bereits zu spät. Zwei Tage darauf erlitt er einen Hirnschlag und verlor für mehrere Wochen das Bewußtsein, danach litt er an Gedächtnisschwund. Sein Zustand verschlechterte sich durch eine Lungenentzündung weiter. Die Arzt- und Apothekenkosten stürzten seine Familie in bittere finanzielle Not. Pfarrer Dürr starb am 1. Januar 1870 in Oberkochen.

Die Unzumutbarkeit dieser Wohnverhältnisse wurde nach Dürrs Ableben auch staatlicherseits anerkannt. Daß die Glockenseile mitten durch das pfarrherrliche Schlafzimmer vom Dachreiter nach unten in den Kirchenraum führten mag die Abneigung der möglichen Amtsnachfolger Dürrs zusätzlich erhöht haben. Jedenfalls kam erstmals wieder 1875 ein evangelischer Pfarrer nach Oberkochen, nachdem die alte Kirche abgebrochen und eine neue erbaut worden war. Im etwas zurückversetzten, auf der anderen Straßenseite liegenden Gemüse- und Grasgarten der evangelischen Kirchengemeinde hatte diese gleichzeitig ein Pfarrhaus errichtet.

Im Erdgeschoß dieses 2-stockigen Gebäudes befanden sich eine Waschküche und vier Wohnräume, im ersten Stock die Küche und weitere vier Räume. Vier der acht Zimmer konnten beheizt werden. Neben dem Haus stand ein Pumpbrunnen - ein großer Fortschritt, denn bislang mußte sich die Pfarrfamilie das Wasser direkt aus dem Kocher holen. Von 1875 bis 1972 bewohnten alle 11 evangelischen Pfarrer mit ihren Familien das Oberkochener Pfarrhaus. Dies waren:

Name Amtszeit
   
Otto Reinhold Lechler 1875 - 1882
Theodor Brecht 1882 - 1894
Eugen Wider 1894 - 1921
Karl Stöckle 1922 - 1926
Ferdinand Huber 1926 - 1935
Theodor Dornfeld 1936 - 1938
Eberhard Goes 1939 - 1947
Georg Fiedler 1947 - 1954
Hans Heinrich Gottfroh 1955 - 1961
Peter Geiger 1961 - 1969
Bernhard Kurtz 1970 - 1984

Nach 1972 stand ein neues Pfarrhaus in der Blumenstraße zur Verfügung. Sein Vorgängerbau wurde abgerissen. Zurück blieb eine schöne Grasfläche.

Dr. Christhard Schrenk

Herr Dr. Christhard Schrenk, dem wir diesen Bericht verdanken, hat vor 5 Jahren anläßlich des 400. Geburtstags der Oberkochener Evangelischen Kirchengemeinde ein kleines Büchlein zur Geschichte der evangelischen Kirchengeschichte herausgegeben. Auf Seite 57 befindet sich eine weitere Abbildung des unter Pfarrer Bernhard Kurtz abgerissenen alten Pfarrhauses.

Die Bauakten aus dem Jahr 1874 befinden sich vollständig auf dem Stadtbauamt.

Dietrich Bantel

 
 
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