Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 253
 

Josef Paul Fischer »PX« (1891 - 1975)

Vor 20 Jahren, am 25.10.1975, verstarb Josef Paul Fischer, den man in Oberkochen den »Kriminaler«, vor allem aber den »PX« nannte, im hohen Alter von 85 Jahren.

Mindestens einmal im Jahr erlebte ich ihn ausführlich anläßlich der Altenweihnacht: Heute löst sich nach der Altenweihnacht alles ziemlich schnell auf. Vor 30 Jahren war das anders: Da ging's hinterher erst richtig rund. Und der »PX« war ein gemütlicher Hocker; und erzählen konnte er - wobei er aufpaßte, was um ihn herum passierte. Ein Auge hatte er 1945 nach schwerer Krankheit im Winterinternierungslager der Amerikaner in Heilbronn, wohin er unter mysteriösen Umständen verbracht worden war, eingebüßt. Umso schärfer - so erschien es mir - beobachtete er mit dem verbliebenen.

J. P. Fischer war das älteste von 17 Kindern der Oberkochener Familie Johannes Fischer. Seine Mutter, die »Klaraböte« war, wie berichtet, viel unterwegs, die Oberkochener Hafnerware auf den Märkten bis Ulm zu verkaufen. Oft besorgte sie gefälligkeitshalber den Oberkochenern Dinge von der Stadt, und deshalb hatte man ihrem Vornamen die Bezeichnung »böte« (= Bötin) hinzugefügt.

Ursprünglich hatte J. P. Fischer bei Johannes Elmer, über den wir ebenfalls an dieser Stelle berichteten, als Kettenschmied gelernt. Vom 1. Weltkrieg kam er Ende 1916 schwer verwundet zurück.

Unser Foto zeigt J. P. Fischer in dem Moment, als ihm König Wilhelm II. von Württemberg die Goldene Verdienstmedaille überreichte. (Schloßplatz, Stuttgart)

Die gehobene Beamtenlaufbahn hatte er bereits 1913 nach dem Wehrdienst eingeschlagen. (Polizeischule München) Mit Kriegsausbruch 1914 wurde er einberufen und kam im Winter 1916/17 zum Gebirgsjägerbataillon. Bei einem Absturz in den Alpen zog er sich lebensgefährliche Kopfverletzungen sowie Arm- und Beinbrüche zu, wodurch die Berufspläne vorerst gestoppt wurden.

Nach langem Lazarettaufenthalt und autodidaktisch erworbenem Abitur trat er in Ravensburg seinen Dienst bei der Kriminalpolizei an. Es folgten Fortbildungskurse auf dem Polizeipräsidium in Hamburg und in Stuttgart. 6 Jahren nach erfolgreichem Abschluß der Prüfung zum Kriminal-Oberkommissar konnte er den schweren Dienst wegen seiner Kopfverletzung nicht mehr ausüben und kehrte nach Eintritt in den Vorruhestand mit seiner Familie im Jahr 1927 wieder in seine Heimat Oberkochen zurück. Das während seiner Ausbildung nebenher erworbene Wissen in Bilanztechnik und Buchprüfung konnte er jetzt als Steuerberater gut verwerten.

Ob er am 1.3.1940 von Bürgermeister Heidenreich aufs Rathaus geholt oder ob er dienstverpflichtet wurde, erinnert sich seine Tochter Trudl Fischer, der wir diesen Bericht verdanken, nicht mehr. Fest steht, daß er vom 15. März 1940 bis zum 31. März 1945, trotz Nichtzugehörigkeit zur Partei, Kartenstellenleiter auf dem Oberkochener Rathaus war. Außerdem war J. P. Fischer Luftschutzwart. Ferner war er mit der Betreuung der Oberkochen zugewiesenen Kriegsgefangenen, hauptsächlich Russen und Franzosen, die in der alten TVO-Turnhalle untergebracht waren, beauftragt.

Bürgermeister und Ortsgruppenleiter hatten vor dem Einmarsch der Amerikaner das Weite gesucht. Auf dem Rathaus ausgehalten hatten außer J. P. Fischer noch Frau Martha Gold, Frau Schlund (Krapka) und Frau Glöggler (geb. Dickenherr) als Schreibkräfte auf der Kartenstelle. Ferner der seit Februar 1945 amtierende Gemeindepfleger Kümmel, der Kassierer Dietrich und der Amtsbote Seibold. Als Mann mit der größten Publizität wurde J. P. Fischer am 24.4.1945 unmittelbar nach dem Einmarsch der Amerikaner von diesen zum provisorischen Bürgermeister ernannt (Kriegsende 8.5.1945). Wenige Jahre nach Kriegsende wurde J. P. Fischer Gründungsmitglied bei der Touristenvereinigung TV »Die Naturfreunde«; zeitweise war er deren 1. Vorstand und später Ehrenvorsitzender. Auch als Gründungsmitglied der Schützengilde erwarb er sich Verdienste in den späten 40er Jahren leitete er als Vorsitzender des Wollenlochclubs die Forschungsarbeiten in dieser Höhle.

Unser Foto zeigt ihn im September 1948 am Wollenloch. In seiner Ansprache anläßlich der Heimweihe der TV »Die Naturfreunde« am 27.7.1958 sagte er sinngemäß, daß es nicht nur darum geht, die Berge dieser Welt zu bezwingen, sondern hauptsächlich darum, die Berge der unvernünftigen Lebensweise der breiten Masse des Volkes zu überwinden. Weiter wörtlich: »Die Seele, der Geist sollten wieder frei werden von der Verflachung des Alltags. Der Daueraufenthalt der Massen in der Freizeit in Bier- und Vergnügungslokalen sollte durch Wandern verkürzt werden« und »Die Jugend ist auch durch den Materialismus der Alten irre geleitet worden.« Ein weitblickendes Wort vor nahezu 40 Jahren!

Das Geheimnis um die Herkunft seines legendären Beinamens »PX« lüftete seine Tochter. Das »P« hat nichts mit »piscator«, dem lateinischen Wort für »Fischer« zu tun, obwohl er seine schriftstellerischen Arbeiten gelegentlich mit »piscatoro zeichnete. Vielmehr geht das »PX« auf einen seiner Lieblingswitze zurück, der mit »PX« aufhörte, die Abkürzung für »pleiben's xundo; diese Abkürzung verwendete er auch hin und wieder, wenn er sich von jemandem verabschiedete. Überliefert ist eine andere markante Begebenheit: In der Aalener Straße schmalkte der »PX« mit ein paar Bekannten, als ein Hochdeutscher ihn so ansprach: »Ich möchte gerne zum Bahnhof« - worauf der »PX« zu ihm sagte: »Isch doch mir egal.«

J. P. Fischer riskierte oft »eine Lippe«, und wurde aus diesem Grund immer wieder stark angefeindet - andererseits schuf er sich dadurch natürlich auch Freunde. Das scheint bis auf den heutigen Tag, 20 Jahre nach seinem Tod, so geblieben zu sein. Zu den von ihm betreuten französischen und holländischen Kriegsgefangenen hatte er bis zu seinem Tod, über 30 Jahre hinweg, ein herzliches Verhältnis.

In der »Schwäbischen Post« vom 30.10.1975 erschien ein von Robert Wolff verfaßter ausführlicher Nachruf, in welchem es unter anderem heißt: »Bürgermeister Bosch gedachte dankend der Tätigkeit des Verstorbenen während der Jahre des Zweiten Weltkrieges in der Gemeindeverwaltung.«

Dietrich Bantel

 
 
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