Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 252
 

Als die Aalener Straße noch Kirchgasse hieß - Teil 2
Erinnerungen an eine Kindheit im Haus Nr. 19

Im Winter war das Schulzimmer im Erdgeschoß links vor dem Beginn des Unterrichts aufzuheizen. Meine Mutter war wieder selbstverständlich daran beteiligt. Der Schulraum, vor allem in der Zeit der evangelischen Ein-Klassenschule, war vergleichbar mit der Werkstatt im Hause eines Handwerkers. Der Lehrer und seine Frau hatten auch die Aufgaben des Hausmeisters zu versehen. Der Raum, zu dem auf der gegenüberliegenden Seite des Hausflurs ein kleines Bürozimmer gehörte, hatte durch die Zimmerlinden, die mein Vater liebevoll pflegte, eine freundliche Ausstrahlung. Ich durfte ihn als Kind allerdings nur in Begleitung betreten und empfand dabei Scheu vor seiner amtlichen Würde. Ähnlich erging es mir im Arbeitszimmer meines Vaters, das oben in der Wohnung auf der rechten Seite des Hauses lag. Wenn er nicht da war, setzte ich mich gerne hinein und beobachtete die Fliegen, die um die Lampe kreisten. Die Lampe war eine grün-gelb-schimmernde Glaskugel. Ich bildete mir ein, wie ein Hirte die Fliegen zu hüten und glaubte, ihnen Anweisungen geben zu können.

Das Haus hatte auch fremde, unheimliche Bezirke. In der Scheune stand der Leichenwagen, eine schwarzlackierte Holzkonstruktion, mit einem an den Seiten offenem Baldachin, mit silbern glänzenden Ornamenten und Engelsköpfen.

Wenn ich als Kind, etwas im Keller holen mußte, stieg ich langsam, Angstgefühle unterdrückend, die Treppe hinunter, die mir wie ein Schacht zur Unterwelt vorkam. Es war kühl und roch nach Erde; im Keller selbst vermischte sich der Erdgeruch mit dem appetitanregenden süßsauren Duft, der vom Sauerkrautfaß in der hinteren Ecke ausging. Während des Krieges war unser Keller wegen seines tiefgelegenen Gewölbes als Luftschutzraum ausgewiesen. In den Nächten, als die Bomberverbände der Alliierten das Dorf überflogen, wurden wir durch die Sirene geweckt und stiegen fröstelnd nach unten. Neben dem Sauerkrautfaß stand jetzt, ein hölzernes Notklosett, mit einem Eimer im Innern. Ich hatte meist ein Stück trockenes Brot dabei und kaute daran, während Frau Winter, die Bäuerin vom Nachbarhof, einen Rosenkranz betete. Ich wäre am liebsten nach draußen, über den Hof in die Felder gegangen, um zu sehen, was sich am Himmel abspielt. Das dumpfe ferne Gedröhn der Bomber, das geduckte Abwarten unter der Erde - es schien mir bedrohlicher als die offene Konfrontation, Auge in Auge mit der Gefahr, in der man erkennen kann, was auf einen zukommt. Manchmal habe ich noch heute, wenn ich nachts aufwache und nicht gleich wieder einschlafen kann, den Geschmack des Bauernbrots im Munde, das mir Frau Winter gelegentlich zusteckte, wenn ich in der Abenddämmerung zu ihr geschickt wurde, um Milch zu holen - im Krieg mußte das heimlich geschehen. Eine direkte Abgabe von Lebensmitteln war den Bauern verboten.

Direkt am Haus gab es für die Kinder einen wenig gesicherten Auslauf. Der Hinterhof, schmal und spärlich mit Gras und Brennesseln bewachsen, schloß zur Rechten mit einer Holzhütte auf gemauertem Untergrund ab. Generationen von Schülerinnen und Schülern waren dort notgedrungen aus- und eingegangen. Die Hütte verströmte einen spezifischen Stallgeruch, der durch keine Wasserspülung oder ähnliche sanitäre Einrichtungen verfälscht wurde. Es handelte sich nicht um ein WC und nicht um eine Toilette, sondern es war - das ältere schwäbische Wort ist hier unvermeidlich - ein Scheißhäusle. Neben seiner eigentlichen Bestimmung war es aber zum Versteckspielen gut geeignet und ist von meinen Spielkameraden und mir so auch ausgiebig genutzt worden.

Der mundartliche Begriff paßt übrigens auch für die entsprechende Einrichtung in unserer Wohnung im ersten Stock. Es war ein schmaler Raum, vom Flur aus links hinten zugänglich. An der Außenwand, unter dem Fenster, befand sich ein Holzkasten, der die ganze Breite des Raumes einnahm. Ein mit Holzknopf als Handgriff versehener runder Holzdeckel schloß eine Röhre ab, die in die Tiefe des Hauses hinabreichte. Der Blick an der schwarzglänzenden Röhrenwand entlang verlor sich im Dunkel des Erdschachtes. Es war die Fallhöhe, die Reinlichkeit bewirkte, eine Entsorgung per Schwerkraft, die auf Nachhilfe von Wasser verzichten konnte.

Der Dachboden, auf dem Entdeckungen zu machen waren und uralter Hausrat, u.a. ein intaktes Spinnrad, unter einer dicken Staubschicht lagerte, war zu zwei Dritteln begehbar. Ich hatte später, etwas ab meinem fünften Lebensjahr, dort einen Platz zum Basteln. Es war das Reich der Spinnen verschiedener Art und Größe. Ihre kunstvoll in der Nähe des Dachfensters aufgespannten Netze waren oft leer und die Spinnen deshalb in versteckter Lauerstellung. Weniger geduldig als die Spinnen selbst, fing ich anderswo Fliegen, brachte sie in die Nähe der Netze und beobachtete stundenlang die Aktivität der Spinnen im Umgang mit ihrer Beute.

Ging man vom Eingang zur »Bühne« weiter nach rechts, wurde der Dachboden brüchig. Genau über dem Leichenwagen klaffte in den Bohlen ein von Splittern umsäumtes Loch unbestimmter Herkunft. An bauliche Sicherheitsbestimmungen dachte zu jener Zeit niemand.

Der Schulraum im Erdgeschoß, in dem auf das Leben vorbereitet wurde - und der Pferdewagen für die letzte Fahrt in der Scheune: Anfang und Ende fanden sich unter einem Dach. Das Haus in der Kirchgasse 19 machte mit dem Gang der menschlichen Dinge früh vertraut.

Prof. Dr. phil. Hermann Braun

 
 
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