Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 248
 

Eine weitere Karst-Geschichte

Der Karst der Schwäbischen Alb ist mit Klüften, Spalten und Hohlräumen durchsetzt, die sich teils zu echten Höhlen erweitern, teils auch nur unterirdische Wasserläufe führen. Diese »Innenarchitektur« unserer Landschaft war Anlaß zu Sagen und Erzählungen, die nun durch eine weitere ergänzt werden soll. Zunächst aber rekapitulieren wir die beiden bekanntesten Geschichten kurz:

Der Schäfer vom Wollenberg
Der Schäfer war eines Tages mit seiner Frau in Streit geraten - sie hatte das Essen nicht rechtzeitig gebracht, zudem schmeckte es nicht! - in dessen Verlauf er sie erschlug und dann ihren Leichnam im Wollenloch verschwinden ließ. Doch einige Zeit später fand man die Pantoffeln der Schäfersfrau in der Quelle bei der Ziegelhütte. Waren sie durch Spalten und Klüfte dorthin geschwemmt worden? Als ein Experiment die Frage bejahte - man hatte mit Tierblut gefärbtes Wasser ins Wollenloch gegossen und dieses trat dann in der Quelle zutage - entzog sich der Schäfer seiner Verhaftung durch eilige Flucht ins bayerische Ausland.

Der Höhlendackel vom Griebigen Stein
Obwohl einst der Jagdhund eines Oberkochener Jägers spurlos in der Höhle am Griebigen Stein verschwand, war er doch nicht auf Nimmerwiedersehen in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Nein, es gibt sogar zwei Versionen für ein Happy-End der Geschichte. Die erste besagt, der Dackel - um einen solchen handelte es sich nämlich - sei beim Pulverturm wieder ans Tageslicht gekommen, die zweite erzählt gar davon, der Hund habe Kürze und Krümmung seiner Beine dazu benutzt, bis zum Königsbronner Klosterkeller vorzudringen.
Nun aber die dritte, wohl unbekannte Geschichte vom

Ebnater Gänsewunder
Vermutlich wußten die Ebnater in grauer Vorzeit nichts davon, daß im fernen Rom einmal Gänse das Kapitol mit ihrem Geschnatter vor dem Feind gerettet haben sollen. Gleichwohl schrieben sie Gänsen heimliche Kräfte zu, die sich in deren unbeherrschtem Zischen äußerten, Kräfte, die auch imstande sein mußten, den in einer finsteren Höhle des Härtsfeldes hausenden Wettergott wohlgesonnen zu stimmen. Bemerkenswerterweise war dieser Wettergott nicht am oder im Himmel zu finden, sondern er saß als häßliches Unwesen in einer finsteren Höhle, was vielleicht auch erklärt, warum man früher unfolgsam Kindern mit Verfrachten auf das Härtsfeld drohte. Wie dem auch sei, wenn die Ebnater um gut Wetter bitten wollten, nahmen sie zwei fette Gänse, putzten sie mit Bändern und Schellen und trieben sie in den Wald dorthin, wo sie den Wettergott in seiner Höhle vermuteten.

Zu jener Zeit hatten zwei fahrende Gesellen die Steinhöhle bei Neresheim zum Standquartier auserkoren. Hier war es trocken und geschützt, aber der Felsen, den sie als Tisch benutzten, war meist leer - bis zu dem Tag, als sie im Dunkel der Höhle ein Geschnatter vernahmen und fürchteten, der Leibhaftige würde kommen, um sie wegen verschiedener Gaunereien zur Rechenschaft zu ziehen. Aber o Wunder, es kam ganz anders.

Nein, nicht »es« kam, sondern was da der Schlund der Höhle ausspuckte, waren zwei Gänse, zwar in einer etwas komischen Aufmachung, aber doch lebendig und wohlgenährt. Als sich die beiden Gesellen vom ersten Schrecken erholt hatten, schlüpften sie unversehens in die Rolle des Ebnater Wettergottes, nahmen das Opfer gnädig an, und so fand die rituelle Wanderung der Gänse ein für solche Tiere fast normal zu nennendes Ende in einer Bratenpfanne über dem offenen Höhlenfeuer.

Einige Zeit später kamen die beiden Gesellen nach Ebnat und erlebten zufällig mit, wie die Bewohner wieder einmal für gutes Wetter sorgen sollten. Da fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen und sie erkannten den reellen Hintergrund ihres Gänsewunders. Weil sie clevere Burschen waren, hielten sie ihren Mund und bekannten sich als eifrige Anhänger des Ebnater Glaubens. Jedesmal, wenn sie fortan die Lust auf Gänsebraten überkam, zogen sie gen Ebnat, predigten dort Buße und forderten die Bewohner auf, ihrem Gott zwei Gänse zu opfern. Ihn bei guter Laune haltend, sollten sie für entsprechendes Wetter sorgen - und natürlich auch für das leibliche Wohl der Höhlenbewohner (worüber sie aber tunlichst kein Sterbenswörtchen verloren).

Volkmar Schrenk

 
 
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