Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 242
 

Vor 100 Jahren: Oberkochener Brandserie 1895 - Teil 2

Im September des Jahres 1895 wurde Oberkochen durch eine Serie von drei Großfeuern heimgesucht. Die beiden ersten Brände wurden bereits beschrieben. Nun folgt der Bericht über den dritten, folgenreichsten Brand.

23. September 1895
»Viele Oberkochener waren nach Aalen zum Jahrmarkt gefahren, andere arbeiteten im Wald oder auf dem Feld, da ertönte mittags gegen 2 Uhr zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit Feuerlärm«. Vom Personenzug aus, der in Oberkochen 4 Minuten nach 2 Uhr in Richtung Heidenheim abfahren sollte, bemerkte Werkmeister Friz aus Aalen eine ungewöhnliche Rauchentwicklung in Oberkochen. Er stieg aus, ließ seinen Zug allein abfahren, eilte zur Ortsmitte und fand einige völlig hilf- und ratlose Personen vor der Scheuer von Ochsenwirt Trick, die schon lichterloh brannte. Friz versuchte nun die Brandbekämpfung zu organisieren, aber die Flammen sprangen rasch auf das Gasthaus »Ochsen« über und griffen auch das Anwesen der Witwe von Schmied Maier an.

Bald hatte sich die Oberkochener Feuerwehr formiert, und Verstärkung brachten die Löschzüge aus Königsbronn, Unterkochen, Zang und Ochsenberg. Die Aalener Wehr kam mit einem Extrazug per Eisenbahn, der so schnell fuhr, daß zwischen Unterkochen und Oberkochen eine Kuh, die auf den Schienen stand, sich nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte und überfahren wurde.

Obwohl also viele Feuerwehrleute den Brand bekämpften - die Aalener hatten z.B. »1 Spritze, 1 Schlauchwagen mit Zubehör und 40 Mann, davon 12 Steiger entsandt« -, griff das Feuer weiter um sich. Das Haus von Gärtner Mahler begann zu brennen und auch die Brauerei des Ochsenwirt. Und es griff ebenfalls auf die andere Straßenseite über. Der »Hirsch« fing Feuer, die Nebengebäude brannten ebenfalls. »Nur unter großen Anstrengungen gelang es, das katholische Schulhaus (jetzt Altes Schwesternhaus) und die beiden Kirchen vor dem Feuer zu bewahren«.

Neues Unglück
24. September 1895
Als endlich die Kraft des Feuers erlahmte und die Flammen gelöscht waren, machte man sich an die Aufräumungsarbeiten. Beim »Ochsen« war nicht mehr viel zu retten, da blieb nur, die noch stehenden Wände auch einzureißen. Dabei passierte es: »Beim Niederlegen einer massiven Giebelwand gerieten drei Feuerwehrleute unter die einstürzenden Trümmer. Zwei von ihnen, Hafner Gold und Taglöhner Trittler, Väter von 7 bzw. 5 Kindern, konnten nur noch tot geborgen werden. Der dritte Mann überlebte schwer verletzt«.

Dank
Nach dem Brand erschienen in der Kocher-Zeitung verschiedene Danksagungen. Georg Nagel zum »Hirsch« sagt: »Bei dem schweren Brandunglück war mein Anwesen in höchster Gefahr. Nur der anstrengenden Tätigkeit meiner Mitbürger, sowie der rasch herbeigeeilten Nachbarfeuerwehren habe ich zu verdanken, daß mein Heimat heute nicht ein Trümmerhaufen ist . . .« Katharina Trittler, die Frau des einen Verunglückten, dankt ihrer Versicherungsgesellschaft »für die prompte Ausbezahlung der vollen Versicherungssumme meines Mannes, der beim Brandunglück auf bedauerliche Weise sein Leben verlor« (und nennt Hafner Josef Minder als Agenten der Versicherung).

»Für die wohltuenden Beweise tatkräftiger Hilfe« sprechen Ochsenwirt Trick und Frau »allen Beteiligten, besonders den Feuerwehren von hier, von Aalen, Königsbronn, Zang, Ochsenberg schuldigen Dank öffentlich aus«, und versichern, »den verunglückten Feuerwehrmännern werden wir ein treues Andenken bewahren«.

Geschäftstüchtig
Warum sollte man einem Unglück nicht auch positive Seiten abgewinnen? So dachte der eingangs schon genannte Werkmeister Friz aus Aalen. Er hatte nämlich dem Ochsenwirt vor dem Brand zum Umbau seines Anwesens das Material für eine neue Stalldecke geliefert - »Hohlgewölbesteine aus einem Stück Ton« waren es -, und diese hatten sich beim Brand bestens bewährt: »Beim raschen Umsichgreifen des Feuers wäre es unmöglich gewesen, das Vieh aus dem Stall zu retten, wenn nicht die vorzüglich konstruierte Decke dem Feuer Widerstand geleistet hätte . . .«

Obwohl von Brandstiftung gemunkelt wurde, konnte kein Beweis dafür erbracht werden. Der Gebäudeschaden belief sich auf 50.000 Mark, Schweine und Federvieh waren in den Flammen umgekommen; aber am schwersten wog der Verlust von zwei Menschenleben.

Zum Foto: Im Text ist u.a. die Rede davon, das Feuer habe auch auf das neben dem Gasthaus »Ochsen« befindliche Anwesen von Schmied Maier, genannt »Kirchen-Schmied«, übergegriffen. Das Bild aus der Sammlung von Kuno Gold zeigt Kirchenschmied Karl Maier vor seinem wiederaufgebauten Haus bei der Arbeit.

Volkmar Schrenk

 
 
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