Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 227
 

Vor hundert Jahren - Teil 1

Das Jahr 1894 war für die beiden Oberkochener Kirchengemeinden ein besonderes Jahr: Pfarrer Breitenbach, der katholische Pfarrer Oberkochens, feierte Goldenes Priesterjubiläum, und bei der evangelischen Gemeinde gab es einen Wechsel im Pfarramt, weil Pfarrer Brecht zum Stadtpfarrer in Gerabronn ernannt worden war und ihm kurz vor Weihnachten Pfarrer Wider nachfolgte. »Wie beim Jubiläum von Pfarrer Breitenbach, so beteiligte sich auch bei der Feier zur Einsetzung des neuen evangelischen Pfarrers die Gemeinde ohne Unterschied der Konfessionen«, so ist in der Presse über die ökumenische Haltung der Oberkochener zu lesen. Lassen wir die einzelnen Ereignisse an uns vorüberziehen:

Mit Böllern und Feuerwerk
Pfarrer Franz Breitenbach konnte am 11. September 1894 ein Doppeljubiläum feiern: 50 Jahre seit seiner Priesterweihe waren vergangen und er stand seit 25 Jahren der katholischen Gemeinde Oberkochens als Pfarrer vor, berechtigter Anlaß zu einem großen Fest!
Am Vorabend des Jubeltages huldigten Schulkinder, Kirchenchor und Sängerbund mit Fackelzug und Ständchen ihrem geistlichen Hirten. Der von Schultheiß Bezler ausgebrachte Toast wurde durch Böllerschüsse vom Böllerhäusle aus unterstrichen und mit einem bengalischen Feuerwerk bekräftigt.

Ehrenbürgerwürde
Am Morgen des Festtages kündigten wiederum Böllerschüsse, aber auch Glockengeläut und Tagwache der Musikkapelle das große Ereignis an. Auch das manchmal so launische Wetter machte mit: Himmel und Erde strahlten in schönstem Festesglanz.

Zunächst zogen die bürgerlichen Kollegien zum Pfarrhaus, um dem Geistlichen den künstlerisch reich gestalteten Ehrenbürgerbrief der Gemeinde Oberkochen zu überreichen, dessen Text mit Darstellung der Oberkochener Industrie, Töpferei und Bohrermacherhandwerk umrahmt war, aber auch mit Symbolen des Waldes, der Jagd und der Fischerei. Flankiert vom Ortswappen und einem Bild des Pfarrhauses wurde eine Ansicht des Dorfes gezeigt, überragt von einer allegorischen Figur mit Palmzweig und Lorbeerkranz, umschlungen von einem Band mit der Inschrift »Jubilate Deo«.

Festgottesdienst im Grünen
Nach Überreichen der Ehrenbürgerurkunde setzte sich ein imposanter Zug in Bewegung: Amtsbrüder, Gemeindevertreter, Chöre, Schulklassen und viele Oberkochener Bürgerinnen und Bürger zogen zum Platz bei der Wiesenkapelle, wo die feierliche Jubelmesse unter freiem Himmel stattfand, denn die Pfarrkirche hätte die große Zahl der Mitfeiernden nicht fassen können.

Die Festpredigt hielt der Hohenstadter Pfarrer Schnitter, der Kirchenchor sang eine vierstimmige Messe von Pavona, »es war ein erhebender Augenblick, als bei dem heiligen Akt Böllersalven dröhnten und ihr Echo sich von Berg zu Berg fortpflanzte« (so der Zeitungsbericht).

Festmahl im Hirsch
»Am Festmahl im Hirsch, das der Küche des Herrn Nagel alle Ehre machte, beteiligte sich außer den fremden Gästen auch die hiesige Bürgerschaft in überaus großer Zahle. Gesänge der Chöre gaben den Gängen des Festessens musikalische Würze, wetteifernd mit verschiedenen Rednern:

Dekan Kollmann: »Unser Jubelpriester hat segensreich gewirkt, deshalb verleiht im S. M. der König das Ritterkreuz I. Klasse des Friedrichsordens«. (Die Ordensverleihung wurde durch Böllerschüsse untermalt). Schultheiß Bezler: » ... die Friedensliebe des hochwürdigen Jubilars ermöglichte ersprießliches und einträchtiges Zusammenwirken der geistlichen und weltlichen Kräfte ..... (Ein prachtvoll gearbeiteter gotischer Kelch war das Geschenk der bürgerlichen Gemeinde).

Pfarrer Brecht von der evangelischen Gemeinde: »Das heutige Fest ist eine Feier der gesamten Gemeinde, in der auch weiterhin beide Konfessionen friedlich zusammenleben werden, so wie es der Jubilar in seiner Amtszeit gefördert hat«.

Weitere Reden, teilweise auch in Gedichtform, hielten außerdem Dekan Schaupp (Wäschenbeuren), Pfarrer Pfister (Hohenmemmingen) und der aus Göppingen angereiste frühere Oberkochener Oberförster Karl Fröhner (ebenfalls Ehrenbürger).

Nachzutragen bleibt noch: Pfarrer Breitenbach trat 1897 in den Ruhestand. Er starb am 21. Juli 1900 im 82. Lebensjahr in Schrezheim bei Ellwangen. (Weitere Einzelheiten zu Pfarrer Breitenbach: siehe BuG vom 23. Oktober 1987.)

Die Fortsetzung dieses Berichts in 14 Tagen beschreibt die Verabschiedung des evangelischen Pfarrers Brecht und die Einsetzung seines Nachfolgers Pfarrer Wider.

Zum Foto: Die Postkarte zeigt eine Fotomontage mit dem Portrait von Pfarrer Breitenbach zwischen einer Innen- und Außenaufnahme der Katholischen Pfarrkirche während der Amtszeit von Pfarrer Breitenbach.

Volkmar Schrenk

 
 
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