Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 218
 

Neu entdeckt:
eine ca. 450 Jahre alte Christophorus-Figur

Durch einen Hinweis des Ehepaars Gold/Schmiedjörgle stieß ich im März dieses Jahres auf folgende Geschichte: Vor einem Vierteljahrhundert, ungefähr 1969/1970, entdeckte die Schülerin Monika Balle, Tochter der Eheleute Ingeborg und Josef Balle, beim »Rübenraustun« die hier abgebildete Kleinplastik in einem leicht ansteigenden Acker westlich des Anwesens Gold/Schmiedjörgle unweit der Kocherquelle.

Das Kind bestand darauf, daß es die Figur seinem Lehrer, einem Herrn Elser von der Dreißentalschule, mitbringe. Dieser begab sich tags darauf mit mehreren Schülern auf den Acker, um den »fehlenden Kopf oder die Beine« der Figur zu suchen. Ohne Erfolg. Die Figur war seinerzeit angeblich nach Ludwigsburg zur Bestimmung eingeschickt und dort nicht älter als »maximal 150 Jahre alt« taxiert worden. Die Mutter des Kindes hat die Figur glücklicherweise bis heute aufbewahrt und sie mir auf meine Bitte hin zur erneuten Bestimmung überlassen.

Die Figur ist ca. 7 cm hoch, 4 cm breit und 3 cm dick, aus Ton gearbeitet und gebrannt. Hauptsächlich die Rückseite weist typische Tonbearbeitungsspuren auf. Mir fiel die »Monumentalität« in diesem kleinen Torso auf, die deutlich herausgearbeitete Kontraposthaltung (das heißt, daß die Figur so steht, daß ein Bein belastet, das andere entlastet ist), und die absolut großformige Gestaltung, die fast an moderne Bildhauer wie Lörcher oder Nuss erinnert. Es handelt sich um eine Gewandfigur. Das Gewand weist an beiden Oberarmen ein im Bogen kerbenartig eingedrücktes Muster auf, das sich in einer Gewandfalte, an einem Band oder einer Kordel unterhalb der Arme wiederholt, und zwar von links schräg nach oben rechts ansteigend. Die Figur hält einen Stab und offenbar ein flaches größeres Objekt, von vorne gesehen vorwiegend auf der rechten Brusthälfte. Vor der rechten Schulter fällt eine kleine runde konvexe Form auf.

Der Bearbeitung nach zu schließen, war die Figur nicht als kleine Rundplastik gedacht, sondern, wegen der nur sehr flüchtig bearbeiteten Rückseite, mit Sicherheit auf Frontalität gearbeitet, von wo aus sie auch am schönsten aussieht. Wahrscheinlich handelt es sich um eine kleine Votivfigur - weniger wahrscheinlich um eine Spielzeugfigur.

Ich neigte dazu, die Figur in der Renaissance, möglicherweise sogar in der Antike unterzubringen - auf jeden Fall müßte sie wesentlich älter als 150 Jahre alt sein. Der Fundort kann im Zusammenhang mit einer noch nicht aufgespürten alten, leicht über der früher sumpfigen Talsohle gelegenen Straße stehen, oder er kann direkt im Zusammenhang mit dem nachweislich im Jahre 1551 bei der Kocherquelle errichteten Hochofen und einem denkbaren Wohngebäude zu sehen sein, dessen Bewohner, auch Kinder, die Figur bei der Feldarbeit oder beim Spielen verloren haben.

Am 21.3. übersandte ich die Figur dem Landesdenkmalamt und erhielt sie mit Datum vom 29.4. von dort zurück. Frau Dr. Susanne Arnold, die vor 5 Jahren die Freilegung des Bilzhauses steuerte, teilt mit:

»... nehmen wir an, daß es sich um einen Christophorus handeln könnte. Nicht nur der Kontrapost und der Stab, auf den sich die Figur stützt, spricht für diese Vermutung; meines Erachtens könnte die »Borte« am linken Oberschenkel bedeuten, daß das Gewand hochgeschürzt war. Wie Herr Dr. Groß (LDA) meinte, könnte das Christuskind auch separat gefertigt worden sein und ist dem Christophorus dann aufgesetzt worden. Ähnliche Beispiele kennt man von Spielzeugfiguren (z. B. Pferd und Reiter).

Eine Datierung ins 16. Jahrhundert (Renaissance) scheint am wahrscheinlichsten. Nochmal zur Machart, über die wir gestern am Telefon gesprochen haben: die Figur ist aus gebranntem Ton. Sie scheint in ein Model gedrückt worden zu sein (siehe umlaufende feine Linie in der Seitenansicht), dann wurde sie aus 2 Teilen (Frontalansicht und Rückenansicht) zusammengefügt und an der Rückseite glatt abgestrichen. Leider bekommen Sie nun Ihr reizendes Figürchen wieder zurück - leider, weil es mich schon sehr angesprochen hat.«

Abschließend einen herzlichen Dank an Familie Balle, die die ca. 450 Jahre alte Figur fast 25 Jahre lang aufbewahrt und sie nun dem Heimatverein für's zukünftige Heimatmuseum überlassen hat.

Im Bericht 142 (BuG v. 26. 7. 1991) haben wir einen in der katholischen Kirche St. Peter und Paul aufgestellten ca. 300 Jahre alten, aus Lindenholz geschnitzten barocken Christophorus beschrieben.

Dietrich Bantel

 
 
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