Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 217
 

Josef Schmid und der Sängerbund im Jahr 1936

Den folgenden Bericht hatten wir bereits vor 5 Jahren aus Anlaß des 150-jährigen Gründungsjubiläums des ältesten Oberkochener Vereins zusammengestellt, ihn dann aber auf Bitte der Redaktion von BuG zurückgestellt, um die Festesfreude nicht zu trüben .. .

Die zunehmenden nationalistischen Umtriebe im gegenwärtigen Deutschland geben dem Bericht eine brisante und nachdenklich stimmende Aktualität.

Josef Schmid war 15 Jahre lang, von 1921 - 1936 Vorstand des Sängerbunds. Dieses Amt mußte er wegen seiner Haltung gegen die NS-Diktatur auf Druck des damaligen Gemeinderates 1936 niederlegen.

Nach dem Krieg, 1947, wurde er Ehrenvorstand des Sängerbunds. 1945 - 1953 war Josef Schmid Erster Stellvertretender Bürgermeister. Am 6.11.1953 wurde er Ehrenbürger von Oberkochen.

Als Sohn des Gründers der 1882 gegründeten Werkzeugfabrik Jakob Schmid & Co. starb er am 2.1.1960 im Alter von 73 Jahren.

Die hier auszugsweise veröffentlichten sehr persönlichen Notizen schrieb Josef Schmid unmittelbar nach Kriegsende zusammen mit vielen weiteren Aufzeichnungen zur persönlichen Geschichte, zur Firmengeschichte und zur Geschichte Oberkochens. Seine Tochter Josi Kurz hat die den Sängerbund betreffenden Aufzeichnungen freundlicherweise dem Heimatverein überlassen.

Dietrich Bantel

Vom »Sängerbund«
In unser Privat-, Familien- und Geschäftsleben spielt auch der Gesangverein »Sängerbund« mit herein. Schon von Kindheit an war ich mit ihm vertraut. Mein Vater hat ihm bis zu seinem Tod mehr als 25 Jahre angehört. Ich bin am 5. Juni 1905, an einem Pfingstsamstag in den Verein eingetreten. Es war dies die Übergangszeit vom evang. ins katholische Schulhaus. Die Geschichte des Vereins kenne ich wie meine Hosentasche, habe solche als Schriftführer mehr als 10 Jahre selbst geschrieben und in dem Verein gute und schöne, wie es so sein muß auch recht widerwärtige Stunden erlebt. Der Verein lag mir am Herzen und ich war bereit, jedes Opfer für ihn zu bringen. Im ganzen habe ich dem Verein über 31 Jahre angehört und bin im Sept. 1936 auf politischen Druck ausgetreten, nachdem ich vorher nach dem 10-jährigen Schriftführer und Vizevorstand noch 16 Jahre Vereinsvorstand war und den Verein vom einfachen Volksgesang bis zum schwierigen Kunstgesang herauf gebracht hatte. Schon als junger Mensch hatte ich das Vertrauen der »Alten«, die mich jederzeit gerne in Gesellschaft hatten. Wo ich war wurde gesungen und es herrschte Harmonie und Freundschaft. Als Vizedirigent konnte ich ohne weiteres jedes Lied anstimmen und konnte Tonart usw. auswendig. Durch Zusammenkünfte bei Fahnenweihen, Liederfesten im Kreis, im Gau, im Reich lernte man viele Menschen kennen und wurde eine bekannte Persönlichkeit in Sängerkreisen bis hinauf zur Führung. Das Vertrauen des Kreisführers, Rechtsanwalt Dr. Wörner in Aalen, berief mich auch in den Kreisführerrat. Bei Wahlen im Verein wurde ich jedesmal einstimmig gewählt und wenn im Verein eine Vertrauenskrise entstand, wurde ich stets in offener Aussprache voll anerkannt. Der Name des Vereins hatte im ganzen Land und noch darüber hinaus einen guten Klang. Nach d. Machtübernahme im Jahr 1933 legte ich mein Amt als Vereinsführer nieder, wurde aber wieder voll anerkannt. In der betreffenden Versammlung erklärte z.B. ein Vereinsmitglied, daß er als Nationalsozialist mich schon seit Jahren beobachtet habe und nur empfehlen könne, mich wieder zu wählen. Der Ortsgruppenleiter entschied dahin, daß eine Wahl vollständig unnötig sei, wenn ein so bewährter Mann an der Spitze des Vereins stehe. Es ging auch alles einige Jahre gut. Der Verein wurde bei jeder Gelegenheit zum Singen aufgerufen und hat auch Folge geleistet. Im Jahre 1936 ist aber dann doch die Entscheidung gefallen.

Voraus ging, wie schon beschrieben, der Kampf um die Deutsche Schule. Ich hatte nicht unterschrieben und wurde deshalb aufs neue verfolgt. Man suchte nach einer Gelegenheit, mich unschädlich zu machen und restlos auszuschalten. Und diese kam in verschiedener Form. Zunächst erhielt der hiesige Pfarrer Alfons Riek die Pfarrstelle in Gebrazhofen, Kreis Leutkirch. Aus den durch die politische Lage entstandenen Umständen wollte er keine Abschiedsfeier. Trotzdem wurde eine solche im Geheimen organisiert. Der katholische Arbeiterverein hielt eine Versammlung in der Bahnhofrestauration im kleinen Saal, während sich im großen Saal die Gemeindeangehörigen, u.a. auch der Sängerbund, einfanden. Im gegebenen Augenblick ging der Vorhang hoch und es war eine stattliche Anzahl Gäste, den Abschied zu feiern. Da H.H. Pfarrer Riek passives Mitglied des Vereins war und stets mit Interesse an unseren Aufführungen teilnahm, sang der Verein einige Lieder und ich hielt eine Abschiedsrede. In seinen Dankesworten bestätigte der H. Pfarrer, daß er stets gerne im Kreise der Sänger gewesen sei, diese machten ihm die wenigsten Sorgen; er wolle auch weiterhin Mitglied des Vereins bleiben. Weil ja alles bespitzelt und gemeldet wurde, ist auch diese Abschiedsfeier jedenfalls mit entsprechender Entstellung dem Bürgermeister hinterbracht worden. Der Pfarrer ging hier weg und ein Nachfolger war noch nicht da. Wir wurden von Unterkochen aus betreut. Diese Zwischenzeit wurde für die Einführung der Deutschen Schule ausgenützt. In dieser Zeit war noch Religionsunterricht in der Schule, Kaplan Kammerer war in der Pause bei uns im Büro. In der Kirche wurde verkündet, daß abends ein Vortrag sei, wegen der Schulfrage. Dies wurde dem Oberlehrer Mager durch die Schuldienerin gemeldet. Mager sandte sofort zum Ortsgruppenleiter, dieser wieder zum Landjäger und der mußte den Kaplan bei mir vom Büro auf das Rathaus holen. Also war der Verdacht der Zusammenarbeit schon vorhanden. Als nach 6 oder 7 Wochen der neue Pfarrer Jans kam, war die Woche vorher die Deutsche Schule so gut wie eingeführt. Die Stimmung im allgemeinen war ziemlich zerrissen, und wer zum Pfarrer hielt, wurde extra schwarz angeschrieben. Nun war es immer üblich, daß wenn ein Pfarrer oder ein Primiziant kam, die Gemeinde am Vorabend ein Ständchen darbrachte. Das geschah auch für Pfarrer Jans. Ich fragte noch vorher den stellvertretenden Bürgermeister, wer beim Ständchen spreche, dieser sagte, das müsse der Dirigent des Kirchenchores, Oberlehrer Umbrecht, tun. Da dieser ablehnte und auch andere sich nicht bereit fanden zu sprechen, war ich gezwungen, dieses zu tun. Zuerst spielte die Musik, dann sang der Kirchenchor, dann der Sängerbund und nun mußte ich sprechen. Nebenbei gesagt, ich war ja auch Mitglied des Kirchenstiftungsrates und hätte von hier aus ein gewisses Recht gehabt. Ich begrüßte den Pfarrer im Namen der Gemeinde und fand, wie mir nachträglich bestätigt wurde, ganz gute Worte, obwohl ich mich dazu nicht besonders vorbereitet hatte. Da ich es gewohnt war, stets offen und ehrlich zu sprechen, entschlüpfte mir durch den gerade die Woche vorher vorausgegangenen Schulkampf ungefähr folgender Satz: »Wenn es auch schon schwer geworden ist, Farbe zu bekennen, wollen wir doch ehrlich und treu zusammenhalten, damit ein einigendes Band den Hirten und die Herde umschlinge, daß Ihre Arbeit zum Segen sei für unsere Gemeinde und unser geliebtes deutsches Vaterland!« Aus diesem Satz wurde etwas gemeldet, was, habe ich nicht erfahren, aber es hat mit zu meinem Sturze beigetragen. Diese Vorgänge waren in den Pfingsttagen des Jahres 1936.

Durch die politischen Umwälzungen wurden die Geister getrennt. Es gelang mir noch einige Zeit, den Verein als Ganzes zusammen zu halten, aber das Fingerspitzengefühl sagte doch, daß etwas in Vorbereitung war, das sich eines schönen Tages auswirken müßte. Die Mitglieder wurden weniger, die Singstunden schlechter besucht und die Aufrichtigkeit und Kameradschaft zweifelhafter. Die Einnahmequellen wie Verlosungen, Gartenfeste etc. fielen weg, so daß der Verein seine Betriebsmittel nicht mehr aufbringen konnte. Ich habe wiederholt vorgeschossen, so daß ich bis zu 200 RM und mehr für den Verein ausgegeben hatte. Da es mir nicht möglich war, den Verein allein zu finanzieren, - so nach und nach verging mir die Lust, - machte ich den Bürgermeister Heidenreich mit dieser Lage bekannt und bat um einen Beitrag von Seiten der Gemeinde, da ja der Verein zu dieser Zeit meist nur politisch bei Versammlungen, Kundgebungen u.s.w. aufzutreten hatte. Am Schluß der Generalversammlung im Jan. 1936 hatte mir der Bürgermeister einen Beitrag zugesagt, da solcher aber nicht kam, machte ich am 29. Juli 1936 eine Eingabe. An diesem Tag ging auch ein Bittschreiben an Herr Albert Leitz und Herrn Fritz Leitz, welche mir ebenfalls Unterstützung zugesagt hatten; auch hierauf erhielt ich keine Antwort mehr. Ob hier schon der Einfluß der nationalsozialistischen Angestellten mitgewirkt hat, weiß ich nicht. In den Augusttagen 1936 hatten wir noch ein Gartenfest. Ich merkte wohl, daß etwas nicht stimmte, fand aber dafür noch nicht die Erklärung. Diese kam nun am 4. oder 9. Sept. 1936, an dem Tag, an dem nach den Ferien der Singstundenbetrieb wieder aufgenommen wurde. Morgens 1/2 9 Uhr erhielt ich einen Brief vom Rathaus, die Antwort auf meine Eingabe. Mit Absicht schreibe ich den Inhalt wörtlich ab:

Gemeinde Oberkochen, Blatt 133
Auszug aus der Niederschrift über die Beratungen mit den Gemeinderäten.
Beraten mit den Gemeinderäten am 13. Aug. 1936. Anwesend: Der Bürgermeister und 5 Gemeinderäte, Normalzahl 6
Außerdem anwesend:
2 Beigeordnete und der Gemeindepfleger

Beitrag an den Sängerbund Oberkochen.
Der Vereinsführer des Sängerbundes Oberkochen sucht in einer Eingabe vom 29 Juli 1936 um Gewährung eines laufenden Jahresbeitrages für den Sängerbund Oberkochen nach, mit der Begründung, daß der Verein nicht in der Lage ist, die notwendigen Ausgaben des Vereinsbetriebes aufzubringen. Der Bürgermeister führt hierzu aus, daß er an sich nicht abgeneigt sei, diesem Gesuch näher zu treten und daß er sich der Bedeutung des Sängerbundes als Träger des Musiklebens einer Gemeinde bewußt sei. In dem vorliegenden Falle könne aber insolange eine Beihilfe seitens der Gemeinde nicht in Frage kommen, als in der Leitung des Sängerbundes Oberkochen keine Änderung eintrete. Der derzeitige Vereinsführer hat sich bei verschiedenen Gelegenheiten Äußerungen erlaubt, aus denen entnommen werden muß, daß er nicht gewillt ist, seinen Verein so zu führen, wie es im Sinne der national-sozialistischen Weltanschauung verlangt werden muß.

Der Bürgermeister stellt die Frage den Gemeinderäten zur Beratung.

In dieser Beratung wird die Auffassung des Bürgermeisters von sämtlichen Gemeinderäten bestätigt, insbesondere der 1. Beigeordnete führt aus, daß er selbst als aktives Mitglied des Sängerbundes wiederholt die Beobachtung gemacht habe, daß sich der Vereinsführer nicht so zu benehmen weiß oder sich benehmen will, wie es billigerweise im Interesse des Zusammenlebens der Gemeindeangehörigen erwartet werden muß.

Der Bürgermeister faßt folgende Entschließung:

1. Das Gesuch des Sängerbundes Oberkochen um Gewährung eines laufenden Jahresbeitrages aus den oben angeführten Gründen abzulehnen.

2. Dem Vereinsführer des Sängerbundes Oberkochen hievon Mitteilung zu machen, mit dem ausdrücklichen Ersuchen, den Grund der Ablehnung des Gesuches den Vereinsmitgliedern (aktiven Sängern) mitzuteilen.

Diesen Auszug beglaubigt:
Oberkochen, d. 19. August 1936
Der Bürgermeister:
gez. Heidenreich.

Sofort nach Erhalt des Briefes stand mein Entschluß fest. Ich besprach ihn nur mit meinen Familienangehörigen, sonst erfuhr niemand davon. Als ich am Abend in die Singstunde kam, fühlte man, daß etwas los war. Gegen die sonstige Gewohnheit begann der Dirigent Otto Spranz mit dem Singen. Als der 2. Tenor aufgerufen wurde, nahm ich das Wort. »Ich habe heute vom Rathaus einen Brief bekommen, den ich vorlesen möchte.«

Nachdem dies geschehen war und ich nebenbei das Verhalten der einzelnen Sänger beobachtete, erklärte ich, daß es mir nun in diesen Verhältnissen nicht mehr möglich sei, für den Verein auch nur mehr den kleinen Finger zu biegen, weshalb ich mein Amt als Vereinsführer niederlege und meinen Austritt aus dem Verein erkläre. Ich richtete noch einen Appell an die Sänger, auch ferner dem deutschen Liede treu zu bleiben.

Ich übergab den Verein dem Vizevorstand welcher erklärte, wer jetzt mit mir ginge, müßte als »Staatsfeind« erklärt werden.

Außer meinen Brüdern sind noch einige mit mir ausgetreten. Ich selbst ging noch zum Kreisführer, klärte ihn auf und bat um meine Enthebung vom Amt als Mitglied des Kreisbeirates. Zuerst glaubte er, eingreifen zu müssen; als er aber von der nationalsozialistischen Weltanschauung etwas hörte, da hat er als Nationalsozialist auch das Gruseln bekommen. Er ließ mich gehen und hat nach einiger Zeit für mich noch ein Dank- und Anerkennungsschreiben geschickt, auf welches ich aber nichts mehr gegeben habe. In der Gemeinde hat die Sache wie eine Sensation gewirkt, von hier wie von auswärts wurde mein Entschluß mit Bedauern aufgenommen. Ich hatte in Jahrzehnten meine Pflicht getan, meine Zeit und mein Geld geopfert und hätte einen solchen Abgang nicht verdient gehabt.

Es dauerte längere Zeit, bis ich die ganze Sache überwunden hatte und immer wieder gibt es noch Augenblicke, wo die Narben brennen. Andererseits mußte ich dem Herrgott für diese Fügung dankbar sein, denn er hat mich sicher dadurch vor Schlimmerem bewahrt und mir meine persönliche Freiheit gelassen.

 
 
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