Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 216
 

Zur Vorgeschichte des Evangelischen Kirchenchors Oberkochen - Teil 2

Nachdem im ersten Teil der Betrachtung geschildert worden war, daß schon 1883 sicher, vielleicht aber schon ab 1859 ein evangelischer Kirchenchor in Oberkochen existiert hatte, wenden wir uns nun dessen späterem Schicksal zu.

Erneute Auflösung
Leider erwies sich diese neuerliche Gründung als chorische Eintagsfliege. Die 15 Neugründungsmitglieder gaben zwar ihr Bestes und absolvierten die jeweils am Dienstag- und Freitagabend ab 8 Uhr angesetzten Proben. Aber der Versuch, den nach wie vor bestehenden Männerchor mit dem gemischten Kirchenchor unter einen Hut zu bringen, scheiterte »am unbesiegbaren Trotz und der Gehässigkeit einzelner Mitglieder des Männerchors«. Da auch der Dirigent offensichtlich nicht vor Tatendrang strotzte - »einmal wollte er nicht, an bindende Ordnung halte er sich nicht, musikalisch begabt ist er nicht«, so steht im Protokoll -, geschah nach einem Jahr das für Pfarrer Wider nahezu Unfaßbare:

»Der am 6. Dezember 1910 wiederhergestellte gemischte Kirchenchor hat sich trotz der Bemühungen des Geistlichen am 7. Dezember, also nach einjährigem Bestehen aufgelöst. Die kirchlichen Festvorträge unterbleiben also künftig. Selbst der Grabgesang des Kirchenchors, den die Gemeinde seit vielen Jahrzehnten gewöhnt ist, soll nach der Erklärung des derzeitigen Lehrers aufgehoben sein«, so verlautet das Kirchengemeinderatsprotokoll. Pfarrer Wider ist über diese Entwicklung verbittert und bittet »die Herren Ältesten, damit der Gemeinde der sicherlich ärmliche Schülergesang erspart bleibe, auch ihrerseits dem Dirigenten die Beibehaltung seines Dienstes nahezulegen. Die Ältesten stimmen zu und bedauern ihrerseits lebhaft das Vorgefallene«.

Doch es blieb bei der erneuten Auflösung, und so waren die Evangelischen Oberkochens wieder einmal chorlos, abgesehen vom Männerchor »Frohsinn«, der sich schlecht und recht durch die Jahre schlug, bis dann der erste Weltkrieg die gesamte Singarbeit der Kirchengemeinde zum Erliegen brachte.

Grabgesang
Einer speziellen Form des Singens muß nun noch nachgegangen werden, denn das Stichwort »Grabgesang« zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Oberkochener evangelischen Kirchenmusik. Oft ging es dabei um die finanzielle Seite der Sache. Dies darf nicht verwundern, stammen ja unsere Erkenntnisse überwiegend aus den Ratsprotokollen und diese befassen sich vorwiegend mit finanziellen Dingen. Auch waren die Oberkochener allgemein mit irdischen Gütern nicht allzu reich gesegnet. Sie mußten für den Broterwerb hart arbeiten. Die Äcker waren steinreich, die Arbeit in den Wäldern mühsam, der tägliche Fußmarsch zum Bergwerk am Braunenberg weit. Die Töpferei florierte zwar zeitweise, geriet aber mit beginnender Industrialisierung ins Hintertreffen. Verdienstausfall durch Singen bei Beerdigungen mußte also kompensiert werden.

Der erste Hinweis auf den Grabgesang findet sich am 8. Januar 1884. Dort ist davon die Rede, »dem Lehrer für Einübung der Leichengesänge und Chordirektion 10 Mark jährlich« zu geben. Die Sängerinnen und Sänger wurden »in der Regel mit einem Vesper von den Leidtragenden entschädigt, das sie im Wirtshaus Einnahmen oder abholen lassen konnten«.

Erst im Jahre 1902 wurde dies geändert. »Es wird beschlossen, es solle durch die Kirchenpflege von den Hinterbliebenen (soweit dieselben bezahlen können) eine Gebühr von je 35 Pf für die Kirchenchormädchen und von 50 Pf für die Männer eingezogen und an die Beteiligten ausbezahlt werden (den Schullehrer, der mit 20 M. alljährlich extra bezahlt wird, ausgenommen).

Als im Jahre 1908 der Männerkirchenchor gegründet wurde, erhob sich wiederum die Frage »der Taxe für den Grabgesang«. Bei Anwendung der bisher üblichen Sätze »hätte die Kirchenpflege bei jeder Beerdigung den 17 Sängern 17 mal eine halbe Mark zu bezahlen, im Jahr zusammen schon 40 Mark«. Dies hielt der Kirchengemeinderat für zu hoch gegriffen, weshalb man auf den Ausweg verfiel, »nur eine Auslese der besten Sänger (Doppelquartett)« singen zu lassen.

Erneut akut wurde das Problem des Beerdigungssingens, als sich der Männerkirchenchor in einen weltlichen Gesangverein verwandelt hatte. Zwar hätten »Lehrer und Schüler jederzeit durch gesetzliches Recht« zum Leichensingen verpflichtet werden können und hätten somit Kirchenpflege und Hinterbliebenen keine Kosten verursacht. »Der geringen Schülerzahl wegen« sah man aber von dieser Notlösung ab, übertrug etwas zähneknirschend den Grabgesang dem Männerchor u. setzte aber unabhängig von der Zahl der beteiligten Sänger die Gebühr auf 8 Mark fest.

Als im Jahre 1910 wieder einmal der gemischte Kirchenchor aufgelebt war, übernahm dieser den Dienst bei Beerdigungen. Die Gebühr wurde »auf 10 Mark angehoben und von der gesamten Summe den männlichen Sängern je 1 Mark, den weiblichen je 50 Pfennige ausbezahlt. Was aber übrig bleibt, sollte den weiblichen Sängern zugute kommen«.

Doch hielt diese Lösung nicht lange vor. Nachdem der gemischte Kirchenchor sich wieder einmal aufgelöst hatte, blieb nichts anderes übrig, als sich mit »Schülergesang trotz der geringen Schülerzahl von 12 und der mangelhaften Stimmen« abzufinden.

Nach dem Ersten Weltkrieg, als im Jahre 1919 der Männergesangverein »Frohsinn« wieder zu neuem Leben erwachte, erklärte sich dieser »nur Pflege des Grabgesangs bereit« und bot auch an, »für weniger bemittelte Gemeindeglieder unentgeltlich zu singen«, eine Übung, die später vom Kirchenchor übernommen bis in die Siebziger Jahre durch den Beerdigungschor der Kirchenchorfrauen weitergeführt wurde.

Im Verborgenen
Wenn auch die Formen der Gesangsausübungen in der evangelischen Gemeinde Oberkochens häufig wechselten - Gemischter Kirchenchor, Männerkirchenchor, Männergesangverein, Schülerchor -, verstummte auch während der Durststrecken kirchliches Singen dennoch nicht. Vor allem wurde immer wieder der Versuch unternommen, die Vorherrschaft des männlichen Geschlechts zu durchbrechen, ebenfalls natürlich mit wechselndem Erfolg. »Die Pfarrfrau habe einigemale ihren Jungfrauenchor eingeübt, was allgemein gefallen habe, aber das könne keine ständige Einrichtung werden. Die Mädchen wechseln öfter . .« so ist am 29. Juni 1927 im Pfarrprotokoll zu lesen. Für 1930 sagt der Pfarrbericht, neben einem »zweistimmigen Schülerchor und dem Männerchor ist auch ein dreistimmiger Mädchenchor vorhanden«.

Schon im Jahre 1924 war zum Ausdruck gekommen, der Männerchor denke (wegen der dadurch zu erzielenden Einnahmen) zu sehr an den Grabgesang. weshalb »ein evangelischer Mädchenchor den Anfang zu einem gemischten Kirchenchor mache«. Doch warfen die Männer den singenden Frauen und Mädchen immer wieder Prügel in den Weg. Der Pfarrer mußte gar einmal »sein Bedauern aussprechen über den Unfug von Sylvesterabend. wo der Orgeltreter den Zustrom v. Luft durch ein bübisch raffiniertes Verhalten unmöglich gemacht habe. so daß der von Pfarrer und Pfarrfrau in Ermanglung eines Kirchenchors mühsam eingeübte und von der Pfarrfrau auf der Orgel begleitete Vortrag des Frauenchors schwer beeinträchtigt werden sei«.

Dennoch wirkte dieser Mädchenchor im Verborgenen und als im Jahre 1930 Frau Mathilde Widmann, die nach über 60 Jahren heute noch aktives Mitglied des Kirchenchors ist, damals »aus der Schule kam« und konfirmiert wurde, trat sie in den Mädchenchor ein, der zwar im Schatten des Männerchors stand, sich aber über die Jahrzehnte hinweg erhalten hatte.

Evangelischer Männerchor »Frohsinn«
In den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts blühte der Männergesangverein auf und machte seinem Namen »Frohsinn« durchaus Ehre. Dennoch verstand sich der Verein als kirchlicher Chor, der einem Beschluß der Generalversammlung vom 20. Februar 1928 zufolge »im Advent, Weihnachten, Karfreitag, Konfirmation, Reformationsfest, Ernte- und Herbstdankfest, Totensonntag« die Gottesdienste mit seinen Gesängen bereicherte.

Daneben war auch Geselligkeit groß geschrieben. Nicht nur, daß bei den Generalversammlungen, es waren meist zwischen 30 und 40 Mitglieder anwesend, »das gebotene Naß aus der Vereinskasse bestritten wurde«, auch die jährlichen Familienabende trugen zum Zusammenhalt bei.

Der Schriftführer des Vereins, Albert Kopp, hat die Ereignisse in der Vereinschronik getreulich aufgezeichnet. Zitieren wir als Beispiel seinen Bericht vom 15. Januar 1930:

»Der Familienabend des Ev. Männerchors »Frohsinn« wurde am 11. Januar 1930 im Saal zum Hirsch hier abgehalten. Bei dicht besetztem Saal begrüßte der Vorstand Wilhelm Baumgärtner um 7 Uhr die erschienenen Gäste und Teilnehmer und hieß sie alle herzlich willkommen. Das Programm umfaßte 9 Nummern:

  1. Männerchor: »Nimm deine schönsten Melodien« von Abt
  2. Ansprache: Herr Wilhelm Baumgärtner
  3. Theaterstück: »Das Eigenheim« von August Reif
  4. Männerchor: »Herzel, was kränkst du dich so sehr« v. Fr. Silcher
  5. Gabenverlosung
  6. Männerchor: »Wo den Himmel Berge kränzen« von Ignaz Heim
  7. Theaterstück: »Griesemanns Badereise« von Felix Renker
  8. Männerchor: »Schlaf wohl« von Karl Häfner
  9. Gewinnausgabe

Die zur Verlosung gestifteten Gaben wurden von den Ehrenmitgliedern und aktiven Mitgliedern gespendet. Das Los kostete 15 Pfennige. 1000 Lose kamen zum Verkauf und waren nur zu bald ausverkauft, verschiedene Teilnehmer hatten nicht einmal mehr Gelegenheit, noch ein Los zu erhalten.

Das Programm wurde flott abgewickelt und hatte bei den Zuhörern sehr großen Beifall gefunden. Hauptsächlich die beiden Theaterstücke unter Leitung von Herrn Regisseur Lang riefen sehr große Heiterkeit hervor. Herr Pfarrer Huber dankte dem Verein mit herzlichen Worten für jede gegebene Programmnummer, sowohl im Singen wie im Spielen. Der Vorstand dankte den Spielern und Spielerinnen, sowie dem Dirigenten Herrn Hauptlehrer Günter und sämtlichen Mitgliedern und Ehrenmitgliedern, die zum Gelingen der Feier beigetragen haben zum Schluß noch mit dem Wunsch auf frohes Wiedersehen im nächsten Jahr. Um 12 Uhr haben sich die Mehrzahl der Teilnehmer wohlbefriedigt nach Hause begeben«.

Auch die Jahresausflüge waren stets gemeinschaftsfördernde Ereignisse. Im Jahre 1928 beteiligten sich 80 Personen, »aktive und passive Mitglieder« bei Fahrt und Wanderung zur Charlottenhöhle, deren Besuch auch deshalb eindrucksvoll war, weil die elektrische Höhlenbeleuchtung mehrmals ausfiel.

Trotz dieser ausgeprägten Vereinsstrukturen verstand sich aber der »Frohsinn« jener Jahre durchaus als kirchlich-evangelischer Verein, der mit Pfarrer Huber gut harmonierte. So hätten die Dinge ihren Lauf genommen, wenn nicht - wie eingangs schon dargestellt - politische Kräfte eingewirkt hätten.

Dritter Evangelischer Kirchenchor
Was Vernunftangebote und Überredungskunst früherer Pfarrer nicht bewirken konnten, geschah im Jahre 1933 durch politischen Druck: Männerchor »Frohsinn« und Mädchenchor vereinigten sich zum »Gemischten evangelischen Kirchenchor Oberkochen« unter der Leitung von Hauptlehrer Karl Günter.

»Der Kirchengemeinderat erkennt den neugegründeten Chor als Kirchenchor an«, so schreibt Pfarrer Huber im Protokoll von 1933. »und begrüßt ihn unter dankbarer Anerkennung des von dem bisherigen evangelischen Männerchor zur Bereicherung der Gottesdienste und zum Zusammenhalt der evangelischen Gemeinde Geleisteten. Er spricht auch seine Freude darüber aus, daß der Männerchor von seinem Vermögen, das nun ebenfalls aufgelöst wird, eine Stiftung von 50 M. für die Instandsetzung der Kirchenfenster in Aussicht gestellt hat. Die Ausgaben für Notenmaterial des Kirchenchors und Bezahlung der Chorleitergebühr nimmt die Kirchengemeinde auf sich«.

Damit ist das jüngste (hier nicht behandelte) Kapitel der Geschichte des Evangelischen Kirchenchors Oberkochen aufgeschlagen. Ist auch die Vorgeschichte des Chors reich an Irrungen und Wirrungen, an Fehlschlägen und menschlichen Unzulänglichkeiten, war dennoch die Idee, Gottesdienste und kirchliches Leben durch Musik und Gesang zu gestalten und zu bereichern, stets lebendig geblieben. Auch wenn nach wie vor der Beginn evangelischer Kirchenchorarbeit im Dunkel der Geschichte verborgen ist, wurde dennoch dokumentiert, daß es seit ca. 1880 evangelische Chorarbeit in Oberkochen gibt, in wechselnden Formen zwar und mit schwankender Intensität. Dennoch war und ist stets das Motiv unserer Kirchenchöre lebendig geblieben: »Gott loben, das ist unser Amt«.

Zum Foto:
Im Jahre 1955 feierte der evangelische Kirchenchor sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum. Dabei wurden auch Sängerinnen und Sänger geehrt, die damals schon 25 Jahre im Chor mitgesungen haben:
v.l.n.r.: Mathilde Widmann, Hans Kolb, Elsbeth Scheerer, Herta Weinhart

Volkmar Schrenk

 
 
Übersicht

[Home]