Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 212
 

Schuster Georg Adam Tausch

Einst lebte in Oberkochen, es war in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, ein Schuster, der war reich an Kindern, ansonsten aber arm wie eine Kirchenmaus. Auch kann von ihm nicht wie von seinem berühmten Nürnberger Kollegen gesagt werden
»Hans Sechs war ein Schuhmacher und Poet dazu«.

Nein, Georg Adam Tausch - so sein Name - war ein kleines Würstchen im großen Weltgetümmel, aber er besaß drei Eigenschaften: Er war bibelfest, kannte sich in seinem Gesangbuch aus und interessierte sich für Lokalpolitik, was ihn schließlich auch in die Spalten der Zeitung brachte.

»Dem Schuster Tausch von Oberkochen diene auf seine im Boten von Aalen abgegebenen Erklärung zur Erwiderung, daß es sehr gut gewesen wäre, wenn er den Hergang der Sache näher beleuchtet hätte . ..«, so ist mit Datum vom 26. Februar 1849 im »Boten von Aalen« zu lesen.

Wollen wir heute nach 145 Jahren dieser Forderung nachkommen, finden wir eine dörfliche Episode, zwar nicht weltbewegend, aber doch ein kleines Schlaglicht auf das Leben in Alt-Oberkochen werfend. Lesen wir zunächst in der Zeitung, die sich im Untertitel »Oberamts- und Intelligenz-Blatt« nannte, ein wenig weiter.

Dort heißt es: »Am Sonntag, den 18. des Monats - es war der Februar 1849 - befand sich der Schreibergehilfe Sch. von Aalen, welcher zur Rechnungsuntersuchung schon drei Tage in Oberkochen zubrachte, im »Hirsch« und unterhielt sich an einem Tisch mit Bürgern Oberkochens«, ein an sich ganz normaler Vorgang bei der Rechnungsprüfung durch einen Beamten der Königlichen Oberamtsverwaltung.

Doch sie erfolgte in einer Zeit des Umbruchs. Die Wellen der französischen Februar-Revolution von 1848 waren auch auf Deutschland übergeschwappt. In vielen Städten und Dörfern, so auch in Oberkochen, hatten sich mehr oder weniger gut bewaffnete Bürgerwehren sowie Bürger- und Volksvereine gebildet. Der damalige katholische Pfarrer Oberkochens, Carl Wilhelm Desaller, sein Grabmal findet sich noch bei der katholischen Kirche hinter dem alten Schwesternhaus, war einer der führenden Männer im Bereich Aalen, Vorsitzender des Aalener Volksvereins und Abgeordneter im Stuttgarter Landtag. Oberkochen war also von den umwälzenden Ereignissen nicht nur am Rande berührt, der Oberkochener Pfarrer war als »Mann der drei P« (Priester, Publizist und Politiker) unmittelbar beteiligt.

Die Lage wird trefflich beleuchtet durch eine kleine Meldung, die im »Boten von Aalen« direkt vor der Oberkochener Geschichte steht. Die Erste Württembergische Kammer hatte in jenen Tagen über den Antrag eines Grafen zu befinden. Der vortragende Staatsrat sprach dabei jenen schlicht und einfach als »Herr Graf« an. Dieser forderte aber für sich die Anrede »Erlaucht«, worauf der Regierungsbeamte feststellte, in Württemberg gebe es vor Gesetz und Regierung nur noch Bürger.

Armer Schuster
Ein Bürger war nun auch Schuster Tausch, wie schon erwähnt, mit reicher Kinderschar, aber nicht mit Wohlstand gesegnet, dennoch einer, der sich redlich abrackerte. Seine Kinder mußten vor allem im Sommer mithelfen beim Gänsehüten, Wurzeln- und Beerensammeln, aber »auch bei seinem Geschäft«. Da konnte es schon mal passieren, daß sie die Schule schwänzten, was den ehrbaren, aber armen Schuster Tausch ins Protokollbuch des evangelischen Kirchenconvents brachte. Im Jahre 1855 sollte er für acht Schulversäumnisse seiner Kinder 16 Kreuzer Strafe bezahlen... Doch bat er »mit Rücksicht auf seine Armut« um Reduzierung der Strafe »mit dem Versprechen, in Bälde wenigstens sechs Kreuzer zu bezahlen«.

Ein Jahr später wurde die Strafe für Schulversäumisse von zwei auf drei Kreuzer erhöht. Jedoch konnte »von dem Schumacher Georg Adam Tausch mit Rücksicht auf seine unglücklichen Verhältnisse der Betrag der Strafe nicht erhoben, ebensowenig dieselbe ihm in Arrest verwandelt werden, weshalb sie ihm erlassen« wurde.

Als 1856 der Sohn Georg »aus der Schule kam«, also konfirmiert werden sollte, konnten für ihn und einen weiteren »notorisch sehr Armen die nötigsten Konfirmandenkleider nicht aus eigenen Mitteln angeschafft werden«. Der Kirchenconvent wandte sich deshalb an den damals in Stuttgart existierenden »Paulinenverein zur Bekleidung von Landleuten« mit der Bitte um Unterstützung. »Um den Verein dazu um so geneigter zu machen«, wurde auf Antrag von Pfarrer Dürr und Schultheiß Wingert beschlossen, »dem Verein die Opferkollekte von einem oder zwei Sonntagen zu überlassen«.

Unzensiert
Doch nun zurück in den Oberkochener »Hirsch«. Hier hatte sich um den Beamten eine Bürgerrunde versammelt, die aus ihm Zweck und Ziel seines Auftrages herauskitzeln wollte. Schuster Tauscher, der erst etwas später dazu gestoßen war, fragte ihn ganz ungeniert, was er denn so lange in Oberkochen zu tun habe und ob etwa die Gemeinderechungen nicht stimmten. Wie es so zu gehen pflegt, ein Wort gab das andere und des Hirschwirts Bier tat das seine dazu.

Damit wäre unsere Geschichte in früherer Zeit schon zu Ende. Aber am 1. März 1848 war in Württemberg die Pressezensur aufgehoben worden, und so gelangte der Vorfall, den wir aufhellen wollen, in die Zeitung, allerdings mit der angehängten Fußnote »um den Artikel nicht sinnentstellend abzudrucken, hat sich der Setzer keine Änderung erlaubt«.

Auch wir wollen uns die originale Atmosphäre erhalten und zitieren einige Passagen aus Tauschs Darstellung des Vorfalls ebenso ohne Änderung im Wortlaut:

»Ich Tausch fragte ihn ob er noch hier währ, da sagte er Ja dann sagte ich nicht wahr ich hab mich doch richtig benommen, da fiel dieser Steif besoffene Schloßer auf mich her und setzte mich so Kalt und lieblos runter und warf mir meine Armuth vor in seinem Groben Dummen Dialegt. Da nahm sich Isidor Gold um mich an und sagte, er glaube daß jeder vor seiner Thüre zu kehren hätte und that diesem Grobian den Rost von der Nase, weil diese doch immer schwarz ist. Ich Tausch glaube für meinen Theil, daß dieser Schloßer keinem nichts bezahlen kann, wenn er auch was übrig hätte so würde er es bei Würfel und Karten Spil opfern . . . So jetzt kannst du Blitzen in einer Stunde 25Tausendmahl und ich halt mich an den 91. Psalm vor mich zum Schutz. Schuster Tausch.«

(Für weniger Bibelfeste: Psalm 91 beginnt »Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt . .)«.

Um die Objektivität zu wahren, müssen wir nun auch die Gegenseite hören. Diese behauptet, als Schuster Tausch zur Runde am Wirtshaustisch gestoßen sei, »hatte das Braunbier seinen Kopf schon ziemlich verwirrt«. Als der Revisor andeutete, es sei schon möglich, »daß einige Rest zum Vorschein kämen«, und daß diese »wahrscheinlich an solchen hängenblieben, die schon im Voraus zahlungsunfähig seien«, erhob sich ein Disput darüber, wer wohl zur Gruppe der letzteren zu zählen sei. »Dabei erlaubte sich der Schlosser J.G. gegen den Schuster Tausch solch kränkende Äußerungen, daß sich Gastgeber Fuchs veranlaßt fand, solchem ein paar derbe Ohrfeigen zu stecken und ihn am Ohr zur Tür hinauszuführen«.

Gut im Singen
Damit hätte eigentlich der Friede wieder hergestellt sein können, denn der Berichter »fand nichts für Tausch kränkendes, was er jedem ohne Bibelspruch zur Selbstbeurteilung überlasse«. Schuster Tausch war aber noch nicht zufriedengestellt und mußte nochmals nachkarten. Obwohl ihm dabei ein Bibelspruch verwehrt war, zeigte er sich auch mit dem Gesangbuch vertraut und ließ in der Zeitung verlauten: »Den Bürger von Oberkochen, welcher in der Nacht am letzten Samstag im Hirschwirtshaus verleumderische Äußerungen gegen mich erlaubte, möchte ich auf das Lied im alten evangelischen Gesangbuch Nro. 499 aufmerksam machen.«

Glücklicherweise gelang es, ein solches Gesangbuch aufzufinden - es stammt aus dem Jahre 1826 und kostete ungebunden 36 Kreuzer. Dort stehen in der Abteilung »Von den Pflichten gegen den Nebenmenschen« folgende Verse (in originaler Schreibweise wiedergegeben):

»Suchst du das nächsten ehr / und achtung nur zu schmälern;
Sprichst du so oft und gern / Von deines bruders fehlern;
Verkleinerst du aus stolz, / Aus mißgunst seinen ruhm, Deckst seine schwachheit auf: Wo bleibt dein Christentum?
Wenn du aus argwohn bloß Von ihm nur böses denkest, Und durch ein falsch gerächt / Ihm schadest und ihn kränkest;
Wenn ihn dein meid, dein haß, dein haß, dein stoz dein Spott entehrt:
Bist du denn noch ein Christ, Und dieses namens wert?«

Zum Foto: Das aus Privatbesitz stammende Foto zeigt nicht den alten Schuster Tausch aus dem vorstehenden Bericht, sondern einen jüngeren Kollegen in einer Schuhmacherwerkstatt alten Schlags, wie sie wohl auch unser Schuster Tausch einst hatte, umgeben von reparaturbedürftigen Schuhen vor seiner großen Nähmaschine im Hintergrund.

Volkmar Schrenk

Ergänzung zu Bericht 212
»Schuster Georg Adam Tausch«

Von Ivo Gold/Ravensburg erhielten wir eine Zuschrift, die sich auf den 5. Abschnitt in der 2. Spalte des genannten Artikels bezieht. Dort heißt es:

»Da nahm sich Isidor Gold um mich an und sagte, er glaube, daß jeder vor seiner Thür zu kehren hätte unt that diesem Grobian den Rost von der Nase, weil diese doch immer schwarz ist ...«.

Zur Person des in diesem Abschnitt genannten Isidor Gold lautet die Zuschrift:

»Isidor Gold, Schreiner, 28.3.1820 - 13.4.1877, verheiratet mit Maria Anna Hug, 5.7.1826 - 7.4.1868, hatte 7 Kinder.

Sein Vater war Schulmeister Franz Anton Gold, 29.5.1773 - 20.7.1824. Seine Mutter war Katharina geb. Fritz, 5.10.1782 - 10.9.1844. Sie hatten 14 Kinder.

Isidors Ahnen gehen zurück auf den ca. 1622 geb. Johann Jakob und dessen Sohn Martin, der Schultheiß in Oberkochen war. Die alle hier genannten Gold gehören also der Küfer- und Marxen-Linie an, die noch heute in Oberkochen leben.«

Ivo Gold, Ravensburg
15.3.1994

 
 
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