Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 211
 

Oberkochener Dorfgeschichten - Teil 3
nach den Schultheißen-Amtsprotokollen aus den Jahren 1827/28

Zusel, Hutt und Wollenbube

Leserinnen und Leser werden vielleicht an der Überschrift schon bemerkt haben, es geht ums Schimpfen, was die alten Oberkochener ebenso verstanden wie alles andere Volk. Zwar hatte die Gemeindeordnung aus dem Jahr 1578 »Gotteslästern mit Fluchen bei Mann- und Weibspersonen« unter schwere Strafe gestellt«, aber einfaches Schimpfen, das war Überlaufventil der Seele. Und so bruttelte je nach Temperament und Laune mancher und manche nur leise vor sich hin oder feuerte wahre Schimpfkanonaden ab. Dazu ein Beispiel, das seinen Niederschlag im Amtsprotokoll des Oberkochener Schultheißen Scheerer gefunden hat.

Für die Gans
»Er sei ein unverschämter Mensch, ein Flegel, seine Frau ein wüstes Weib, eine Zusel, hab sie geschrieen und er sei öffentlich in der Kirchgasse geohrfeigt worden«, nein, nicht für die Katz', sondern weil Ulrich H. die beiden Gänse von Katharina B. mit einer Gerte schlagend von seinem Dinkelacker vertrieben hatte, mußte er solche Pein erleiden, und deshalb klagte er vor dem Schultheißen gegen seine Widersacherin.

Die Beklagte wurde »vom Schultheißen vorgefordert und gab an, sie hüte ihr Vieh mit ihrem Vater und sei deshalb noch nicht zu Haus, wenn der Gänshirte eintreibe, die Gänse seien deshalb eine Zeitlang sich selbst überlassen. Als sie dann sehen mußte, wie ihre Gänse geschlagen wurden, sei sie zornig geworden und hab die Reden verlauten lassen«. Zu Verteidigung fügte sie noch an, »in früheren Jahren sei vor dem Acker des H. ein Zäunlein vorgemacht gewesen, damit die Gäns nicht ins Feld haben laufen können, wenn es zugemacht war«.

Dieser Argumentation konnte sich Schultheiß Scheerer nicht völlig verschließen. Er »legte dem Kläger auf, seinen Garten zu zumachen« und wenn er dennoch fremde Gänse dort antreffe, nicht zur Selbstjustiz zu greifen, sondern »dieselben zur Bestrafung anzuzeigen«. Die »Beklagte wurde dieses mal noch mit einem Verweis wegen ihres wüsten Schimpfens entlassen, wegen des Schadens durch die Gänse aber mit 15 Kreutzern bestraft« und ihr angedroht, »bei wiederholtem Schimpfen werde sie mit 24 Stunden Arrest gestraft«.

Damit war der Familienfriede (vorläufig) wieder hergestellt, denn der Angriff des H. auf die Gänse war der bekannte Tropfen gewesen, der das Faß zum Überlaufen brachte: Es hatte schon immer wieder Reibereien gegeben, weil »der Bruder der B. die Schwester von H. zum Weib hatte und dieser ihr und ihrem Vater Armut vorwerfe, wofür sie aber nichts könne«.

Wider die Obrigkeit
Am 22. November des Jahres 1828, dem Cäcilientag, feierten Oberkochener Musikanten den Tag ihrer Patronin im »Goldenen Hirsch«. Schulmeister Balluff, Maurermeister Wingert und einige andere waren versammelt und später gegen 9.00 Uhr stieß noch der alte Joseph S. zu den Feiernden. Er hatte in Heidenheim schon den Tag begossen, deshalb war er nicht mehr ganz nüchtern und wirkte auf seine Oberkochener Kollegen, die Musik machten und auch den Bierkrug kreisen ließen, schon etwas besäuselt.

Um 10.00 Uhr am Abend kam Polizeidiener Gold ins Lokal zum »Abbieten«. Er verkörperte (nebst dem Schultheiß) in Oberkochen die Königlich-Württembergische Obrigkeit; sich mit ihm anzulegen oder ihn gar zu beschimpfen ging schon in Richtung einer Majestätsbeleidigung. Dennoch passierte es. Als er verkündete: »Jetzt ist es Zeit zum Gehen, begebt euch zur Ruhe«, kam er bei Staudt schlecht an. »Er hat mir nichts zu sagen«, begehrte dieser auf und schleuderte der Amtsperson entgegen: »Du bist ein Hutt, und wer dich beauftragt hat, uns Musikanten abzubieten, ist auch ein Hutt«. Zu den Musikanten gewandt meinte er: »Spielt weiter, ich nehm's auf meine Kappe, uns darf niemand abbieten«, und setzte dem Polizisten gegenüber noch eins drauf, indem er ihn angiftete: »Du Gold, du bist a reachter Wollabua«.

Am folgenden Morgen gab Polizeidiener Gold den Vorfall bei Schultheiß Scheerer zu Rapport und klagte Staudt des Widerstands gegen die Polizeigewalt an. »S. wurde schultheißenamtlich vorgefordert«. Er war geständig, aber blieb uneinsichtig. »Sie seien friedlich beieinander gewesen, hätten zum eigenen Vergnügen Musik gemacht und keineswegs ohne Tax zum Tanz aufgespielt, was natürlich gesetzwidrig gewesen wäre. Sie seien in aller Ordnung beisammen gewesen, was Herr Schullehrer Balluff und Maurermeister Wingert bezeugen könnten. Den Gold habe er einen Hutt genannt und auch einen Wollenbuben geheißen, weil er ihm absolut nichts zu befehlen habe«.

Darauf wurden auch Balluff und Wingert vor den Schultheißen zitiert. Balluff sagte aus, er habe den Streit nur von einer anderen Stube aus gehört, daß S. aber »den Gold einen Hutt und Wollenbuben geheißen habe, das sei wahr«. Im übrigen habe er versucht, den S. zur Mäßigung anzuhalten, was aber nicht gefruchtet habe.

Als Sühne für die Polizistenbeleidigung setzte der Schultheiß »einen Gulden Strafe wegen Schimpfens an«, mit der Bemerkung, »S. könne sich, wenn er glaube ungerecht bestraft zu sein, bei höherer Behörde in der Zeit von acht Tagen beschweren«. Gold und Balluff unterschrieben das Protokoll. Der Verurteilte sann über einen Freispruch nach, den er aber nicht vorbrachte, denn Polizeidiener Gold in Rage und auf die bekannte Palme zu bringen, war dem Musikus einen Gulden wert gewesen.

Zum Foto:
Herr Stadtbaumeister i.R. Kranz hat dem Heimatverein eine größere Anzahl Fotos überlassen, die während seiner Amtszeit als Orts- und Stadtbaumeister entstanden sind. Herzlichen Dank dafür (und zur Nachahmung empfohlen)!

Wir veröffentlichen zu den Berichten über altes kommunales Geschehen einige Fotos aus der Bilderspende von Herrn Kranz.

Foto: Bahnschlitten vor dem alten Rathaus im Jahre 1962

Volkmar Schrenk

 
 
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