Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 209
 

Oberkochener Dorfgeschichten - Teil 2
nach den Schultheißen-Amtsprotokollen aus den Jahren 1827/28

Misstöne
Zunächst gab sie gar keine Töne mehr von sich, die Baßgeige des Heinrich M., der am 11. November 1828 beim Hirschwirt »an des Melchior Gerwegs Hochzeit zum Tanz« aufgespielt hatte. Erhebliche Mißstimmung kam aber auf, als M. den Joseph Katzenstein beschuldigte, »er habe seine Baßgeige, welche zur Bergmusik gehöre, zu Schaden gebrungen«, und Katzenstein dies energisch bestritt. Er »gebrauche keine Lügen und gehe nicht mit Unwahrheiten um«, wenn ich - so dachte er bei sich selbst - auch nur ein Findelkind bin.

Hier ist anzumerken, daß (wie im Oberkochener Heimatbuch auf Seite 443 berichtet) Hafner Hug ihn einst als kleines, jämmerliches Päckchen am Katzenstein gefunden hatte. Da auf seiner Windel »J.K.« geschrieben stand, ließ Hug den Knaben auf den Namen Joseph Katzenstein taufen und nahm ihn in seine Familie auf. Dieser »J.K.« war also nun in den Musikerstreit verwickelt, ja beschuldigt, die Baßgeige von Merz absichtlich beschädigt zu haben.

Nun wurden Zeugen gesucht. »Friedrich Braun, des Hirschwirts Bräuknecht« sollte aussagen, daß »die Baßgeige schon einen Riß und er deshalb mit M. einen Wortwechsel gehabt habe«. Johann Eisele, »einer unter vielen, die im Wirtshaus waren, sollte als Zeuge angeben, daß der M. absichtlich auf Katzenstein zugesprungen sei«, um zu vertuschen, daß das Instrument schon zuvor einen Schaden hatte.

Doch Eisele, vom Schultheißen vorgeladen, machte einen Rückzieher, »er selbst habe nichts gesehen und nur den Lärm gehört, die Beteiligten müßten selbst am besten wissen, wer es getan habe«. Damit konnte Schultheiß Scheerer wenig anfangen. Da er aber seine Pappenheimer kannte, machte er »schultheißenamtlich den Vorschlag, daß Kläger M. und Beklagter Katzenstein die Reparatur miteinander bezahlten sollten, jeder je zur Hälfte«. Da Merz »keinen besseren Beweis« liefern konnte, gab er schließlich per Unterschrift sein Einverständnis zu dieser Schadensregulierung. »Auch Katzenstein anerkannte nach gehöriger Belehrung« das Verfahren. Ob er allerdings bezahlte, ist nicht bekannt, denn nach dem Bericht im Heimatbuch »ging er in die Schweiz und man hörte nichts mehr von ihm«.

Nicht nur bei der Tanzmusik gab es gelegentlich Mißtöne, auch unter den Kirchenmusikern kam es zu Unstimmigkeiten. Schulmeister Balluff war erst seit kurzer Zeit in Oberkochen, aber er hatte zusammen mit Pfarrer Lauth die Musik in der katholischen Kirche neu organisiert und einen Kirchenchor gegründet. Nicht, daß zuvor keine Musik in der Kirche gemacht worden wäre. Schon 30 Jahre früher hatten sich unter Leitung von Balluffs Vorgänger, Schulmeister Franz Anton Gold, Musiker zusammengefunden: »Joseph Friz, Franz Anton Wingert, Johannes Elmer, Jakob Elmer, Joseph Gold und Johannes Schoch«. Sie traten bei Hochzeiten, Begräbnissen und an hohen Feiertagen mit ihren Instrumenten in Aktion. Ihr Repertoire war recht ansehnlich und es war nicht notwendig, bei Hochzeit und Leichenbegräbnis dasselbe Stück - mal fröhlich-rasch, mal langsam-getragen - zu spielen. Sogar auswärtige Verpflichtungen hatten sie, und so kam auch etwas Geld herein das sie in einer eigens angefertigten »Musikantenlade« sammelten und auf Jahresende verteilten.

Um diese Musikantenlade entbrannte nun im Januar 1828 der Streit.

Joseph Friz hatte die Lade nach dem Aufzug von Schulmeister Balluff aus dem Schulhaus, ihrem angestammten Aufbewahrungsort, entfernt. Grund dafür war für ihn, daß Schulmeister Gold bei seinem Ausscheiden ihm den Schlüssel für die Lade gegeben, diese also in seine Verantwortung gestellt hatte.

Lehrer Balluff wollte dagegen die bisherige Gepflogenheit beibehalten und beanspruchte die Aufsicht über Lade und Geld. Da Friz nicht einlenkte, klagte Balluff beim Schultheißenamt um Herausgabe der Lade.

Bei der mündlichen Verhandlung versteifte sich Friz auf den Standpunkt, »die Lade sei gemeinsam von den vorne aufgeführten Musikern angeschafft und bezahlt worden, also gehöre sie auch diesen« und Schulmeister Balluff solle gefälligst die Hände davon lassen. Dennoch fand Schultheiß Scheerer eine Lösung, die dem bekannten salomonischen Urteil sehr nahe kommt. Er verfügte nämlich, »die Musikanten-Lade soll im Aufstreich (d.h. durch Versteigerung) verkauft und der Erlös möge den noch vier lebenden Mitgliedern der alten Gilde überlassen werden«.

Ein solch schmähliches Ende der vielgeliebten und langgedienten Musikanten-Lade wollten nun die alten Musiker nicht heraufbeschwören, man einigte sich schließlich mit Schulmeister Balluff und den aktiven Musikern über den weiteren Gebrauch der Lade, - und sie tat noch viele Jahre gute Dienste.

Zum Foto:
Herr Stadtbaumeister i.R. Kranz hat dem Heimatverein eine größere Anzahl Fotos überlassen, die während seiner Amtszeit als Orts- und Stadtbaumeister entstanden sind. Herzlichen Dank dafür (und zur Nachahmung empfohlen)! Wir veröffentlichen zu den Berichten über altes kommunales Geschehen einige Fotos aus der Bilderspende von Herrn Kranz.

Volkmar Schrenk

 
 
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