Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 206
 

Oberkochener Dorfgeschichten - Teil 1
nach den Schultheißen-Amtsprotokollen aus den Jahren 1827/28

Der zerbrochene Krug
Beim Ochsenwirt Pfisterer sitzen am 30. November 1827 spät noch - »es ist 8 Uhr in der Nacht« - einige Oberkochener im Schein der Erdöllampe am Gasttisch: Joseph G., Sebastian F., Franz B. und einige andere. Von Persönlichem und Allgemeinem wird geredet, Lokalpolitik und ein wenig Dorfklatsch würzen die Gespräche. War da nicht erst vor kurzem bekanntgeworden, eine Hafnersfrau »kuriere Krankheiten empathisch« und habe enormen Zulauf. Namen von Geheilten werden gehandelt, sogar »Herrn Pfarrer Lauthens Dienstmagd« war darunter, oder eine »Weibsperson aus Königsbronn, die einen Gulden dafür bezahlt hat«. Selbst der Oberkochener Revierförster ließ so sein Zipperlein behandeln, zwei Unterkochener waren im Schutze der Nacht ins Hafnerhaus geschlichen und selbst ein »inzwischen verstorbener Ziegeler aus Aalen« hatte Linderung gesucht, was aber offensichtlich nicht viel genützt hatte.

Natürlich wurde nicht nur geschwätzt, sondern auch dem frisch gebrauten Bier zugesprochen und die Zungen lösten sich. Woher er denn seine Blatternnarben im Gesicht habe, wollte da F. von seinem Nachbarn G. wissen. Ob die Wunderheilerin habe nicht helfen können, spottete er. Der so Angegangene bekam einen roten Kopf, lenkte aber das Gespräch auf ein anderes Thema. Der neue Lehrer der katholischen Schule hatte vor einiger Zeit geheiratet, Balluff hieß er und war von den Fildern nach Oberkochen gekommen, offenbar ein sehr musikalischer Mann. Vor ein paar Wochen habe er ein sehr schönes Weib heimgeführt, die Tochter des Dewanger Schultheißen, so wurde erzählt, und damit eine recht gute Partie gemacht.

Dieses Thema war dem F. ein »gefundenes Fressele«. Er hakte sofort ein und meinte, G. habe es nicht so weit gebracht und sich mit einer armen Witwe aus dem Brunkel begnügen müssen. Nun nahmen die Dinge ihren Lauf: Aus Sticheleien wurden Beleidigungen, Hänseleien gerieten zu »Schimpfworten, wie sie dem Beleidigten seit seiner Militärzeit und Verheiratung nicht mehr zu Ohren gekommen waren«. G. wurde nicht nur noch röter, er sah auch rot und »versetzte dem bösartigen F. im Zorn einen Schlag mit dem Bierkrug«.

Am folgenden Morgen machte Polizeidiener Gold seinem Chef Schultheiß Scheerer folgende Meldung: »Gestern Nacht sind beim Pfisterer Joseph G., Bauer, und Sebastian F., Bauer, mittelst Wortwechsels aneinandergekommen, so daß G. dem F. mit einem Halbmaßkrug an den Kopf geschlagen hab, daß derselbe im mehrere Stück zerbrochen sei, wovon der Fischer Wunden bekommen und stark geblutet hab. Der Orts-Chirurg Maier hab den F. behandelt und verbunden«. Diesen Fall mußte Schultheiß Scheerer selbst begutachten. Als er sich gerade auf den Weg machen wollte, kam etwas kleinlaut »Täter G. aufs Rathaus und schilderte das Geschehene« aus seiner Sicht. Er sei »wegen der höhnischen Spottreden des F. zornig geworden und habe ihm mit seinem Bierkrug eines versetzt. Er bereue seine Tat«.

Mit dem Geständnis des Täters in der Tasche »begab sich der Schultheiß zur Wohnung von F. Er traf denselben auf seinem Bett liegend an«. Seine Frau und der auch herbeigerufene Chirurg Maier gaben Auskunft. »F. habe durch den Schlag sieben Wunden erhalten, davon drei am Kopf und an den Augenlidern; ob nachteilige Folgen entstehen könnten, lasse sich jetzt noch nicht beurteilen«.

Nach der Beweisaufnahme war es an Schultheiß Scheerer, den Fall zum Abschluß zu bringen. Als geschickter Taktiker schlug er zunächst vor, G. möge die Arztkosten übernehmen, dem F. einen Taglöhner als Aushilfskraft bis zur Genesung anstellen und 11 Gulden Strafe bezahlen. Dies erschien G. nun doch etwas zu hart. Er wandte ein, F. habe ihn »in höchstem Maße gereizt, außerdem seien sie verwandt und was geschehen war, werden nimmermehr geschehen, wenn es nicht schon geschehen wäre. Er bereue seine Tat und bitte um eine gelindere Strafe«. Der Schultheiß ließ sich erweichen. »setzte auf Zureden die Strafe auf vier Gulden fest« und begrenzte die Zeit für die Einstellung der Hilfskraft auf acht Tage. So kam die Angelegenheit nach Verheilung der Wunden wieder in Ordnung. Schultheiß Scheerer hatte sich einmal mehr als verständnisvoller Richter gezeigt, nur der zerbrochene Krug war auf der Strecke geblieben. Aber Ochsenwirt Pfisterer konnte dies verschmerzen, die Oberkochener Hafner freuten sich, einen neuen Krug liefern zu dürfen, - und die Biersteuer wurde erst viel später erfunden und eingeführt.

Zum Foto:
Herr Stadtbaumeister i.R. Kranz hat dem Heimatverein eine größere Anzahl Fotos überlassen, die während seiner Amtszeit als Orts- und Stadtbaumeister entstanden sind. Herzlichen Dank dafür (und zur Nachahmung empfohlen)!

Wir veröffentlichen zu den Berichten über altes kommunales Geschehen einige Fotos aus der Bilderspende von Herrn Kranz.

Foto: Gebiet Bühl - Gutenbach am Tierstein vor der Bebauung im Jahre 1956.

Volkmar Schrenk

 
 
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