Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 205
 

Oberkochener Phantom, eine Bedürfnisanstalt

Ein Phantom, zu deutsch ein Trugbild, war sie für die Oberkochener stets gewesen: beim Bahnbau von Staats wegen mitgeliefert verwehrte dem Normalbürger die Bahnsteigsperre ungehinderte Erledigung seines Bedürfnisses, der Benutzer mußte entweder Reisender sein oder eine Bahnsteigkarte kaufen. Seit der Bahnhofsrenovierung im Jahre 1949 geisterte es durch Akten und Zeitungsartikel, immer wieder gewünscht, aber nirgends gerne gesehen, in alter Plumps-Clo-Zeit hygienischen Ansprüchen nicht genügend, im modernen Gewand und vollautomatisch zu teuer. So mußten und müssen Einheimische und Fremde ihre Bedürfnisse ohne entsprechende »Anstalt« mit sich und der Umwelt ins Reine bringen.

Manche Leserin und mancher Leser wird nun naserümpfend denken, o welch eine anrüchige Geschichte. Weit gefehlt! Als 1953 das Amtsblatt »Bürger und Gemeinde« ins Leben gerufen wurde, bemächtigte sich unser Phantom auch dessen Spalten. Davon soll nun die Rede sein, denn wir finden dort oft amüsant gehaltene Auseinandersetzung zwischen Bedürfnis und Bedarf, ernsthaft geführte Verhandlungen um Wunsch und Wirklichkeit, die sogar Landrat, Innenminister und Landtag beschäftigen.

Gehen wir nun chronologisch durch die einzelnen Jahre der BuG-Bände.

1953: Ohne Ergebnis
Eine »kleine Anfrage die Bedürfnisanstalt beim Bahnhof betreffend« eröffnete den Reigen und stellt fest, das Wort »Bedürfnisanstalt« sei zwar so häßlich wie der entsprechende Oberkochener Ort. Dennoch sei die Frage nach dem Stand der Dinge aufzuwerfen, »denn auch ein Ab-Ort müsse noch ein menschenwürdiger Ort sein«.

Der Zustand der Hütte, Gebäude könne man nicht sagen, sei »eine denkbar schlechte Visitenkarte für einen aufstrebenden Industrieort«.

Vornehm zurückhaltend fällt die Antwort aus: »Zur Ehre der Bundesbahn muß gesagt werden, daß sie sich seit Jahren um Verbesserungen bemühe und schon einiges erreicht hat . .«. Aber nun war da das liebe Geld, und selbiges reichte vorn und hinten nicht und am allerwenigsten für das besagte Örtchen. In Zeiten der Geldknappheit wird versucht, andere anzupumpen. So auch die Bahn. Sie meinte, wenn eine bundesbahneigene Einrichtung von der Öffentlichkeit benutzt wurde, müsse diese also in unserem Fall die Gemeinde Oberkochen, sich finanziell beteiligen.

Die Gemeinde ihrerseits zierte sich aus gutem Grund, denn »es sind zahlreiche eigene hygienische Sanierungsmaßnahmen durchzuführen wie z.B. Kanalisation und an der Hauptstraße die Beseitigung mehrerer Dunglegen«, besser bekannt als »Misten«. Außerdem sei »das Maß der Mitbenutzung« des bahninternen Locus durch Oberkochener - davon sollte der Finanzbeitrag abhängig sein - »nur schwer abzuschätzen, geschweige denn exakt zu erfassen«. Da man nicht so weit gehen wollte, diese Grundsatzfrage durch Testpersonen aufhellen zu lassen, schlossen sich die Akten für das Jahr 1953 unverrichteter Dinge.

1954: Guter Rat
Eine Glosse »Bundesbahn, nix Kultura« brachte im Februar 1954 unser Phantom wieder ans Tageslicht. Angeregt durch »neuartige Aborte sparsamster Ausführung bei der Ost-Reichsbahn« wurde vorgeschlagen, sich in der Oberkochener Angelegenheit, beim »erfinderischen östlichen Abortreferenten« Rat zu holen. Jener hatte zwar keine Neuerfindung gemacht, sondern das alte französische Steh-Clo wieder entdeckt, und, so wurde geschrieben, »ein Abort mit Stehplätzen könne sich auch in Oberkochen besser sehen lassen als die bestehende Laternenpfahlpraxis«.

Doch Laternenpfahl hin, fehlendes Örtchen her, - dies war das einzige Lebenszeichen unseres Phantoms bis zum Jahr 1956.

1956: Verstopfung
Am 1. Juni 1956 befaßte sich der Oberkochener Gemeinderat mit dem Umbau des Bahnhofvorplatzes und in diesem Zusammenhang »wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, auch das Abortproblem möge gelöst werden«. Dabei blieb es dann auch, wenngleich die Bundesbahn der Gemeinde großzügig und »gebührenfrei gestattete, in der Mitte des Bahnhofvorplatzes einen Lichtpilz zu setzen«, litt sie weiterhin in der bewußten Angelegenheit an chronischer Verstopfung.

1957: Hickhack
Über ein halbes Jahr verging bis zum nächsten Schlagabtausch. Am 11. Februar 1957 nahm sich der Gemeinderat unter Vorsitz von Bürgermeister Bosch intensiv der »Erneuerung der öffentlichen Abortanlage beim Bahnhof« an, denn die Bahn hatte verlauten lassen, »50.000 DM sind für einen Neubau notwendig - und die Bundesbahn kann diesen Betrag nicht aufbringen«.

Bei der »sehr sachlich, aber nicht ohne gewisse Verbitterung« geführten Diskussion standen sich zwei Meinungen gegenüber. Die Bundesbahn argumentierte, sie sei nicht verpflichtet, beim Bahnhof eine Abortanlage zu betreiben, die »Fahrgäste können ihr Bedürfnis in den Zügen verrichten«. Was die Finanzlage der Bahn betreffe, bringe der Bahnhof Oberkochen nicht die zu erwartenden Einnahmen. Der Personenverkehr sei zwar bedeutend, aber »der Ertrag aus dem Güterverkehr sei trotz der wertmäßig sehr erheblichen Produktion ortsansässiger Firmen verhältnismäßig gering«, weshalb Gemeinde und Industriefirmen der Bahn unter die Arme greifen sollten.

Der Gemeinderat hielt dem entgegen, man habe der Bahn schon erhebliche Mittel zur Umgestaltung des Bahnhofplatzes zukommen lassen. Der Berufsverkehr werde künftig »mit der Haupthaltestelle Bahnhof« auch durch Omnibusse bedient werden. »Wie, bitte schön, stellt sich die Bahn die Erledigung der Bedürfnisse ihrer Bahnbusfahrgäste vor?«, war eine wichtige Frage. Da die noch bestehende baufällige Abortanlage ein Ärgernis und Gefahrenpunkt für Übertragung ansteckender Krankheiten sei, wurde beschlossen:

»1. Die Gemeinde Oberkochen fordert, die gesundheitspolizeilich unzulässige Abortanlage unverzüglich zu beseitigen.
2. Die Gemeinde Oberkochen fordert die Erstellung einer den hiesigen Bahnhofsverhältnissen angemessenen Abortanlage und bittet den Landtagsabgeordneten Landrat Dr. Huber um Unterstützung, notfalls durch einen Antrag im Landtag«.

Damit war nun eindeutig das Oberkochener Phantom zur Sache der Bundesbahn geworden und hatte auch Einzug in die hohe Landespolitik gehalten. Aber 'es kreißt der Berg und heraus kommt eine Maus', so auch in unserem Fall. Eine Planung der Bahnverwaltung für Umbau und Modernisierung des Oberkochener Bahnhofs wurde im September 1957 vorgelegt, und - wie Bürgermeister Bosch feststellte - und es war auch ein Kleinabort im Inneren des Bahnhofs vorgesehen, der für die Öffentlichkeit so gut wie nichts nützt«, - und damit war wiederum Funkstille bis zum Jahre 1959.

1959: Millionenprojekt
In diesem Jahr geisterte unser Phantom durch die große Politik und wurde so landesweit ruchbar. Landrat Dr. Huber unterzog sich seiner Hausaufgabe gewissenhaft und wollte in einer »Kleinen Anfrage« im Landtag wissen, ob »der Bahnhof Oberkochen bei den Maßnahmen zur Verbesserung der Verhältnisse an Bahnhöfen mitberücksichtigt worden sei«, und falls dies nicht der Fall sei, ob »die Landesregierung bereit sei, die Verhältnisse am Bahnhof Oberkochen zu prüfen?«

Einige Monate später flatterte ein Schreiben von Innenminister Renner auf Bürgermeister Boschs Schreibtisch, das »die derzeitigen Anlagen beim Bahnhof Oberkochen verbesserungsbedürftig« nennt und von einem Vorentwurf berichtet, der »mit einem Kostenaufwand von rund 1,8 Millionen DM den Bau eines dritten Hauptgleises, einer Bahnsteigunterführung mit Bahnsteigüberdachung und eine Erweiterung des Empfangsgebäudes mit Einbeziehung der Bahnsteigunterführung und - gewissermaßen als Tüpfelchen auf dem i der Millionen - eine neue Abortanlage vorsieht«: klassischer Fall einer positiven Antwort, die in Wirklichkeit eine Absage war. Denn was von diesem grandiosen Plan nach 44 Jahren verwirklicht ist, mag man selbst in Augenschein nehmen. Auch Bürgermeister Bosch sah die Felle Oberkochener Hoffnungen den Kocher hinabschwimmen und meinte, »die Regierung müsse zwar in längeren Zeiträumen denken und planen, hoffentlich aber würden die sofort notwendigen kleinen Maßnahmen nicht im Blick auf die »Endlösung« auf viele Jahre zurückgestellt«.

1960: Zukunftsmusik
Zunächst aber blieb die Gemeindeverwaltung am Drücker. Etwas war nämlich geschehen: »Der seit längerer Zeit nicht mehr benutzbare Abort beim Bahnhof« war der Spitzhacke zum Opfer gefallen, was aus »ästhetischen und hygienischen Gründen begrüßt« wird, so schrieb Bürgermeister Bosch.

Gleichzeitig erinnerte der Bürgermeister an die Landtagsinitiative und an das Schreiben des Innenministers, das er im Wortlaut nochmals mitliefert. Auch appelliert er eindringlich an die Bundesbahnverwaltung, lieber mit kleinem Aufwand bald eine Lösung zu schaffen, als »auf die Zukunftsmusik des Innenministeriums zu bauen«.

Die Antwort der Bahn ließ nicht lange auf sich warten: »Zur Zeit stehen selbst für eine kleine Lösung keine Mittel zur Verfügung«. Der Schuppen werde behelfsmäßig instandgesetzt, im übrigen bleibe nur geduldiges Zuwarten - und »die Hoffnung, im nächsten oder übernächsten Jahr etwas Besseres schaffen zu können«.

Epiolog
Das Phantom, über das berichtet wurde, war nicht vorrangig ein Problem der Bundesbahn, sie kam aus Gunst oder Ungunst der Umstände dazu. Unser Phantom war stets kommunaler Abstammung mit endloser Geschichte, die aber durchaus auch amüsante Züge trug, wie auch das im Jahr 1957 in BuG veröffentlichte Gedicht von Heinrich Seifert zeigt:

»Bedürfnisse - Zerwürfnisse
Also lautet ein Beschluß
daß sich der Mensch entleeren muß;
und aus eben diesem Zwecke
verschanzt er sich in einer Ecke,
und hinter der verschlossenen Tür
entleert er sich ganz ohn' Genier.
Häuschen werden aufgerichtet
und entsprechend abgedichtet,
damit kein Ärgernis entsteht,
wenn jemand vorübergeht.
In Oberkochen, o wie dumm,
ist dieses »Haus« schon alterskrumm;
zum Anblick ist es eine Schande,
- dies bemerk ich nur am Rande -
zwecks Erneurung wird verhandelt, -
bis heut hat sich nichts angebandelt
und schon seit der Jahre sieben
ist man ohne Erfolg geblieben,
denn fünfzigtausend Deutsche Mark
soll kosten der Bedürfnispark . . .«

Ja, und so ist es bis heutigen Tags geblieben und wird es auch weiterhin bleiben, es sei denn, ein reicher Prinz erlöst unser Phantom und macht es doch noch zu dem, was es immer werden wollte: ein öffentliches WC. Sicher ist nur, daß dem Heimatverein noch viel Zeit bleibt, die jüngere Geschichte des Bedürfnisanstaltsphantoms aufzuarbeiten.

Zu den Fotos:

Aufnahme 1:
Die aus den frühen Fünfzigerjahren stammende Aufnahme zeigt im Vordergrund den Oberkochener Bahnhof. Rechts vom Empfangsgebäude ist das bahneigene und wie es im Gedicht heißt »alterskrumme Haus« deutlich auszumachen.

Aufnahme 2:
Bahnhof Oberkochen nach der Renovierung im Juni 1955 (rechts am Bildrand das bewußte »Haus«) - Die Aufnahme stellte dankenswerterweise der frühere Bahnhof vorstand Herr Feil zur Verfügung.

Dietrich Bantel

 
 
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