Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 199
 

Schon vor längerer Zeit hat Herr Ivo Gold aus Ravensburg uns auf einen früheren Oberkochener evangelischen Pfarrer aufmerksam gemacht, von dem er meinte, eine Darstellung seines Wirkens und seiner Familie würde sich sehr empfehlen, da er einer der größten Pfarrersfamilien in Württemberg angehörte. Es handelt sich um

Georg Conrad Hochstetter (1654-1697)
20. evangelischer Pfarrer in Oberkochen (1684-1697)

Die Hochstetter-Familie
Die Hochstetters stammen aus Gerhausen auf der Blaubeurener Alb. Dort wurde Conrad Hochstetter, der Großvater des Oberkochener Pfarrers, 1583 geboren. 1602 finden wir Conrad Hochstetter als Magister in Tübingen, 1608 wird er Klosterpräzeptor in Maulbronn, dann Pfarrer an der Stuttgarter Leonhardskirche und bis zu seinem Tod im Jahr 1661 war er Dekan in Kirchheim/T.

Der Kirchheimer Dekan war zweimal verheiratet u. hatte aus den beiden Ehen 18 Kinder. Seine zweite Frau hatte er erst im Alter von 53 Jahren geheiratet - sie war damals 21 Jahre alt - und er mußte sich seines großen Kindersegens wegen im hohen Alter manche spöttische Bemerkung gefallen lassen. Wie der Rede beim Begräbnis eines dieser Kinder zu entnehmen ist, »haben viele Leute vermeint, es werde der Herr Vater diese in seinem Alter nicht mehr erziehen können. Folglich werde es diesen Kindern übel ergehen. Der selige Herr Vater soll aber darauf gar oft gesagt haben: »Wohl, wohl«, mit welchen Worten er ausdrücken wollte, Gott sei der rechte Vater und es werde seinen Kindern wohlgehen, wie auch geschehen«.

Der Vater des Oberkochener Pfarrers, der 1623 geborene Johann Ulrich Hochstetter, war das 5. Kind aus erster Ehe. Er war Diakon in Kirchheim, dann Pfarrer in Dettingen/T., dem Geburtsort des späteren Oberkochener Pfarrers, und in Owen/T. gewesen. Die Mutter war eine geborene Alber aus der Familie des Reutlinger Reformators Matthäus Alber.

Auch die Nachkommen aus der zweiten Ehe wurden zu bedeutenden Persönlichkeiten. Johann Andreas Hochstetter, Stammvater des sog. Bebenhauser Astes der Hochstetter, war Professor und Ephorus am Tübinger Stift, später Prälat in Maulbronn und Bebenhausen. Als seinerzeit sehr angesehener Theologe bemühte er sich, zwischen der strengen lutherischen Lehre und dem aufkommenden schwäbischen Pietismus zu vermitteln. Als z.B. die Tübinger Wengerter, die sog. »Gogen«, in ihren Häusern Erbauungsstunden halten wollten, dies aber der Geistlichkeit nicht angenehm war, setzte sich Hochstetter dafür ein, daß Stiftsrepetenten diese »Stunden« halten sollten, denn es sei »hocherfreulich, wenn Weingärtner nicht nur an den Wein, sondern auch an ihre ewige Seligkeit denken wollten«.

Adolf Mann, ein nicht den Namen Hochstetter tragender Nachkomme, schreibt in seiner Familiengeschichte: »Von den den Namen Hochstetter tragenden Nachfahren des Konrad Hochstetter waren mindestens 70 Theologen, darunter 10 Prälaten - zeitweise konnte man von einer Beherrschung der Kirche Württembergs durch die Familie Hochstetter sprechen -, aber ebenso namhafte Gelehrte, Staatsdiener, Offiziere, Kaufleute, Techniker, Industrielle. Vier Nachfahren erhielten den württembergischen persönlichen Adel, sieben wurden in den erblichen Adelsstand erhoben«.

Das Wappen der Familie Hochstetter ist (die Oberkochener Stadtfarben vorausnehmend) ganz in blau-gelb gehalten und zeigt einen diagonal wellengeteilten Wappenschild. Dieses Wappen gilt als gemeinsames Wappen der Augsburger und Gerhausener Linie der Hochstetters. Später geadelte Nachkommen entwickelten und führten eigene Wappen.

Evangelischer Pfarrer in Oberkochen
Das bekannte Bild der alten Oberkochener Kirche, gezeichnet von dem späteren Pfarrer Dürr, zeigt die Situation (vgl. BuG-Bericht Nr. 42). Kirche, Schule, Pfarrwohnung waren unter einem Dach, der Friedhof gleich nebenan, hinter dem Haus floß der Kocher, so konnte man dort Wasser holen und Wäsche waschen, und die kleinen Kinder wurden mit echtem Kocherwasser getauft, so auch Konrad Friedrich Hochstetter, Sohn der Oberkochener Pfarrleute. Der Familie standen über dem eigentlichen Kirchenraum gelegen zwei heizbare Stuben mit Küche und drei nichtheizbare Kammern zur Verfügung. Aus seiner Studierstube, die auch als Schullokal diente, ging der Blick des Pfarrers auf die »viel befahrene Straße von Aalen nach Heidenheim« und er sah zur Rechten, wie im benachbarten »Hirsch« Reisende Rast machten. Linkerhand konnte er aber wie zu biblischen Zeiten Zöllner am Zoll sitzen sehen, die den Übergang über den Zollbach bewachten.

Zollstation, so wird man denken, gab es das mitten im Land?

Ja, denn seit Urzeiten verlief durch das Dorf Oberkochen eine Grenzlinie zwischen ritterlichen Herrschaften. Dann grenzten die katholischen Klöster Königsbronn und Ellwangen in Oberkochen aneinander. Nach Reformation und Dreißigjährigem Krieg waren daraus die katholische Fürstpropstei Ellwangen und das evangelisch-württembergische Kloster Königsbronn geworden. Oberkochen bestand somit zur Zeit Pfarrer Hochstetters aus zwei Teilen, deren Herrschaften sowohl staatliche als auch konfessionelle Gegenspieler waren. Und dies dokumentierte sich am Oberkochener Zollbach inmitten des Ortes durch eine Zollstation.

Dennoch aber bildete Oberkochen ein Dorf. Zwei Schultheißen sorgten für Recht und Ordnung, zwei Kirchen und Schulen gab es. Für das Zusammenleben im geteilten Dorf galten die Regeln der Dorfordnung aus dem Jahre 1578, deren Bestimmungen aber während des Dreißigjährigen Kriegs ihre Bedeutung verloren hatten. Erst im Jahre 1749 wurden im sog. »Aalener Protokoll« die Vereinbarungen neu gefaßt.

Die Bevölkerung des geteilten Ortes lebte von Land-Waldbewirtschaftung, aber schon im Jahre 1541 ist am Kocherursprung ein Schmelzofen samt Eisenschmiede in Betrieb. In der Visitationsakte von 1684 ist über die evangelischen Oberkochener gesagt »sie besuchen den Gottesdienst ziemlich und leben ehrlich«. Auch dem Schultheißen Joachim Scheerer wird bescheinigt, »er hält sich wohl und geht dem Pfarrer an die Hand«. Aber die Gemeinde ist arm, sie »hat keinen Heiligen«, d.h. keine eigenen Mittel, und »die Rechnungen sein mit den Ellwangischen gemein«. Aber »eine Hebamme ist württembergisch da und eine ellwangisch, beide werden unterschiedlich gebraucht«.

Georg Konrad Hochstetter war nach langer Zeit wieder der erste »gestandene« Pfarrer in Oberkochen. Zuvor war die Gemeinde so arm gewesen, daß entweder kein Pfarrer bezahlt werden konnte oder nur ganz junge Leute mit geringem Gehalt angestellt wurden. Als Pfarrer Hochstetter in Oberkochen aufzog, hat zwar »Meßner Jörg Eißelin sein Sach ohne Plag versehen«, aber Schule mußte er selbst halten wie sein Vorgänger, der 1648 schrieb: »Der Pfarrer hat Schul gehalten und gehabt 9 Knaben und 11 Mägdlein, sein ziemlich fleißig gekommen und wohl informierte worden«. Doch Pfarrer Hochstetter hatte mit dem Schulunterricht offenbar Probleme. »Es seien nur 6 Kinder zur Schule gekommen statt 20 möglicher«, heißt es in einer Aufzeichnung, der »Pfarrer sei zu streng gewesen«, war die Erklärung dafür, und vielleicht auch zu anspruchsvoll.

Pfarrer Hochstetter und Familie
Pfarrer Hochstetter hatte ein Jahr nach seinem Aufzug in Oberkochen in zweiter Ehe geheiratet. Am Sonntag Sexagesimä des Jahres 1685 war die Hochzeit in Steinheim. Denn die junge Pfarrfrau Anna Catherine war »eheliche Tochter des Königsbronner Vogtes Philipp Jakob Ruthhardt zu Steinheim«, wie die erst vor einigen Tagen entdeckte Heiratsurkunde besagt. Der Steinheimer Vogt hatte 1663 die Tochter eines Pfarrers geheiratet. Sei Vater war ebenfalls Jurist und Vogt in der Waiblinger Gegend anwesend.

Die Oberkochener Pfarrfamilie hatte sieben Kinder: Am 17. Mai 1686 wurde Johanna Catherine geboren; sie starb am 13. August desselben Jahres.

Der am 26. April 1687 geborenen Sophia Barbara war dasselbe Schicksal beschieden. Sie starb am 14. August 1687.

Susanne Veronika, geboren am 16. Mai 1688, überlebte. Sie heiratete später Georg Friedrich Sutor, der u.a. auch Pfarrer in Gerstetten war. Sie starb im Jahr 1730.

Conrad Friedrich Hochstetter war das vierte Kind der Pfarrfamilie; auf ihn wird noch besonders eingegangen.

Als fünftes Kind folgte Christina Barbara, 169? geboren. Sie heiratete später den Pfarrerssohn Immanuel Briegel, der Weid- und Steuerkommissar zu Heidenheim, Herrenberg und Tübingen war. Sie starb 1726 in Tübingen.

Von der 1696 geborenen Catharina Sophia liegen keine weiteren Daten vor.

Schließlich wurde noch Konrad Maccabäus geboren. Von ihm ist bekannt, daß er später Ratsverwandter in Blaubeuren war.

Conrad Friedrich Hochstetter
Chirurg und Bürgermeister, 1689-1735

Aus der Jugendzeit des in der Oberkochener Pfarrwohnung zur Welt gekommenen Conrad Friedrich sind nicht viele Einzelheiten bekannt. Taufpaten bei seiner Taufe im November 1689 waren u.a. »der Hochwürdige Johann Friedrich Hochstetter, Doktor und Oberhofprediger in der Residenz Stuttgart (er war ein Sohn aus der zweiten Ehe des Kirchheimer Dekans und Begründer des Denkendorfer Astes der Hochstetter), Herr Johann Christoph Stierlen, Superintendent der Herrschaft Heidenheim, der großachtbare Hr. Johann Schnapper, Vicefrühprediger der Königlichen Reichsstadt Giengen und Frl. Johanna Barbara Magerlin . . . aus Königsbronn«.

Als der junge Conrad Friedrich zur Schule kommen sollte, war gerade ein neuer evangelischer Schulmeister in Oberkochen aufgezogen, über den gesagt wird: ». . . er liest gut, buchstabiert regelmäßig, schreibt übel, singt viel«. Doch war die Schulzeit für Conrad Friedrich in Oberkochen begrenzt: Als er 8 Jahre alt war, starb der Vater plötzlich 43jährig und die Witwe mußte mit ihren Kindern Oberkochen verlassen, da bereits im Todesjahr des Pfarrers 1897 ein Nachfolger den Dienst übernahm.

Die Mutter fand mit den Kindern Zuflucht in Horrheim bei Maulbronn. Dort war Pfarrer Christian Betulius mit Clara Catharina Hochstetter verheiratet. Sie - wie der verstorbene Oberkochener Pfarrer eine Enkelin des Kirchheimer Dekans und Stammvaters Conrad Hochstetter - nahm sich der vaterlosen Familie an. Über Studium und Ausbildung von Conrad Friedrich liegen keine Nachrichten vor. Aber er wurde Mediziner und ließ sich als Chirurg und Wundarzt in Horrheim nieder und bekam auch bald das Schultheißenamt übertragen. Seiner im Jahre 1716 mit Anna Magdalena Binder geschlossenen Ehe entstammte der Sohn Augustin Friedrich Hochstetter, der in die Fußstapfen seines Vaters trat und ebenfalls Chirurg und Bürgermeister in Horrheim wurde. Damit waren die Oberkochener Hochstetter über 70 Jahre Chirurgen und Bürgermeister in Horrheim.

Zum Schluß noch zwei Bemerkungen, die uns wieder nach Oberkochen zurückführen. Die berufliche Kombination »Chirurg und Schultheiß« findet sich auch in Oberkochen. Sigmund Jonathan Maier (1793-1852), der erste gesamtwürttembergische Schultheiß Oberkochens war auch Chirurg und Schultheiß. Und schließlich: Die von Pfarrer Hochstetter ausgehende Linie der Geschlechter führt wieder nach Oberkochen zurück, Nachkommen von ihm leben heute in Oberkochen.

Volkmar Schrenk

 
 
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