Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 194
 

Steinzeitlicher Hammer - ca. 5000 Jahre alt

Der 15.8.1953 war für Dr. Albrecht Fiedler, Sohn des vielen Oberkochenern noch wohlbekannten evangelischen Pfarrers Fiedler, damals ein 10-jähriger Junge, ein Tag, den er nie vergessen hat.

Aus einem Brief an Bgm. Gentsch vom 29.11.1987, gehen Einzelheiten hervor. Herr Dr. Fiedler war so freundlich, der Veröffentlichung seines Briefes zuzustimmen. Der Bezug aufs Heimatbuch ist dieser Tage besonders aktuell, da inzwischen seine Neuauflage erfolgt.

»Sehr geehrter Herr Bürgermeister Gentsch,
dieser Tage bekam ich das Heimatbuch von Oberkochen, das letztes Jahr herauskam, geschenkt. Ich gratuliere Ihnen als Herausgeber dieses schönen Werkes und den Autoren für das gelungene Buch. Ich habe schon sehr viel darin gelesen und nehme es auch jetzt immer wieder gerne zur Hand. Auch habe ich es verschiedentlich an Freunde aus dem Kochertal ausgeliehen, die mit derselben Begeisterung darin schmökerten.

Schon beim ersten Durchblättern erkannte ich auf den ersten Blick einen mir wohlvertrauten Gegenstand: Es war der auf Seite 21 oben abgebildete Steinhammer. Denn der Finder dieses Steinbeiles, der »kleine Bruder«, der auf Seite 19 des Buches erwähnt wird, das war ich. - Ich kann mich noch ganz genau erinnern wie ich im August des Jahres 1953 das Steinbeil fand. Ich war damals 10 Jahre alt. Ich sah beim Spielen mit Freunden den »glatten Stein mit Loch«. Da er sich von den umherliegenden Steinen unterschied, hob ich ihn auf und brachte ihn nach Hause.

Den weiteren Weg wissen Sie. Er ist ja auch in dem Buch beschrieben. Natürlich war mir die geschichtliche Bedeutung des Fundes in diesem Alter nicht bewußt.

Leider habe ich den Hammer seither nie mehr gesehen. Denn im Schubartmuseum kann man jetzt Fossilien betrachten. Im gegenüberliegenden Heimatmuseum sieht man Dinge aus dem bürgerlichen Leben der Stadt Aalen, im Limesmuseum sind Funde aus der Römerzeit. Gerne hätte ich das Steinbeil meinen Nichten und Neffen gezeigt. Ihnen hatte ich schon oft von dem Fund erzählt. Auch selber würde ich es gerne wieder in Natur sehen.

Vielleicht wissen Sie etwas über den derzeitigen Verbleib des Steinhammers. Sicher wäre es am schönsten, wenn er sich in der Stadt befände, wo er auch gefunden wurde, nämlich in Oberkochen.

Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Albrecht Fiedler«

Anläßlich eines Telefongesprächs am 5.6.1993 erinnerte sich Dr. Fiedler an weitere interessante Details zu seinem für Oberkochens Vorgeschichte bedeutsamen Fund. Der Kanalisationsgraben in der Aalener Straße vor Haus 24 (siehe Lageplan) ist seinerzeit noch von Hand mit Pickel und Schaufel bis in eine Tiefe von 3 Meter ausgehoben worden. Das Fundstück war von den Arbeitern unbemerkt ans Tageslicht befördert worden. Über eine ältere Schwester des Finders, Friederike, gelangte der ca. 5000 Jahre alten steinzeitliche Fund an Herrn OStD Dr. Keller von der Schubart-Oberschule Aalen, der den Hammer über Forstmeister Koch ans Landratsamt für Denkmalpflege nach Stuttgart weiterleitete, wo er ein halbes Jahr später, am 1.2.1954, aktenkundig wurde. (Dr. Zürn). Der praktisch unbeschädigte Hammer wird mit 12,3 cm Länge, an der dicksten Stelle mit 5,1 cm Stärke, und das Bohrloch mit einem Durchmesser von 2,9 cm angegeben. Das Gestein wird als »granitartig« bezeichnet.

Die Mutter von Dr. Fiedler erinnerte sich am Telefon lapidar: »Das Beil wurde ihm seinerzeit weggenommen und er hat es nie wieder gesehen.«

Das »Beil« ist, genau genommen, kein Beil sondern ein Hammer. Durch die verhältnismäßig kräftige Bohrung erscheint er in der Funktion geschwächt - nicht auszuschließen ist, daß er evtl. zu kultischen Handlungen verwendet wurde. Da so lange Zeit verstrich, bis »jemand Offizielles« von dem Fund erfuhr, war der Kanalisationsgraben natürlich schon längst wieder zugeschüttet, so daß bis heute nicht untersucht wurde, ob sich in der Gegend des Fundes möglicherweise noch andere steinzeitliche Spuren befinden.

Der Hammer kam zwar nach Aalen zurück und landete im Schubartmuseum; dieses entwickelte sich im Lauf der Jahrzehnte zu einem reinen geologischen Museum, so daß der Oberkochener Hammer bald ein wohlbehütetes Schubladendasein führte.

Wir sind Herrn Dr. Fiedler dankbar für seine bereitwilligen Auskünfte und für die Zurverfügungstellung seiner Originaldokumente aus dem Jahr 1953.

Schwäbische Post vom 5.3.1954
Ein Hammerkopf aus der jüngeren Steinzeit
Interessanter Fund bei Straßenbauarbeiten in Oberkochen

Oberkochen. Spielende Schulkinder fanden bei Grabungen, die im Zuge der Erweiterung des Bürgersteiges in der Aalener Straße beim Haus des Landwirtes Xaver Weber erforderlich waren, einen gut erhaltenen Hammerkopf aus vorgeschichtlicher Zeit.

Diesem Fund wurde zunächst wenig Bedeutung zugemessen, so daß leider auch die Fundstelle - ein Loch bei der Ableitung einer Dachrinne - bald wieder eingeebnet worden ist. Einige Zeit später setzten die Eltern des jugendlichen Finders den Direktor des Aalener Schubertgymnasiums Dr. Keller von der gemachten Entdeckung in Kenntnis, der sich zur näheren Untersuchung des mit einer glattgerundeten Öffnung für den Hammerstiel versehenen Steinkopfes (der an der Spitze leicht abgesplittert ist) an das Amt für Naturschutz und Denkmalspflege in Stuttgart wandte.

Vom Amt für Naturschutz und Denkmalspflege, das sogleich eine Aufnahme von dem seltenen Fundstück herstellen ließ, wurde dieser steinerne Hammerkopf, der in seiner Form vielleicht auch als Beil gedient haben mag, als Werkzeug vermutlich aus dem letzten Abschnitt der jüngeren Steinzeit identifiziert. Es wird als besonders gut erhaltenes und schönes Stück aus dieser Zeit, wie man es bis heute nur wenig in unserem Land gefunden hat, bezeichnet.

Sofern der private Finder nicht auf den Besitz des wertvollen Gegenstandes besteht, wäre er durchaus geeignet, einer Schulsammlung oder einem Heimatmuseum zu treuen Händen übergeben zu werden. rb.

Heimatverein führt in seinem Gründungsprogramm unter Punkt 9 aus: »Bemühung um Rückführung der archäologischen Funde nach Oberkochen«. Der Vorsitzende ist seit vielen Jahren um derlei Funde bemüht, selbstverständlich auch um den nach Aalen abgewanderten Fund von 1953. Am 8.2.1988 war von Archivar Bauer, Stadt Aalen, in Erfahrung zu bringen, daß es schwer sei, den Hammer zu finden, und vor allem, zu beweisen, daß es sich bei dem Hammer auch um »unseren« handle. Immerhin wurde angedeutet, daß, falls es schlüssig gelinge, zu belegen, welches der Oberkochener Hammer sei, dieser möglicherweise nach Oberkochen zurückgegeben werde. Über das Landesdenkmalamt war es nicht schwierig, die notwendigen Unterlagen zu beschaffen und mit der entsprechenden Bitte nach Aalen weiterzuleiten. Die endgültige schriftliche Zusage erhielt der Vorsitzende von OB Pfeiffle mit Schreiben vom 19.10.1992. Das Schreiben lautet:

»... auf Ihre Anfrage teile ich Ihnen mit, daß wir gerne bereit sind, den bandkeramischen Hammer, der im Jahre 1953 in Oberkochen gefunden wurde, zurückzugeben. Wir werden das historische Stück anläßlich der Einweihung Ihres Museums offiziell der Stadt Oberkochen übergeben.
Mit freundlichen Grüßen,
Pfeifle, Oberbürgermeister«

Die Zeit der »Bandkeramik« wird dem ältesten Zeitabschnitt der Jungsteinzeit, dem sogenannten Altneolithikum, zugerechnet, der ungefähr von 4000 bis um 2500 vor Christus dauerte. Die Epoche erhielt ihren Namen nach den aus dieser Zeit stammenden mit abstrakten Bändermustern verzierten keramischen Gefäßen. Es gab in Europa zu dieser Zeit schon Dörfer mit Langhäusern, man hielt bereits Haustiere wie Rind, Schaf, Ziege, Schwein und Hund und es gab Getreideanbau. Deshalb können auf Oberkochens Ackern und Fluren jederzeit weitere steinzeitliche Werkzeuge gefunden werden, wie der Fund des Steinbeils in der Flur »Strick« im Jahre 1968 durch Dr. Weidmann beweist. Über dieses Beil werden wir demnächst berichten.

Der Hammer stellt keinen großen sächlichen Wert, dagegen einen hohen ortsgeschichtlichen Wert dar, beweist der doch zumindest die Anwesenheit des Menschen vor 5 Jahrtausenden hier auf unserer Oberkochener Flur. Wir sind Herrn OB Pfeifle und der Stadt Aalen aus diesem Grund sehr dankbar für die Zusage, daß wir »unseren« Hammer nach nun exakt 40 Jahren wieder zurückbekommen. Der HVO hat sich dahingehend festgelegt, daß er das Museum im Schillerhaus übers Jahr nach derzeit noch nicht erfolgter Freigabe der von der Stadt gerichteten Räumlichkeiten an den HVO eröffnen können wird.

Dietrich Bantel

 
 
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