Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 193
 

Bilder aus der Geschichte und dem Leben der evangelischen Diöcese Aalen

Herr Dr. Kämmerer machte auf das Büchlein »Bilder aus der Geschichte und dem Leben der evangelischen Diöcese Aalen« aus dem Jahre 1912 aufmerksam. Wir veröffentlichen den dort über Oberkochen enthaltenen Abschnitt im Originalwortlaut:

1. Oberkochen
Zwei Drittel des ansehlichen Dorfs, in dessen Nähe der Schwarze Kocher unter schattigen Buchen entspringt, hatte die Propstei Ellwangen, das dritte Drittel das nahe Kloster Königsbronn erworben. Die Vogtei Königsbronn kam unter Herzog Ulrich 1536 bleibend an Württemberg. Gemäß seinem Entschluß, »das heilige Evangelium mit Zucht, Gelindigkeit und rechter Gottesfurcht lauter und rein verkündigen zu lassen,« führte Herzog Christoph, sobald der Passauer Vertrag, der dem Schmalkaldischen Krieg vorläufig ein Ende machte, es ihm ermöglichte, seit 1553 in Königsbronn und gleichzeitig in den mit dem Kloster kirchlich verbundenen Orten Oberkochen, Heubach und Oberböbingen die Reformation ein. Die schlechte Aufführung des Klosterabts gab ihm dazu den äußeren Anlaß. Der Herzog setzte ihn ab und setzte für denselben einen evangelischen Abt ein, evangelische Lehre und Zucht aufzurichten. Als Hintersaßen des Klosters sollten die württembergischen Untertanen Oberkochens zur Kirche nach Königsbronn gehen. Weil aber der fast 1½ Stunden weite Weg ihnen zu beschwerlich wurde, errichtete Herzog Ludwig 1583 eine selbständige Pfarrei und ließ auf Kosten des reichen Klosters als Kirche ein gewöhnliches Haus mit einem gottesdienstlichen Raum im untern und einer Pfarrwohnung im oberen Stock und einem aufgesetzten Kirchentürmlein bauen.

So schlicht der Bau war, wurde er doch von den katholisch gebliebenen Ellwanger Untertanen des Dorfs, die nach Unterkochen in die Kirche gehen mußten, viel angefochten. Der erste Pfarrer an dem Kirchlein war M. Ulrich Nikolai von Schorndorf, der 15 Jahre im Segen wirkte und gleichwie seine nächsten Nachfolger zugleich das Schulamt versah. Es wurde den Angehörigen beider Kirchen an diesem kleinen Ort unter zweierlei Obrigkeiten besonders schwer, sich aneinander zu gewöhnen, bis die großen Drangsale des dreißigjährigen Kriegs (1618-1648) kamen. Die kleine Herde wurde hindurch gerettet; das bezeugen die Kirchenbücher, die 1643 neu beginnen. Den fortwährenden bürgerlichen und kirchlichen Streitigkeiten sollte endlich 1749 ein Vertrag zwischen dem Herzoglichen Haus u. der fürstlichen Propstei Ellwangen im Sinn gegenseitiger Duldung Einhalt tun. Auf Grund des westfälischen Friedens wurde nämlich jedem Einwohner vollkommene Freiheit in allen gottesdienstlichen Uebungen eingeräumt, aber den Geistlichen beider Konfessionen untersagt, im Chorrock über die Gasse zu gehen, auch nicht bei Prozessionen, um gegenseitige Kränkungen zu verhüten.

Am 18. August 1768 traf die Gemeinde unmittelbar vor der Ernte ein außerordentlich schrecklicher Hagelschlag, durch den sogar Menschen und Vieh ums Leben kamen, was den Dekan Christlieb von Heidenheim, »dessen Seele schon der Ewigkeit nahestand«, zu einem ebenso ernsten als unsichtigen Trost-, Mahn- und Warnungsschreiben veranlaßte.

Ungeachtet jenes Vertrags kam es zu neuen Streitigkeiten und 1790 zu einer unglaublich heftigen Fehde wegen des »Wiesenherrgotts«, eines tönernen Bildes vom gegeißelten Christus, das in den Ruf der Wundertätigkeit gekommen war und in einer Nacht plötzlich geraubt wurde. Der Verdacht fiel auf die Evangelischen; darüber entstanden die heftigsten Streitigkeiten, denen der ev. Pfarrer Eidenbenz mit Besonnenheit und Sanftmut wehrte. Es war umsonst, daß beide Herrschaften abmahnten, bis endlich der Täter in einem Katholiken der Nachbarschaft entdeckt wurde. »Mit dem Argwohn ißt der Teufel zusammen«.

Nachdem seit 1802 die politische Zweiteilung aufgehört hatte, kam es auch in konfessioneller Hinsicht zu besserer Einigkeit, doch so, »daß die an Zahl stetig abnehmende evang. Gemeinde stets nur dasjenige Maß von Achtung und Anerkennung findet, das sie selbst sich erwirbt.« Auf eigene Kosten baute sie sich 1862 ein eigenes Schulhaus; 1875 aber bekam sie mitten in einem Garten ein schönes Pfarrhaus und eine neue würdige Kirche, die auf den Grundmauern der alten vom Staat erbaut wurde, und zu deren innerem Schmuck der Gustav-Adolf-Verein reichlich beitrug. Erster Pfarrer an der neuen Kirche war Reinh. Lechler. Davon, daß auf evangelischem Glaubensgrund der Fleiß zu Liebes-Werken erwächst und »der Glaube immer im Tun ist«, zeugt, daß die nicht reiche Gemeinde neben den Opfern für eigene Zwecke jährlich an 13-15 Sonn- und Festtagen für auswärtige Reichgotteszwecke opfert und für den Gustav-Adolf-Verein und die Heidenmission zugleich jährlich sechsmal eine Hauskollekte hält. Auch ist hier der Pfarrerssohn Christ. Hornberger geboren (24.10.1831 bis 1881), welcher in Westafrika ein ebenso tüchtiger Missionar, wie Forschungsreisender wurde.

Abbildungen:
Abb. 1: Das im Text genannte evangelische Pfarrhaus von 1875, im Vordergrund Pfarrer Wider mit Schulkindern (aus »400 Jahre Ev. Kirchengemeinde Oberkochen«)
Abb. 2: Ausschreibung der Bauarbeiten für Kirche und Pfarrhaus vom Jahre 1874 aus der Aalener »Kocher-Zeitung«

Zu den Abbildungen:
Christhard Schrenk beschreibt in der Festschrift »400 Jahre evangelische Kirchengemeinde« die Situation vor 1875 so: ». . Trotz langjähriger Renovierungsanstrengungen war der Kirchenraum feucht und ungesund, da er sechs Stufen unter dem Straßenniveau lag . . . und die Pfarrwohnung war beschränkt und unfreundlich. Langsam reifte der Entschluß, die Kirche grundlegend zu erneuern. Man riß sie ab und errichtete auf den alten Grundmauern eine neue Kirche . . . Gleichzeitig entstand im bisherigen Gemüse- und Grasgarten ein neues Pfarrhaus.«

Der Kostenvoranschlag verzeichnete rd. 8500 Gulden (fl.) für das Pfarrhaus und rd. 7850 Gulden für die Kirche. Die Kosten teilten sich der im Text genannte Gustav-Adolf-Verein, der Staat und die Oberkochener Kirchengemeinde, die ein Viertel des Betrags beisteuern mußte, für eine (wie sie der Text nennt) »nicht reiche Gemeinde« war dies ein großer Brocken.

Nach 1972 stand das neue Pfarrhaus an der Blumenstraße zur Verfügung. Nach heftigen Debatten im Kirchengemeinderat fiel das alte Pfarrhaus schließlich der Spitzhacke zum Opfer. (Weitere Einzelheiten zum alten evangelischen Pfarrhaus enthält der HVO-Bericht Nr. 26.)

Das im Text angeführte Schulhaus ist das Haus Aalener Straße 19, das als »Schiller-Haus« künftig eine Begegnungsstätte und das Oberkochener Heimatmuseum beherbergen wird.

Volkmar Schrenk

 
 
Übersicht

[Home]