Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 187
 

Artesischer Brunnen für Oberkochen?

Über Brunnen und Wasserleitungen aus früherer Zeit wurde schon verschiedentlich berichtet (Berichte Nr. 108, 118, 122). Das Stichwort »Artesischer Brunnen« ist jedoch dabei noch nicht aufgetaucht. Bei den Projekttagen 1991 am Gymnasium Oberkochen ist aber die Projektgruppe »Heimatforschung« darauf gestoßen; darüber soll nun berichtet werden.

Bekanntlich kommt ein artesischer Brunnen dann zustande, wenn zwischen zwei muldenförmig gelagerten wasserundurchlässigen Schichten an der tiefsten Stelle Grundwasser erschlossen wird. Da die tektonischen Voraussetzungen hierfür insbesondere in der französischen Grafschaft Artois günstig sind, wurden solche Brunnen nicht nur zuerst dort angelegt, sondern die Landschaft gab auch den Namen für diese Art von Brunnen ab.

Antrag auf Wasseranschluß
Im Jahre 1836 hatte man in Oberkochen eine Reihe von »selbstlaufenden Brunnen« eingerichtet, die über hölzerne Wasserleitungen (Deichel) aus der Luggenlohquelle gespeist wurden. (Vergl. Bericht Nr. 122).

Hafnermeister Anton Hug hatte im Jahr 1893 in einer schriftlichen Eingabe um die Erlaubnis nachgesucht, »an die Gemeindewasserleitung einen Anschluß für eine Hauswasserleitung herstellen zu dürfen«. Dabei hob er darauf ab, daß Bierbrauer Schellmann in letzter Zeit auch einen Anschluß »aus der Leitung, der er anwohnt«, erhalten hatte, - und was den Bierbrauern recht war, sollte doch auch für das in Oberkochen führende Hafnerhandwerk billig sein.

Noch ein anderes Wasserproblem stand an. Nachdem die Gemeindewasserleitung Brunnen im Katzenbach, in der Langgaß (Heidenheimer Straße) und Kirchgaß (Aalener Straße) bis zur Mühlstraße hin mit Wasser belieferte, wollten die Anwohner des Jägergäßle auch eine eigene Wasserleitung haben. Diese Forderung hatten sie schon öfter erhoben. Beide Anträge, der von Hafner Hug und die Bitte aus dem Jägergäßle, standen nun am 10. Oktober 1893 auf der Tagesordnung des Oberkochener Gemeinderats, - und, um es vorweg zu nehmen, beide wurden negativ beschieden.

Bier Vorrang vor Hafnerei?
Die Oberkochener Ratsherren entschieden »nach stattgehabter Beratung, dem Gesuch des Hafners Hug nicht zu entsprechen, weil man nicht allgemein die Herstellung von Hauswasserleitungen gestatten kann, wenn nicht die öffentlichen Brunnen im Ort darunter leiden sollten«. Da dem Rat eine solche Ungleichbehandlung nun doch nicht so recht war, rang man sich zur Erklärung durch, Bierbrauereibesitzer Schellmann habe den Wasseranschluß nur ausnahmsweise deshalb erhalten, »weil die anderen Bierbrauer hier bereits Wasser aus der Gemeindewasserleitung erhielten«, womit dem Gleichheitsgrundsatz wenigstens auf der Ebene der Bierbrauer gehuldigt war, was man für gerechtfertigt hielt, denn schließlich benötigt man zur Bierbrauerei mehr Wasser als für die Hafnerei.

Ausweg: Artesischer Brunnen?
Nach so viel anstrengender Diskussion und Argumentation stand nun noch das Problem »Wasserleitung im Jägergäßle« im Raum. Da hatte einer der Räte die zündende Idee, den Oberkochener Wasserhaushalt durch einen artesischen Brunnen aufzumöbeln, einen Brunnen, dessen Wasser wegen der Tallage Oberkochens mit großer Kraft sprudeln würde.

Gesagt, getan! Nein, so einfach ging dies auch schon vor hundert Jahren nicht. Die Sache mußte gründlich von Experten geprüft werden. Dies kostete zwar auch einen Batzen Geld, aber die Ungeduld der Einwohner konnte so auf schickliche Art besänftigt werden. Deshalb beschloß der Gemeinderat:

»1. unter den obwaltenden Umständen die Brunnenleitung in die Jägergasse vorerst nicht herstellen zu lassen.

 2. den Ortsvorsteher zu beauftragen, bei Firma Konrad Gsell in Stuttgart darüber Anfrage zu halten, ob in der Jägergasse an derjenigen Stelle, wo hätte der Verteilbrunnen gebaut werden sollen, nicht ein artesischer Brunnen könnte erstellt werden, um dem Wunsche der dortigen Bewohner einigermaßen entgegenkommen zu können«.

Wie wir wissen, war die Idee eines artesischen Brunnens in Oberkochen aus tektonischen Gründen eine Illusion, - und so ist und bleibt unser Ort um eine Attraktion ärmer, nämlich die, einen artesischen Brunnen sein eigen nennen zu können.

Zur Abbildung:
Schema eines Artesischen Brunnens am Beispiel des über 500 Meter in die Tiefe reichenden Brunnens von La Grenelle bei Paris.

Wesentlich für das Funktionieren von Artesischen Brunnen ist folgendes:

  1. Die geologischen Schichten lagern schlüsselförmig ineinander.
  2. Zwischen zwei wasserundurchlässigen Schichten (1 bis 3 und 5 in der Zeichnung) liegt als Grundwasserkörper eine wasserdurchlässige (meist sandige) Schicht (4).
  3. Der Grundwasserkörper tritt am Beckenrand in einem Höhenniveau an die Erdoberfläche, das deutlich über dem des Beckeninneren liegt. Regenwasser, das bei (4) in der Erde versickert, sammelt sich in den tief liegenden Bereichen des Grundwasserkörpers und kann von dort durch natürliche Verwerfungsspalten oder eigens dazu gebohrten sog. Artesischen Brunnen zutage treten.

Volkmar Schrenk

 
 
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