Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 180
 

Karl Joseph Gold (1886 - 1974) - Teil 2
Der »Ziegenpater«

Wir beginnen den zweiten Teil unseres Berichts über den brasilianischen »Ziegenpater« aus Oberkochen, Karl Joseph Gold, genannt Pater Stanislau José, mit der Beschreibung eines Fotos aus dem Jahr 1957, das den Pater im Alter von 71 Jahren zeigt. Der in den Unterlagen von Kuno Gold abgeheftete spanische Begleittext lautet auf deutsch:

»Bruder Stanislau José (Karl Joseph Gold) beim Aufmarsch während der Woche des Vaterlands im September 1957 beim Festzug in seinem allegorischen Wagen anläßlich des Jugendaufmarsches der Industrieschule Hugo Talor. An der Windschutzscheibe ist die Aufschrift »Padre des Cabras«, auf deutsch »Ziegenpater« angebracht, am Kühler befindet sich die Aufschrift »Abteilung Volksernährung«. Über dem hinteren Rad ist neben dem Autositz eine Aufschrift »Padre de Soja« (Sojapater) erkennbar. Das war ein Triumphzug, nach der Art, wie es der Bruder Stanislau gern hatte.«

Karl Gold besuchte seine Heimat insgesamt 5 mal, das erste Mal nach 21 Jahren Abwesenheit im Jahre 1927, dann 1933, 1945, 1961 und zuletzt 1970 im Alter von 84 Jahren. Die Verwandten holten ihn damals in Ulm auf dem Bahnhof ab, und Frau Hilde Wingert erinnert sich, daß der Pater aus dem Zug ausstieg und rief »S'Josefle kommt«. Auf der einen Seite wird er als humorvoll und durchaus umgänglich beschrieben, auf der anderen, so erinnert sich Frau Löffler, traute man sich als Kind nicht so richtig an ihn heran, weil er etwas Unnahbares an sich hatte. Sie hätte ihn als Kind gerne so viel gefragt, aber sie traute sich's nicht. Durch seinen Umgang mit so vielen Menschen und durch seine Erfahrungen wie Menschen in Elend und Armut leben, war er sehr sicher in der Einschätzung des Menschlichen. Anläßlich seines letzten Besuchs in Oberkochen, 1970, so erinnert sich Frau Wingert, urteilte er über das von ihm vorgefundene Deutschland: »Alles schön, die Straßen schön, die Häuser schön, die Gärten schön, - aber in den Herzen, da sieht's gar nicht schön aus.«

Ein weiteres Foto, das wir von der Nichte des Paters, Frau Greter (Erbach) erhalten haben, zeigt, wie Pater Stanislau es verstand, die Jugend für seine Sache und im Grunde genommen für ihre Sache zu gewinnen und begeistern. Der von ihm handschriftlich auf die Rückseite des Fotos geschriebene Text zu diesem Foto lautet: »Wir besitzen über 90 kleine Eisenbahnerschulen. Die Schuljugend an der Arbeit. Das Kooperationssystem muß schon den Kleinen beigebracht werden«.

Nach rund 50 Jahren intensivster Arbeit in Brasilien hinderten ihn während der letzten Jahre die Folgen eines Unfalls daran, sein Werk noch weiterhin persönlich zu betreuen. Nach der Genesung konnte er nicht mehr an seine frühere Arbeit gehen und zog sich in das Maristen-Altersheim in Santa Maria zurück.

Er starb fast 88jährig am 20.8.1974 in Santa Maria an Altersschwäche. 67 Jahre hatte er in Brasilien im Dienste der Nächsten gewirkt. 72 Jahre hatte er als Maristenschulbruder gelebt, 67 Jahre davon in Brasilien. Vom 2.9.1932 bis zum 29.7.1967 diente er den Eisenbahnerfamilien im Staat Rio Grande do Sul in Südbrasilien. Er sprach 5 Sprachen, - Deutsch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch und später auch noch Englisch.

In einem Nachruf wird sein »froher, schwäbischer Charakter, seine gewinnende Freundlichkeit und sein weit-gespanntes Interesse beschrieben, und es wird gesagt, daß er überall ein gern gesehener Gast war.

Die Verwandten in Deutschland wurden durch einen ausführlichen Brief des Provinzialats von Santa Maria über den Tod und die Bestattung des Bruders Stanislau verständigt; der Brief trägt das Datum vom 27.8.1974.

Am 15. August 1982 wurde in Santa Maria ein Denkmal zu Ehren des Bruders Stanislau eingeweiht, das eine »gerechte Huldigung und Ehrung des Regierungsbezirks der Stadt Santa Maria und der Eisenbahner des südbrasilianischen Staats Rio Grande do Sul« darstellt. Es steht am Ende der Hauptstraße Avenida Rio Branco, nahe der Eisenbahnstation. Aus Anlaß der Einweihung des Denkmals wurden mehrere Reden von Persönlichkeiten von Kirche, Staat und Eisenbahn gehalten. Die Eisenbahner verehrten Pater Stanislau wie einen Vater. Jährlich schrieben sich über 4000 Schüler in die von ihm gegründeten Schulen ein, die meisten waren von den Familien der Eisenbahner.

Die Bronzetafel, auf einem großen Felsblock befestigt, zeigt den Pater mit Kindern sowie einer Ziege auf einem Eisenbahngeleise stehend. Der Text lautet schlicht:

Bruder Estanislau
Ziegenpater
9.11.1866 - 20.8.1974

So hat Oberkochen in Karl Joseph Gold und Christian Hornberger, über den wir im Neuen Jahr berichten werden, 2 bedeutende Geistliche, den einen in Südamerika, den anderen in Afrika, die Bahnbrechendes im Einsatz in der heute so genannten Entwicklungshilfe geleistet haben.

Quellen:
Berichte, Schriften, Fotos von Verwandten des Paters, - Frau Ruth Gold, Frau Monika Löffler, Frau Hilde Wingert, Frau Irene Schoch, Frau Elisabeth Greter (Erbach). Unterlagen aus dem Familienordner »Onkel Stanislau« von Kuno Gold. Ferner Schriften aus dem Archiv des Provinzialats der Maristenbrüder in Fürth bei Landshut und ein Nachruf in einer brasilianischen Zeitung.

Weitere Dokumente zum Leben von Pater Stanislau werden derzeit zusammengetragen.

Abschließend eine Begebenheit aus dem Leben des Paters, die sich bei einem seiner Heimatbesuche abspielte. Pater Stanislau wohnte bei Verwandten, die sich seiner, aus ihrer Sicht, absolut unwürdigen Schuhe erbarmten. Sie waren mit profiliertem Gummi von alten Motorradreifen besohlt. Man wollte dem Pater mit einer Liebestat überraschen und ließ ihm die Schuhe mit einer anständigen Ledersohle belegen. Als der Pater die Bescherung sah, war er grenzenlos betrübt, daß man ihn seiner so bequemen, griffigen und robusten Motorradreifensohlen beraubt hatte.

Dietrich Bantel

 
 
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