Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 179
 

Karl Joseph Gold (1886 - 1974) - Teil 1
Maristenbruder Irmao Estanislau José, — Brasilien genannt »Ziegenpater«

Die Ordensgemeinschaft der Maristen wurde 1817 in Südfrankreich gegründet mit dem Ziel, Jugendlichen ohne Schulbildung weiterzuhelfen und ihnen religiösen Halt zu geben. Erst 1913 wurde dem Orden die Genehmigung erteilt, sich in Deutschland (Recklinghausen) zu etablieren. Dort und in Fürth bei Landshut befinden sich Maristenschulen, aus denen vor allem deutsche Maristenschulbrüder hervorgehen. Vor 1913 konnten die Brüder ihre Ausbildung nur im Ausland erhalten, wie zum Beispiel in Arlon (Belgien). Der Ordensname bezieht sich auf Maria.

Sand gibt es am Meer wie Gold in Oberkochen. Um die vielen Golds voneinander zu unterscheiden gab man ihnen »Hausnamen«. Karl Joseph Gold stammt aus dem Geschlecht der »Ziegler«. Sein Vater war der Ziegler Michael Gold (siehe unser Bericht 103 vom 16.2.1990 - »Ziegelhütte Oberkochen«), seine Mutter Katharina eine geborene Brandstetter. Karl Joseph Gold wurde am 9.11.1886 im Haus Langgasse 184 (heute Heidenheimer Straße 57) geboren. Vor dem Eintritt ins Noviziat besuchte er die Volksschule in Oberkochen. Ein 1899 in Oberkochen weilender Maristenbruder konnte den damals 13-jährigen Karl Joseph (meist nur Joseph genannt) und 2 weitere Oberkochener Buben für den Eintritt in die Klosterschule der Maristen in Arlon/Belgien begeistern. Aus Aufzeichnungen unseres verstorbenen Mitglieds Kuno Gold, die uns seine Gemahlin zum Studium überließ, ist zu entnehmen, daß der alte Ziegler damals zu seinem Sohn sagte: »Du kascht ganga, aber wannd gascht, nao bleib.« Der Vater war sehr streng gewesen, und hatte nach der Devise »ora et labora« (bete und arbeite) gelebt, und diese Lebenshaltung auf die 4 Kinder übertragen, wie Frau Greter, Erbach, eine Nichte des späteren Paters berichtet.

Bereits als 19-Jähriger ging der junge geistliche Schulmann nach Brasilien.

Schon nach kurzer Zeit entwickelte er den Gedanken, daß seine Tätigkeit nicht allein auf Santa Maria begrenzt bleiben dürfe und entschloß sich, den Bahnstrecken entlang Schulen für die Kinder seiner »ferroviarios«, seiner Eisenbahner, zu gründen. Im Lauf der Jahre entstanden so 95 einfache Volksschulen, deren Lehrer und vor allem Lehrerinnen in Santa Maria ausgebildet wurden. So entstand entlang der großen Eisenbahnlinien eine Kette solcher Schulen, die von F. Stanislau ständig besucht wurden. Viele Nächte verbrachte er wartend auf den Wartebänken kleiner Bahnhöfe, bis wieder ein Personen- oder Güterzug einlief, um dann bis zur nächsten Station mitzufahren. Frau Löffler, eine Nichte, die im Oberkochener Stammhaus des Paters wohnt, weiß aus Erzählungen, daß ihr Onkel oft auch per »Eisenbahnstop« reiste, ein nicht ungefährliches Unterfangen. Aber jeder Lokomotivführer kannte ihn, und er ist immer mitgenommen worden. Später machte er seine Schulbesuche und Dienstreisen auf eine fast noch ungewöhnlichere Art: Er reiste mit einer eigenen Draisine.

Man denkt, wenn man das Foto betrachtet, unwillkürlich an Don Camillo und Pepone, - hier aber handelt es sich nicht um eine filmische Inszenierung sondern um die reine Wahrheit.

Da Pater Stanislau auf diese Weise ständig in Kontakt mit seinen Eisenbahnern war, konnte er sehr bald feststellen, daß diese unter miserablen Umständen zu leben hatten. Ein weiteres Ziel, das er hartnäckig verfolgte, war, daß die Bahnarbeiter, die Streckenwärter und so weiter einen kleinen Garten und eine Ziege hätten, damit gesündere Nahrung und besonders Milch für die Kinder vorhanden wäre. Wegen dieses neuartigen Unternehmens, das als Vorläufer der modernen Entwicklungshilfe betrachtet werden kann, erhielt er von der Bevölkerung den Namen »Padre das cabras«, »Ziegenpater«. Er wußte gut, daß man zuerst für den Leib, für eine gesunde Nahrung dieser Leute sorgen mußte, wenn man ihnen auch religiös näher kommen wollte. Und so richtete er eine eigene Ziegenzucht ein. Die Ziegen nannte man, wie Frau Ruth Gold erzählte, »Eisenbahnerkühe«. Richtige Kühe waren zu teuer, und auch für das Land wohl ungeeignet. Einer versuchsweise importierten Kuh aus der Schweiz ist das brasilianische Klima gar nicht gut bekommen, so daß sie ziemlich schnell einging.

Zu all dieser Aufbauarbeit kamen mit der Zeit noch die von ihm gegründeten Abendschulen hinzu, in denen er Erwachsene, die noch nicht des Lesens und Schreibens kundig waren, unterrichten ließ. Damit verbunden war der Aufbau von guten Bibliotheken.

Das Abschiedsfoto aus dem Jahr 1906 zeigt den jungen Maristenbruder (Bildmitte) im Kreis der Familie, die heute auch den Hausnamen »s'Hugoles« hat, nach Josephs Bruder Hugo, der die Landwirtschaft übernahm. Sein Reiseziel in Brasilien war Santa Maria im südlichen Teil des Staats Rio Grande do Sul. Bis 1930 gab er dort Unterricht an verschiedenen Schulen. Ab 1930 wurde ihm ein neues Arbeitsfeld übertragen, dem er sich mit allen Kräften widmete: Die schulische Erziehung der Kinder der Bahnangestellten.

Zuerst gründete er in Santa Maria die »Escola de Artes e Officios« (Technische Berufsausbildungsschule mit Internat). Während vieler Jahre erhielten hier die Söhne der Bahnangestellten eine gute religiöse und berufliche Ausbildung. An der Spitze dieser nicht leichten Aufgabe stand Joseph Gold, der inzwischen den brasilianischen Namen Frater (auch Pater) Estanislau José angenommen hatte. Er verbesserte die von ihm geschaffene Institution ständig und kein Gang war ihm zuviel, wenn es um die Interessen seiner Schützlinge ging.

Ein weiteres Foto zeigt Pater Stanislau, den »Ziegenpater« inmitten seiner Ziegen, - eines von vielen Fotos dieser Art.

Dietrich Bantel

 
 
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