Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 168
 

Hugo Laißle und die Obere Mühle - Teil 2
Gründung einer OHG

Im November 1892 nahm Laißle eine Änderung im Rechtsstatus seiner Firma vor. Die »Hugo Laißle Präzizionszieherei und Spezialfabrikation von Transmissionen« wurde vom Amtsgericht als erloschen erklärt. An ihre Stelle trat eine »offene Handelsgesellschaft zum gemeinschaftlichen Betrieb einer Maschinenfabrikation. Gesellschafter, deren jeder für sich zeichnungsberechtigt ist, sind: 1) Hugo Laißle, Fabrikant in Oberkochen, 2) Julius Kaufmann, Kaufmann in Nottingham in England«.

Weltausstellung in Chicago
Im Jahre 1893 fand in Chicago eine Weltausstellung statt. Aus Ostwürttemberg waren dort vertreten: Kassenschrankfabrik Ostertag aus Aalen, Verbandstoffabrik Hartmann aus Heidenheim, Fingerhutfabrik Sörgel und Sollmayer aus Schw. Gmünd, Firma Steiff aus Giengen und Hugo Laißle, Maschinenfabrik in Oberkochen und Reutlingen. Und somit konnte Oberkochen damals schon eine Weltfirma sein eigen nennen.

Politische Betätigung
Hugo Laißle war nicht nur Geschäftsmann, er engagierte sich auch politisch, stand aber weder auf Seiten der in Oberkochen sehr starken Zentrumspartei, noch hielt er es mit der in Aalen einflußreichen Sozialdemokratie. Sein Herz schlug für die »Freisinnige Volkspartei«, bei der er im Jahre 1893 das Amt des Schriftführers übernahm.

Im Vorfeld des Wahlkampfes zur Landtagswahl des Jahres 1894 ist von einer harten Diskussion berichtet, die Laißle mit dem sozialdemokratischen Kandidaten Agster hatte. Er hörte sich zunächst die Argumentation Angsters an »und bedauerte, daß dieser nicht der Volksparatei angehöre, denn in manchen Punkten habe er ihm aus dem Herzen gesprochen. Jedoch habe er der Volkspartei Unrecht getan, denn sie bemühe sich, für das Wohl des Volkes zu arbeiten ... Er könne den Zukunftsträumen Angsters nicht folgen, denn dieser verspreche den Leuten Sorglosigkeit, und das sei nicht gut«. Dagegen protestierte Agster heftig, was Laißle seinerseits nicht gelten ließ und nochmals mit Vehemenz die Position seiner Partei vertrat, was allerdings insgesamt nicht viel bewirkte: Seine Partei landete mit 10 % Stimmenanteil im Oberamt Aalen auf der letzten Position.

Das Ende
Der »Offenen Handelsgesellschaft« Laißle-Kaufmann war keine lange Dauer beschieden. Bereits nach einem Jahr stieg der »Engländer« aus und die Gesellschaft galt »als durch Übereinkunft erloschen«. Hugo Laißle, »Fabrikant in Oberkochen, Inhaber einer Maschinenfabrik«, führte ab 21. November 1893 die Firma als »Hugo Laißle & Co., Hauptniederlassung Oberkochen« allein weiter, was aber die Talfahrt des Unternehmens nicht aufhalten konnte.

Im Dezember des Jahres 1894 gab Laißle seine Oberkochener Wohnung auf, meldete sich als Oberkochener Bürger ab und zog nach Cannstatt in die Heimat seiner Frau. Gerichtsvollzieher Knödler aus Aalen beraumte auf den 8. Dezember 1894 »im Auftrag des Herrn Hugo Laißle eine Fahrnisversteigerung aus freier Hand und gegen Barzahlung an«. Zum Verkauf standen u. a. »Chaisen und Schlitten mit Geschirren, Pritschen- und Leiterwagen, je 30 Ztr. Heu und Stroh, ein Bücherschrank, zwei Betten, Tische, Stühle und viele Truhen, Säcke und eine neue Mosterei«.

Das endgültige Aus kam am 28. Februar 1895: »Der bisherige Geschäftsinhaber Hugo Laißle, Ingenieur, übergibt die Fortführung der seitherigen Firma Gottlieb Günther, Ingenieur in Oberkochen, Inhaber einer Präzisionszieherei«. Weiter wird vereinbart, »das Nachfolgeverhältnis im Namen der neuen Firma durch einen Zusatz« zu bezeichnen.

Einem Kometen gleich
Hugo Laißle war nur fünf Jahre lang in Oberkochen tätig gewesen. Einem Kometen gleich erschien er am jungen Oberkochener Industriehimmel, setzte einiges in Bewegung, erstrahlte durch Teilnahme an der Weltausstellung in globalem Glanz, verschwand aber beinahe sang- und klanglos bis - um im Bild zu bleiben - auf den noch lange Zeit sichtbaren Kometenschweif, denn Hugo Laißle war in Oberkochen noch 35 Jahre im Firmennamen des Nachfolgers präsent. Dieser lautete: »Gottlieb Günther, vormals Hugo Laißle u. Cie.«. Erst mit Erlöschen der Firma im Jahre 1930 und der Neugründung der Nachfolgerfirma »Günther und Schramm« verschwand der Name Hugo Laißle aus Oberkochen. Näheres hierzu findet sich in den HVO-Berichten Nr. 23 und Nr. 33.

Zum Bild:
Das Foto zeigt die Ehrentafel der Fa. »Gottlieb Günther, vormals Hugo Laißle & Co., Oberkochen«, die zum Gedenken an die im ersten Weltkrieg gefallenen Betriebsangehörigen Ludwig Buck, Heinrich Seitz, Jakob Sapper und Karl Sapper errichtet wurde.

Jakob und Karl Sapper sind Söhne von Wilhelm und Magdalene Sapper geb. Holz. Jakob starb im September 1918 im Lazarett in Le Havre, Karl fiel in Frankreich im Jahre 1918 (zwei weitere Söhne Konrad und Wilhelm kehrten ebenfalls nicht aus dem Krieg heim). Auf dem Bild zum HVO-Bericht 159 (13.3.92) sind Konrad, Jakob und Wilhelm Sapper als Schüler zu sehen.

Heinrich Seitz war als Soldat in Frankreich gewesen. Er hatte in den Vogesen, in Flandern, an der Senne und bei Ypern gekämpft und war todkrank nach Hause entlassen worden, wo er am 21. März 1918 starb. Er war verheiratet und hinterließ eine Frau und fünf Kinder. Über Ludwig Buck sind in den Oberkochener Kirchenbüchern keine Daten zu finden. Mag sein, daß er von auswärts war.

Volkmar Schrenk

 
 
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