Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 167
 

Hugo Laißle und die Obere Mühle - Teil 1

Der Name Hugo Laissle begegnet uns in Beschreibungen Oberkochens aus den Gründerjahren immer wieder. (Heimatbuch S. 136, HVO-Berichte Nr. 23 und Nr. 33, Festschrift der Oberkochener Bank, Artikel von D. Bantel). Auch in der Aalener Kocher-Zeitung taucht Hugo I,aißle in den Jahren 1890 bis 1895 mehrmals auf.
Versuchen wir also, aus bunten Mosaiksteinchen ein Bild zu formen von Hugo Laißle, der wohl so etwas wie der Urtyp eines umtriebigen und »schaffigen« Schwaben war. Da er in seinen Oberkochener Jahren die »Obere Mühle« im Besitz hatte, begegnen uns dabei auch interessante Einzelheiten über diese Mühle, die wohl noch aus den Zeiten stammte, da das Kloster Königsbronn im südlichen Teil Oberkochens das Sagen hatte, die aber im Jahre 1953 der Spitzhacke zum Opfer fiel.

Umtriebiger Schwabe
Karl Hugo Laißle - so sein voller Name - wurde am 2. Juni 1852 in Obertürkheim geboren (Napoleon III. war in diesem Jahr Kaiser Frankreichs geworden, aber der »gute Stern« leuchtete damals noch nicht über dem Neckartal). Da der Vater eine Maschinenfabrik in Reutlingen betrieb, wurde der Sohn Ingenieur und übernahm den Betrieb später. Laißle heiratete im Jahre 1881 in Cannstatt die aus Ulm gebürtige Bertha Pauline Beck und arbeitete zunächst im väterlichen Betrieb in Reutlingen, kam aber dann in halb Europa herum. Die Geburtsorte der drei Töchter der Familie weisen dies aus: Hedwig, geboren 1882 in Reutlingen, Leoni, 1889 in Chemnitz, und Alice, 1886 in Wien zur Welt gekommen. Im Jahre 1888 dürfte Laißle von dem beabsichtigten Verkauf der oberen Mühle in Oberkochen gehört haben und entschloß sich, dort einzusteigen.

Vorgänger
Der damalige Besitzer der oberen Mühle, Sophias Zimmermann, konnte im Jahre 1887 seinen Betrieb nicht mehr weiterführen. Er hatte sich offensichtlich mit der »vollständig neu eingerichteten Kunstmühle« finanziell übernommen und mußte, obwohl »die Mühle in bestem Betrieb stand«, Konkurs anmelden. Das K. Amtsgericht schrieb die Mühle samt Liegenschaften, lebendigem und totem Inventar »im öffentlichen Aufstreich« zum Verkauf aus.

Das Verkaufsangebot beschreibt interessante Einzelheiten: Die Mühle war ausgestattet mit »drei Mahlgängen, einem doppelten Kunstmahlgang und einem Gerbergang«. Auch waren »Sackaufzug, Grieß- und Kernenputzmaschine, ein neuer Walzenstuhl mit Hartgußwalzen, vier Schöpfwerke, zwei Mahlschnecken, Mehl- und Vorratskasten« vorhanden. Der Antrieb erfolgte durch »Wasserkraft mit 15 Pferdestärken und zwei eiserne Wasserräder«, und die Mühle besaß einen »durchaus soliden und dauerhaften Wasserbau und die Wasserkraft war eine stets ausreichende«.

Das Anwesen bestand aus dem »dreistöckigen Wohn- und Mühlengebäude aus Stein und Riegelwerk, einem Schweinestall, einem an die Scheuer angebauten Wagenhaus und dem 2a 44 qm großen Hofraum«. Außerdem gehörten Gärten, Wiesen und Äcker zum Besitz, u. a. auch eine »Tuchbleiche« von 3a 82 qm Größe. Ein »ganzes Realrecht im Wert von 3.200 Mark rundete den Besitz ab. Die festgesetzte Verkaufssumme betrug 101.381 Mark - damals ein stolzer Preis - wobei ein Viertel des Betrags beim Kauf in bar, »der Rest in drei gleichen Jahreszielern pro Martini zu bezahlen« war. Zum Verwalter war Gemeinderat Jakob Sapper bestellt, die Verkaufskommission bestand aus Schultheiß Wingert und Gemeinderat Beißwanger.

Hugo Laißle übernimmt die Obere Mühle
Die Verkaufsverhandlungen zogen sich einige Zeit hin. Am 12. Juli 1890 vermerkt das Gemeinderatsprotokoll: »Hugo Laißle, Ingenieur aus Reutlingen, zur Zeit wohnhaft in Cannstatt, hat die Obere Mühle käuflich erworben, um daselbst eine Fabrikanlage zu errichten«. Danach beantragt er, ihm 3a 55 qm eines angrenzenden Grundstücks zu verkaufen und bietet dafür 100 Mark. Dieser Platz war bisher von Oberkochener Hafnern als Holzlagerplatz genutzt worden. Weil »er vollständig zwischen fremdem Eigentum liegend die Gemeinde wenig nütze und der Kaufschilling das bisherige Pachtgeld übersteige und das neue Unternehmen die Oberkochener Industrie öhebe«, stimmten Gemeinderat u. Bürgerausschuß dem Gesuch zu (zum Nachteil des Hafnergewerbes, das sich damals ohnedies in schlechter Position befand).

Am 20. Oktober 1890 wurde im Handelsregister beim Amtsgericht Aalen die neue Firma mit »Hugo Laißle, Ingenieur in Cannstatt, Inhaber einer Präzisions-Zieherei und Spezialfabrikation von Transmissionen« eingetragen. Damit gehörte die Obere Mühle als »Kunst- und Kundenmühle« der Vergangenheit an. Hugo Laißle war kein Müller, er wurde stets als Fabrikant bezeichnet und sein Metier war die Technik.

Im Frühjahr 1892 baute Laißle sich eine dampfgetriebene Turbine ein. Diese scheint aber die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt zu haben, denn er suchte am 12. Oktober 1892 um Genehmigung zum Bau »eines mittelschlächtigen eisernen Wasserrads nach, das 5,5 Meter und 1,65 Meter breit« sein sollte. Die Radstube war »mit einer lichten Länge von 4,25 Meter und einer lichten Breite von 3 Metern« geplant.

Volkmar Schrenk

 
 
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