Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 164
 

Der Lugenbeutelverein

Von Herrn Hans Betzler (Greeabaumwirts-Hans) erhielten wir ein altes vergilbtes Foto, das uns Herr Stelzenmüller fotografisch aufbereitet hat, und das im Mittelpunkt unseres heutigen Berichtes steht. Es ist aller Wahrscheinlichkeit nach in der Zeit kurz vor dem 1. Weltkrieg entstanden und stellt den sogenannten

Lugenbeutelverein

dar, der sich anläßlich des »Kiesrummels« am Faschingsdienstag vor dem Gasthaus zum »Grünen Baum« in der Langgass (heute Heidenheimerstraße, Metzgerei Lerch, vormals Zimmermann) einem uns noch unbekannten Fotografen gestellt hat. Im »Kies« also ist schon vor Generationen die Wiege der Oberkochener Fasnet zu suchen, und auch heute noch liefert der Ortsteil »Kies« so bedeutende Leute wie den verdienten Butler »Sir Kies« und den »Schorsch vom Kies«, - Ehrenelferrat und Oberkochener Bundestagsabgeordneter.

Da wir nach Möglichkeit für die nächste Fasnetsrunde schon Näheres über dieses Foto erfahren möchten, bleibt uns nichts anderes übrig, als das Bild schon heute zu veröffentlichen; man kann ja auch mal aus der Reihe narret sein.

Herr Hans Betzler, heute wohnhaft in Balingen, ist der Sohn des seinerzeitigen »Greeabaumwirts«, der schon 1938 verstorben ist. Das Foto hing jahrzehntelang hinter Glas gerahmt im »Grünen Baum«. Im Garten hinter dem »Grünen Baum« haben einst die Gründer des Oberkochener Turnvereins (TVO, gegründet 1903) geturnt und trainiert. Die meisten Gründungsmitglieder des TVO waren Mitglieder im Lugenbeutelverein. Auf einem 1953 anläßlich des 50-jährigen Jubiläums des TVO entstandenen Foto sollen noch viele Mitglieder des Lugenbeutelvereins abgebildet sein.

Der Leiterwagen ist mit Zweigen, Bändern und Schleifen geschmückt. Auf einem hohen Aufbau stehen 13 ziemlich ernstmienige Männer, teils mit Frack und Zylinder, teils in Uniform mit Schildmütze oder Barett und Säbel. Unter dem Vergrößerungsglas erkennt man eine maskenhaft bemalte Person. Eine Reihe von Personen haben künstliche Bärte. Einer trägt einen Bauernkittel. Auffallend ist die hellbemantelte jüngere Person mit dunkler Zipfelmütze im Vordergrund, die offenbar zur Lärmerzeugung 2 Kacheldeckel zusammenschlägt. Ein Junge mit Zipfelmütze ist im rechten Bildrand angeschnitten. Ein Mann mit Strohhut hält die beiden eingespannten Gäule. Auf dem vorderen der beiden Gäule hockt im Damensitz ein kleiner Junge mit Hut. Zwischen dem Hinterteil des hinteren Pferdes und einem weiteren stehenden Mann mit dunklem Hut lugen 3 Kinder hervor, die, sowie ein kleines aus dem offenen Fenster des oberen Stockwerks des »Grünen Baums« herausschauendes Mädchen, Zaungäste der Handlung sind.

Im oberen Stock des »Grünen Baums« war früher ein Saal, unten später ein Fenster mit Auslagen der Metzgerei. Im Haus links neben dem »Grünen Baum« war der Sattler Seitz, rechts ist das Haus von Josef Wingert.

Und nun zum Kern der Sache.
Warum hieß der Lugenbeutelverein Lugenbeutelverein?
So wurde mir erzählt: Der »Verein« bestand aus jungen Männern, die sich einen Spaß daraus machten, erfundene »Nachrichten« über die lieben Oberkochener Mitbürger zu verbreiten. Oft drehten sie echte Neuigkeiten ins Gegenteil um und sorgten dafür, daß heiße Gerüchte entstanden, bei dem die Opfer gelegentlich zunächst der Hochachtung ihrer Mitbürger, meist aber gleich ihrem Gespött ausgeliefert waren. Ein Altoberkochener faßte die Tätigkeit des Lugenbeutelvereins schlicht und einfach so zusammen: Der Lugenbeutelverein verbreitete sogenannte

Wie zum Beispiel die, daß der XY wieder einmal eine »Mordskischt« beinander ghett häb (gehabt habe), und auf dem Heimweg bei der ... ins Schlafzimmer fenschterln wöllen häbe (gewollt habe), - in seinem Suff jedoch dem zufällig vorbeipatroullierenden Polizeidiener genau vor dessen Füße hingehagelt sei, worauf dieser ihn bei den Ohren genommen und ohne weitere Umstände in die Ausnüchterungszelle im Rathaus eingesperrt häbe, wo er zur Zeit noch seinen Rausch ausschlafe.

Wahr war an der ganzen Geschichte höchstens, daß der XY einen »Ballen« hatte. Die Schauermärchen, die die Mitglieder des Lugenbeutelvereins verbreiteten, begannen meist mit der unverfänglichen Frage: »Henn'r au scho gheert?«

Die Phantasie der Menschen scheint in der Zeit, als es kaum Zeitungen gab, auf jedenfall kein Radio und kein Fernsehen, noch stärker gearbeitet zu haben, als dies heute der Fall ist. Andererseits ist verbürgt, daß kein geringerer als der Stuttgarter OB Rommel erst kürzlich zum Oberehrenlugenbeutel eines nicht allzuweit entfernt ansässigen Lugenbeutelvereins ernannt worden ist.

Und nun unsere Frage: Wer kann die Personen auf dem Foto identifizieren?
Informationen erbitten wir an Telefon 73 77.

Dietrich Bantel

 
 
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