Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 163
 

Was war in Oberkochen vor 115 Jahren los? - Teil 2
Ausschreibung von Bauarbeiten (9. Juli 1877)

In den drei am selben Tag durch Schultheiß Wingert veröffentlichten Ausschreibungen werden Oberkochener »Dauerbrenner« angesprochen: Schulhäuser, man hatte wegen der besonderen Situation Oberkochens ja zwei zu unterhalten, und der Wasserleitungsbau.

a) Zur Herstellung einer Brunnenleitung aus gußeisernen Röhren werden ausgeschrieben:
Grab-Arbeit 232 M. 50 / Rohre legen 496 M. 10
Maurer-Arbeit 68 M. 80 / Guß-Eisen 194 M.

Leider ist nicht berichtet, wo die Leitung gelegt werden sollte. Sicherlich nicht im Jägergäßle, denn noch im Jahre 1892 beschloß der Gemeinderat, dort »eine Brunnenleitung vorerst nicht erstellen zu lassen«. Statt dessen sollte eine Stuttgarter Firma mit der Untersuchung beauftragt werden, ob dort »nicht ein artesischer Brunnen erstellt werden könne«.

b) Am evangelischen Schulhaus, es stand damals an der Ecke der heutigen Aalener Straße und Bürgermeister-Bosch-Straße und ist nicht mehr vorhanden, waren Renovierungen notwendig:

Maurerarbeit 21 M. 56 / Gipserarbeit 340 M. 95
Anstricharbeit 81 M. 87 / Flaschnerarbeit 12 M. 00

c) Auch das katholische Schulhaus, heute das sog. alte Schwesternhaus neben der Kirche, war sanierungsbedürftig: Zimmerarbeit 189 M. 55
Schlosserarbeit 51 M. 40 / Flaschnerarbeit 109 M. 41

Für sämtliche Ausschreibungen waren schriftliche Angebote einzureichen.

Mühlenartikel zu verkaufen (31. Juli 1877)
Weil Müller Kaspar Scheerer seine Mühle um- und teilweise neugebaut hatte, schrieb er entbehrlich gewordenes Inventar zum Verkauf aus:

Gerbcylinder samt Getriebe, Sandsteinläufer mit 1 m Durchmesser, Gerbboden und Gerbläufer, 2 Kammräder mit je 90 Zähnen, alles noch verwendbar und in gutem Zustand.

Gantsache (24. September 1877)
Nahezu in jeder Zeitungsausgabe finden sich Angaben aus dem Oberamtsbezirk über Zwangsvollstreckungen, wobei stets der Name des Betroffenen genau angegeben war. Man sprach von »Gantsache«, die »im öffentlichen Aufstreich«, d.h. durch Versteigerung an den Meistbietenden, verkauft wurde. Der Käufer mußte ein »obrigkeitliches Vermögenszeugnis vorweisen«, bei größeren Objekten waren auch Ratenzahlungen durch sog. »Zieler« möglich (Darlehen mit Zins- und Rückzahlungstermin auf Martini eines jeden Jahres).

Im September 1877 hatte das Schicksal auch bei einem Oberkochener Handwerker zugeschlagen. Das Aalener Gerichtsnotariat bot zum Verkauf im öffentlichen Aufstreich an:

zweistockiges Wohnhaus und Hofraum 860 M.
Waschhaus 100 M.
Garten beim Haus 70 M.
(Wohnungsrecht der Schwiegereltern bestand wei terhin)
39 a Acker im Thierstein an der Lochsteig 350 M.
14 a Acker beim Schlackenweg 350 M.
15 a Wiese im Birkach 380 M.

Geschworenen-Liste (20. November 1877)
Der Direktor des Kreisgerichtshofs Ellwangen gab am 20. November 1877 die Hauptgeschworenen-Liste für das Jahr 1878 bekannt. Unter den 37 Geschworenen aus dem Oberamtsbezirk Aalen waren auch zwei Oberkochener:
Xaver Geißinger, Bäcker in Oberkochen und
Joseph Seitz, Krämer in Oberkochen.

Arzt (20. November 1877)
Nicht in Oberkochen hatte sich ein Arzt niedergelassen, sondern in Königsbronn empfahl sich auch den Oberkochenern Dr. Heinrich Schmid als »Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer, sowie als Augen- und Ohrenarzt. Sprechstunden an Wochentagen von 2 - 3 Uhr, an Sonntagen 10 - 11 Uhr«.

Preise (26. Dezember 1877)
Eine Übersicht über Lebensmittelpreise, wie sie auf den Wochenmärkten in Aalen und Ellwangen am 22. Dezember galten, sei noch angeschlossen:
1 Ztr. Kartoffeln 2 M 40 Pfg.
1 Gans 4 M. 30 Pfg.
1 Henne - 70 Pfg.
1/2 Kilo Butter - 85 Pfg.
4 Eier - 28 Pfg.
Fleisch (1/2 Kilo): Ochsenfleisch 68 Pfg.
Rind-, Kalb-, Schweinefleisch 64 Pfg.
Hammelfleisch 60 Pfg.

Damit ist der Nachrichtenvorrat des Jahres 1877, soweit er sich aus der Aalener Kocherzeitung ablesen läßt, erschöpft. Sicherlich ergibt sich aus den Meldungen kein vollständiges Bild dessen, was die Oberkochener in jedem Jahr bewegte und umtrieb, denn vieles stand, wie heute auch, nicht in der Zeitung. Dorfnachrichten verbreiteten sich von Mund zu Mund, und schließlich gab es noch die Amtsperson des »Büttels« der »ausschellte«.

Auch Schultheißenamtsprotokolle oder die Protokolle der Kirchengemeinden könnten weitere Aufschlüsse vermitteln. Dennoch entstand wohl ein buntes Mosaik dessen, was damals wichtig war, ein Bild vom Leben in Oberkochen zur »guten alten Zeit«. Bleibt die Frage, ob sie es tatsächlich war?

Zum Bild:
Im Jahre 1877 waren die auf dem Foto in festlichem Schwarz Gekleideten 27 Jahre alt und haben also alles, was damals in der Zeitung stand, miterlebt, und einiges dazu! Bei ihrem Fünfzigerfest im Jahre 1900 waren sie wieder beieinander und ließen sich mit einigen ihrer Kinder, die in Weiß und mit Kränzchen im Haar die Atmosphäre auflockerten, vor dem alten Forsthaus im Jägergäßle fotografieren.

Die Namen, mit Ausnahme der beiden Frauen in der Bildmitte, hat Kuno Gold überliefert (jew. v. li.):

Gruppe links: Anna Maria Hofmann, dahinter Anton Gold (Zieglers Tone), Johannes Mauser und Frau

Männer Mitte hinten: Joseph Grupp, Georg Staudenecker, Franz Anton Gold (Goldabäuerle), Johann Schmid (Bachbeck), Franz Truckenmüller

Gruppe rechts: hinten: Kaspar Kolb, Michael Frank vorne: Theresia Mauser geb. Wingert, Karl Hofmann (Uhrmächerle), Viktoria Gold geb. Weber (Marks v. Hagenbucherhof)

Mädchen (weißgekleidet): Viktoria Grupp, Monika Frank (später verh. Hassinger), Luzia Gold (später Schw. Theodolinde), Thekla Bezler (später verh. Klaus), Magdalena Schmid (Bachbeck), Katharina Hofmann (später verh. Holz).

Volkmar Schrenk

 
 
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