Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 160
 

Johann Konrad Balluff
Teil III: Szenen aus seinem Leben

In den beiden vorausgehenden Berichten war über Herkunft und Familie des Oberkochener Schulmeisters erzählt und seine musikalische Arbeit gewürdigt worden. Das dabei entstandene Bild von Johann Konrad Balluff soll nun verdeutlicht werden, durch Geschichten und Szenen, die aus Zeitungsberichten, Pfarr-Conventsaufzeichnungen und aus Schultheißenamtsprotokollen zu entnehmen war.

Ohrfeige zur Kirchenordnung
»Er habe gestern dem Schulknaben Johann B., der wie gewöhnlich, so auch gestern wieder in der Kirche unartig war und einen anderen Knaben aus dem Kirchenstuhl hinausgedrückt habe, vor dem Gottesdienst wegen der Kirchenordnung eine Ohrfeige gegeben«, so sagt das Kirchenconvents-Protokoll vom 21. Dezember 1833 über Lehrer Balluff. Dennoch war nicht der Schulmeister angeklagt, sondern dieser klagte seinerseits gegen die Base des Geohrfeigten, die während des Gottesdienstes über ihn »ungebührliche Worte ausstoßend« die Kirche verlassen habe. Auch die Mutter des Jungen mischte sich ein, »schimpfte öffentlich auf der Gasse über den Lehrer, daß sich die Kirchenleute auf dem Kirchweg versammelt haben«. Dies konnte Lehrer Balluff nicht hinnehmen, zumal die Base »am Kirchentor gesagt habe, sie wolle sehen, wer der Herr sei« und die Mutter meinte, »ihr Sohn sei nur deshalb gestraft worden, weil sie dem Lehrer keine Geschenke mache«.

Die beiden Frauen wurden vor dem Kirchenconvent vernommen, auch Lehrer Balluff und mehrere Zeugen zum Vorfall gehört. Das Urteil für Mutter und Base lautete auf einen Gulden Geldstrafe und Androhung von Arrest im Wiederholungsfall.

Wohnungssorgen
Am 25. August 1833, das Ehepaar Balluff hatte damals drei Söhne, beantragte Schulmeister Balluff, »es möge ihm gestattet werden, auf seine Kosten einen Verschlag in das Schulzimmer machen zu dürfen, damit es zur Winterszeit leichter erwärmt und der Verschlag als Schlafzimmer für seine Kinder benützt werden könne«.

Dies wurde mit folgender Begründung abgelehnt: 1. sei es »unschicklich, nur durch einen leichten Verschlag vom Schulzimmer getrennt ein Schlafzimmer für die Lehrerskinder einzurichten, 2. weil die Schule durch die Kinder gestört werden könne, 3. weil der H. Schullehrer seit Vergrößerung des Schulzimmers eine Holzzulage erhalte, somit das Schulzimmer hinlänglich geheizt werden kann«.

Mesnerdienst
Johann Konrad Balluff war nicht nur katholischer Schulmeister in Oberkochen und Musiker, Organist und Chorleiter nebenbei, sondern er hatte auch Mesnerdienste zu tun. (Ob er auch, wie berichtet, in der evangelischen Kirche zeitweilig Mesner- und Organistendienste leistete, darf aber doch bezweifelt werden). Über Unzulänglichkeiten beim Öffnen der Kirchentüren wurde schon berichtet. Aber auch das Läuten der Glocken machte Johann Konrad keine Freude. So ist verständlich, daß »Mesner Balluff«, so wird er offiziell genannt, einige Male »die Betglocke erst ein bis anderthalb Stunden nachdem es schon acht geworden« erklingen ließ. Da ein entsprechender Vorhalt des Pfarrers nicht fruchtete, wurde Balluff »für seine fortgesetzte Unregelmäßigkeit eine Ordnungsstrafe von einem Gulden« aufgebrummt.

Friedhof als Kuhweide
»Schon voriges Jahr wurde Klage darüber laut, daß Schullehrer Balluff seine Kühe im Kirchhof laufen lasse«, so steht in einem Protokoll vom 31.August 1840. Ob dies Absicht, Fahrlässigkeit oder Arbeitserleichterung für den Lehrer-Mesner war, der sich damit das Grasmähen ersparen konnte, läßt sich nicht sagen. Natürlich trieb Balluff die Kühe nicht absichtlich zum Friedhof, denn dieser lag damals bei der alten, im Jahr 1898 abgerissenen Kirche, also unmittelbar beim Schulhaus. Pfarrer Heinzmann und der Kirchenconvent waren aber der Ansicht, Johann Konrad Balluff als letzte Warnung »für den Wiederholungsfall eine Strafe von einem Gulden anzudrohen«.

Schulgehilfe schlägt über die Stränge
Ab dem Jahre 1837 war die katholische Schule Oberkochens zweiklassig geworden. Schullehrer Balluff hatte von da an einen jüngeren Kollegen neben sich, einen unständigen Schulgehilfen. Er hatte ein bescheidenes Stübchen im Schulhaus und mehr oder weniger Familienanschluß.

Einmal, es war im September 1849, klagt Balluff gegen den damaligen Schulgehilfen »wegen Übertretung der Hausordnung«. Bei der deshalb anberaumten Sitzung des Kirchenconvents wehrte sich der Beschuldigte mit dem Argument, »die Angabe des Balluff sei zum Teil unwahr und zum Teil übertrieben«, was die anwesenden Herren, es waren dies Pfarrer Desaller, Schultheiß Wingert und die Gemeinderäte Hug, Linder, Wingert und Maier, veranlaßte, den Schulgehilfen »zu geeignetem Verhalten zu ermahnen«, dem Schulmeister aber »Friedliebe zu empfehlen«.

Vermittler
In den Amtsprotokollen des Schultheißen taucht Lehrer Balluff öfter als Vermittler und Zeuge bei lokalen Streitigkeiten in Erscheinung. So z.B. als Joseph Katzenstein, das Oberkochener Findelkind (s. Heimatbuch S. 443), bei einer Hochzeitsfeier im »Hirsch« »Heinrich Merzens Baßgeige zu Schaden« gebracht hatte, dies aber abstritt.

Oder als am Cäcilientag des Jahres 1828 Polizeidiener Gold die Polizeistunde ansagte und einer der Musiker ihm antwortete, er habe nichts zu befehlen und »wer ihm den Auftrag gegeben hab, sei ein Hutt wie er«. Der ebenfalls im Lokal anwesende Schullehrer Balluff wurde später zu dem Vorfall als Zeuge gehört. Er bestätigte den Sachverhalt im wesentlichen, ihm sei aufgefallen, der Musiker sei schon etwas betrunken von Heidenheim gekommen und habe »den Gold einen Wollenbuben geheißen«. Er, Balluff, habe die Streitenden besänftigt.

Versetzung nach Ödheim
Johann Konrad Balluff war im Jahre 1851 24 Jahre auf seiner ersten Stelle gewesen. So war es durchaus verständlich, wenn er sich nun ernstlich nach einem neuen Wirkungsort umschaute (Eine frühere Bewerbung in die Tettnanger Gegend war nicht zum Zuge gekommen.) Inwieweit einige unerfreuliche Begleiterscheinungen, über die berichtet wurde, diese Absicht verstärkten, kann nur erahnt werden. Er bewarb sich um eine Stelle in Ödheim bei Neckarsulm und wurde dorthin im November 1851 versetzt.

Vor seinem Abgang waren die Amtsgeschäfte abzuwickeln, »Abkurung« nannte man dies damals. Zwar ergaben sich »beim Kirchen- und Schulinventar einige unbedeutende Defekte, über die zur Tagesordnung geschritten und das Inventar als richtig anerkannt wurde. Aber bei der finanziellen Abrechnung kam auf, daß der Lehrer 21 Gulden zu viel Gehalt bekommen und der Schulkasse noch eine »bestrittene Forderung von 28 Gulden« zu ersetzen hatte.

Großzügig überließ nun Balluff der Kirche die Noten zu »Messen und auch eine Trommel und Triangel«. Deshalb war auch der Stiftungsrat gnädig gestimmt und beschloß »in Berücksichtigung der großen Armut und Bedürftigkeit des abziehenden Lehrers und mit Rücksicht auf den schlechten Ertrag der Wiesen in diesem Jahr sowie der gemachten Schenkung dem Lehrer Balluff die genannten Beträge zu erlassen«.

Tod in Ödheim
Über die Tätigkeit Balluffs in Ödheim liegen bis jetzt keine gesicherten Erkenntnisse vor. Sechs Jahre war er am neuen Ort im Dienst, als er am 4. Januar 1859 im Alter von 59 Jahren starb. Sein Tod wurde zwar in den Familienakten von Oberkochen registriert, inwieweit daran Anteil genommen wurde, ist nicht bekannt. Frau Balluff kehrte nach dem Tode ihres Mannes mit den vier jüngsten Kindern wieder nach Oberkochen zurück. Wie zuvor schon berichtet, setzte sie sich an der Industrieschule ein und erfreute sich noch viele Jahre bis zu ihrem Tode am 4. Februar 1891 der großen Erfolge ihres jüngsten Sohnes, der seine Mutter oft besuchte u. als königlicher Hofopern- und Kammersänger in Stuttgart seiner Oberkochener Heimat stets verbunden blieb.

Johann Konrad Balluff hat 24 Jahre lang die katholische Schule Oberkochens geprägt und durch sein musikalisches Wirken bleibende Schwerpunkte geschaffen. Der von ihm einst gegründete und von seinen Nachfolgern weitergeführte Kirchenchor zeugt davon. Daß nun auch menschliche und allzumenschliche Seiten seines Lebens und Wirkens offenbar wurden, tut seiner Person keinen Abbruch, macht ihn nur interessanter und auch liebenswerter. Er war sicherlich nicht der Idealtyp, doch aber der Urtyp eines Dorfschulmeisters vergangener Zeiten: Streng und fleißig, musikalisch und gesellig, untertänig und aufmüpfig zugleich. Er war Lehrer, beseelt von seinem Auftrag und Beruf, er war Musiker mit Leib und Seele, aber er war auch Mensch aus Fleisch und Blut, mit Ecken und Kanten.

Zum Foto (aus der Sammlung Stelzenmüller): Das beim Bericht vom 4.3.1988 schon einmal veröffentliche Bild zeigt links hinter der »Wein- und Bierwirtschaft zur Krone von Johannes Elmer« das Haus von Hafner Johannes Schaupp, dessen Frau eine Enkelin von Johann Konrad Balluff war. Außer verschiedenen Mitgliedern der Familie Elser, sie sind im Bericht von 1988 genannt, erkennt man ganz links im Bild Elisabetha Amalia Balluff, eine der Tochter des Lehrers, Schwester des Kammersängers und Großtante des späteren Aalener Oberbürgermeisters Otto Karl Balluff.

Volkmar Schrenk

 
 
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