Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 152
 

Christoph Jakob Adam, ein Oberkochener Schulmeister
Teil I - Lebenslauf

An den Oberkochener Schulen gab es zu allen Zeiten Lehrerpersönlichkeiten, die Generationen von Schülern und Schülerinnen prägten. Um in jüngerer Zeit zu beginnen: Georg Hagmann, Gottlieb Braun und Leo Klotzbücher, zuvor Karl Günter, Alfons Mager und Ignaz Umbrecht, an die sich ehemalige Schülerinnen und Schüler heute noch erinnern. Weiter zurückliegend sind Schulmeister wie Konrad Balluff oder Ferdinand Gutmann aus Berichten und Erzählungen noch im Gedächtnis. Nachfolgend wird von einem Lehrer berichtet, der bisher wenig Beachtung gefunden, jedoch die Oberkochener evangelische Schule von 1825 bis 1842 geprägt hat: Christoph Jakob Adam (* 1801 in Loffenau, † 1864 in Hirsau.

Vorgänger Jakob Heinrich Bitz
Um die Situation in der Chr. J. Adam Lehrer in Oberkochen wurde, würdigen zu können, müssen wir uns ein wenig mit seinem Vorgänger, Jakob Heinrich Bitz, beschäftigen. Dazu lesen wir in der »Geschichte der Volksschule Oberkochen« aus dem Jahre 1961 (verfaßt von Dorothea Feihl) folgendes: »... Schon 1819 gibt es Klagen über Schulmeister Bitz ... Erstens hat er eine Krankheit, infolge der er schlecht sieht und hört . . Zweitens lebt er nicht gut mit seiner Frau und gibt so in der Öffentlichkeit ein böses Beispiel, aber er will sich nicht pensionieren lassen ...« Zum Schulehalten war Bitz aber auch nicht fähig, er sammelte Wurzeln und Kräuter, wurde teilweise auch als Amtsdiener und Taglöhner eingesetzt. Dieser ungute Zustand dauerte bis zu seinem Tode am 5. August 1836. Der »Bote von Aalen« enthält am 8. März 1837 eine Anzeige des Königlichen Oberamtsgerichts, wonach Bitz »mit Hinterlassung eines geringen Vermögens starb, auf das die Witwe Ansprüche zu machen hat«.

Schwieriger Anfang
Obwohl die evangelische Schulpflege die Bezahlung der Schulmeisterpension für Bitz samt einem Provisorgehalt für einen Vertreter nicht aufbringen konnte, war die Situation 1825 unhaltbar geworden und der junge, noch unverheiratete Lehrer Adam wurde als »Provisor«, d. h. als unständiger Vertreter in Oberkochen eingestellt. Dabei hatte »die Königliche Regierung des Jaxdkreises der hiesigen Gemeinde die Verbindlichkeit auferlegt, für einen angemessenen Ruhegehalt des dienstuntauglich gewordenen Schulmeisters Bitz Sorge zu tragen«. Und dies ging damals recht einfach vonstatten: Dem Nachfolger wurde ein Teil seines Verdienstes »abgezwackt«, er mußte eine »Pensionierungslast« übernehmen. Im Falle Bitz/Adam bedeutete dies, Bitz sollte jährlich wenigstens 70 Gulden bekommen, »damit Adam wenigstens ein freier Gehalt von 120 Gulden ungeschmälert verblieb«.

Da die Entlohnung damals nur zum Teil in Geld erfolgte, war die Teilung nicht einfach zu bewerkstelligen. Obwohl es eine Liste der verschiedenen Gehaltsanteile gab, standen manche Posten nur auf dem Papier (Gütergenuß, Hauszins) und vieles wurde in Naturalien abgegolten (Holz, Reisig, Dinkel, Roggen). Somit war eine saubere Teilung und Zurechnung nicht einfach.

Vom Provisor zum Schulmeister
Endlich im September 1826 hatte das Königliche Consistorium grünes Licht zur Neubesetzung der Oberkochener Schulmeisterstelle gegeben und die Stelle wurde öffentlich ausgeschrieben. Es gingen drei Bewerbungen ein, über die das Wahlgremium zu entscheiden hatte. Diesem gehörten außer Pfarrer Stettner und Schultheiß Scheerer »sämtliche evangelischen Mitglieder des Gemeinderats sowie die beiden Deputierten Joachim Grupp und Johannes Schäfer« an.

Alle drei Bewerber wurden vor der Wahl eingehend vorgestellt. Über Adam wurde gesagt, er besitze gute Kenntnisse in den Regeln der deutschen Sprache und in Geschichte, lese mit gutem Ausdruck, schreibe orthographisch richtig und schön, mache einen guten Aufsatz, rechne mit Schnelligkeit, catechisiere gut und zeichne sich im Singen und Orgelspiel aus.

Da die beiden anderen Kandidaten nicht rundum so gut beschrieben waren - der eine »besitzt mittelmäßige Kenntnisse, ist aber auf der Orgel gut«, der andere »liest zwar mit Ausdruck, aber nicht immer richtig und ist in der Musik nicht gut« - erhielt Adam bei der Wahl sechsmal den ersten, einmal den zweiten Platz und war somit neugewählter Schulmeister der evangelischen Schule.

Amtseinsetzung
Am 10. Oktober 1826 ging es im engen evangelischen Schulhaus - es lag am Ende des Dorfes in Richtung Aalen (Ecke Aalener und heutiger Bgm.-Bosch-Straße) noch enger her als sonst: Zur Amtseinsetzung des neuen Schulmeisters hatte der Kirchenkonvent alle Schüler um sich gesammelt. Die Feier begann mit dem gemeinsam gesungenen Lied »Noch liegt des Lebens längere Bahn«, worauf Pfarrer Stettner den neuen, den Schulkindern längst vertrauten Schullehrer vorstellte. Nach der Rede des Pfarrers reichte jedes Kind dem »Neuen« die Hand und »gelobte Gehorsam«. Der Choral »Nun danket alle Gott« schloß die Feier ab. Die Kinder hatten anschließend schulfrei, während sich die Honoratioren zum Festschmaus in den »Hirsch« begaben.

Schulalltag
Der Schulmeister jener Zeit mußte alle Fächer unterrichten: Lesen, Buchstabieren, Rechtschreiben, Schönschreiben, Memorieren, Rechnen, Religion und Singen. Lesen und Schreiben wurde mit Hilfe der Fibel geübt. Allgemein wurden die Kinder in zwei Abteilungen unterrichtet. Die Stunde dazwischen - meist von 9 bis 10 Uhr - diente dem Schulmeister zur »Recreation«, aber auch als Arrestzeit für die älteren Schüler. Beim Rechnen waren die Kinder in vier Abteilungen getrennt. Die Jüngsten mußten vor- und rückwärts bis hundert zählen und mit zwei multiplizieren lernen. In der nächsten Stufe wurde Subtrahieren geübt. Die dritte Abteilung beschäftigte sich mit dem Multiplizieren und die oberste Gruppe wagte sich an die Addition einfacher Brüche. In Religion spielte das Memorieren eine große Rolle, 150 Sprüche gehörten zum Lernpensum. Aber auch biblische Geschichte war gefragt bis hin zum Leben des Apostels Paulus und seinen Schriften.

Nur Sport gab es nicht in der Schule. »Sogenannte Turnübungen« sollten 1945 eingeführt werden (also zu einer Zeit, da Adam nicht mehr in Oberkochen war). Die Ortsschulbehörde entschied damals, »den Nutzen einer solchen Einrichtung zwar nicht in Abrede zu stellen«, dennoch aber keinen Turnunterricht einzuführen, da 1. »kein Turnlehrer vorhanden war« und 2. die Kinder in ihrer Freizeit auf den Feldern mithelfen müßten, »wobei sie genügend körperliche Bewegung hätten«. (Turnen erscheint erst 1894 im Lehrplan der Oberkochener Schulen).

Schulvisitation
Halbjährlich wurde die Schule durch den Pfarrer visitiert und darüber dem Kirchenconvent berichtet. Bei den Frühjahrsvisitationen wurden den Kindern meist ordentliche Leistungen und Fortschritte bescheinigt, während im Herbst oft bemängelt wird, die Kinder hätten »der manchen Unterbrechungen des Sommers wegen Rückschritte beim Diktat und im Hersagen des Memorierten gemacht«.

Nach den Prüfungen bekamen die Kinder einen Wecken als »Brotgeschenk« und die Besten - ihre Namen sind jeweils im Protokoll verzeichnet - erhielten je drei Kreuzer als Belohnung und Ansporn. Das bei jeder Visitation ablaufende Ritual endete jeweils mit »der Verlesung der Schulgesetze und der Ermahnung zu fleißigem Schulbesuch«.

Nur einmal - im Jahre 1831 - unterblieb die finanzielle Anerkennung an die Besten. In diesem Jahr waren Schulstube und Lehrerwohnung nach langen Verhandlungen etwas erweitert worden, und »kürzlich war bei der feierlichen Einweihung des vergrößerten Schulzimmers den Kindern Schreibhefte mit farbigem Umschlag ausgeteilt worden«, so daß die Schulkasse für die Anerkennungen kein Geld mehr hergab.

Versetzung
Schulmeister Adam »ging am 25. Juli 1842 nach Hirsau Oberamt Calw ab«. Warum er Oberkochen verließ, wird nicht erwähnt. Wahrscheinlich wollte der damals einundvierzigjährige Lehrer nach 17 Jahren Dienstzeit in Oberkochen noch eine andere Stelle kennenlernen. Mit ihm zog seine Frau Sabina Regina, Tochter des Heidenheimer Zieglers Johann Michael Mailänder, (- sie war 1827 Mitglied des Hebammenwahlgremiums -) und fünf von insgesamt neun noch lebenden Kindern in das Nagoldtal.

Da der Amtswechsel während des Jahres geschah, mußte die Gehaltsabrechnung des scheidenden Schulmeisters mit der Vergütung des Nachfolgers - es war Lehrer Becher aus Herbrechtingen - abgestimmt werden. Dies war offenbar nicht einfach, denn im Protokoll sind darüber vier Beratungen auf sechs Seiten verzeichnet. Zwar war die finanzielle Abfindung rasch geregelt: »Das Schulgeld beträgt von 62 Kindern á 18 Kreuzer 49 Gulden, davon erhält Schullehrer Adam für 24 Tag 3 Gulden 16 Kreuzer ...« Entsprechend verteilt wurden auch die von der Gemeinde und der Heiligenpflege (Kirche) zu bezahlenden Beträge.

Schwieriger gestaltete sich die Teilung der Naturalien und Erträge der Besoldungsgüter. Zunächst mußte sogar das königliche Oberamt über einen Antrag von Adam entscheiden, der einen Anteil am »heuer auszugebenden Gemeindeholz« reklamierte mit der Begründung, »es seien ihm in seinen ersten Dienstjahren zwei Klafter Holz abgezogen worden mit der Begründung, er müsse sie zuvor verdienen«. Das salomonisch anmutende Urteil dazu lautete: »Schullehrer Adam werden zwei Klafter Holz aus der diesjährigen Holzbesoldung herausgegeben, wogegen Schulmeister Becher ebenfalls berechtigt ist, diese zwei Klafter bei der nächsten Erledigung der Schulmeisterstelle vom Holzanteil seines Nachfolgers herauszufordern«.

Entsprechend genau wurden andere Naturaleinnahmen geteilt. Da der neue Lehrer erst im Herbst aufziehen konnte, also »zu einer Zeit, da er nichts mehr einheimsen kann«, wurde Adam der Ertrag aus Äckern und Küchengarten überlassen. Das Heu der Wiesen ging an Adam, das Öhmd aber an den Nachfolger. Die »Holzabgabe von vier Klaftern Schichtholz samt Wellen« wurde aber vollständig Lehrer Becher zugesprochen, »weil dieselben zur Heizung der Schulzimmer im kommenden Winter bestimmt sind.

Über eine offizielle Verabschiedung von Schulmeister Adam aus Oberkochen ist im Kirchenconventsprotokoll nichts vermerkt. Das Familienregister sagt: »Schullehrer Adam wurde im Juli 1842 nach Hirsau Oberamt Calw versetzt. Er ist in Hirsau 1864 gestorben«.

Zum Foto:
Da aus der Zeit von Lehrer Adam keine Fotos existieren, möge zur Illustration die Aufnahme der Kinder der evangelischen Schule aus dem Jahre 1914 dienen. Der Lehrer ist Karl Günter, dessen Nachfolger 1934 Gottlob Braun wurde. Die Aufnahme stammt aus der Sammlung Kuno Gold, der auch die Namen der Kinder zusammengetragen hat.

Im Eingang stehend: Eugen Sapper, Karl Günter (Lehrersohn), Emil Unfried, Lehrer Günter, Otto Bäuerle

Vorne sitzend: Albert Theilacker, Kaspar Kolb, Karl Widmann (Storchabeck), Rudolf Speth, Heinrich Grupp, Liesel Holz, Emma Holz, Richard Kopp

Vordere Reihe stehend: Marie Wannenwetsch, Anna Widmann, Sophie Holz, Lotte Mailänder, Karoline Schuhmacher, Frida Bäuerle, Lena Sapper, Karl Reber, Matthias Kolb, Adolf Kolb, Eugen Kopp

Mittlere Reihe stehend: Georg Jooß, Wilhelm Beißwanger, Jakob Jooß, Marie Wannenwetsch, Marie Speth, Sophie Sapper, Rosa Kopp, Marie Bäuerle, Klara Grupp, Emmy Trick, Frida Grupp, Christian Grupp, Fritz Reber

Volkmar Schrenk

 
 
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