Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 150
 

Königlicher Oberförster Carl Weiger 11.5.1943 - 18.12.1911
Ein weiterer vergessener Ehrenbürger von Oberkochen

Auf unsere Veröffentlichungen zu den beiden Alt-Oberkochener Ehrenbürgern Pfarrer Breitenbach und Pfarrer Bucher erhielten wir einen Hinweis auf einen weiteren vergessenen Ehrenbürger von Oberkochen - den Königlichen Oberförster Carl Weiger.

Hier das Ergebnis unserer intensiven Nachforschungen:
Carl Weiger, dessen Vater ebenfalls Forstmann (Förster in Wurzach) war, kam im Jahre 1892 im Alter von 49 Jahren nach Oberkochen und leitete das Königliche Forstamt 17 Jahre lang bis zu seiner Pensionierung 1909 im Alter von 66 Jahren. Bereits 2 Jahre nach seiner Zurruhesetzung, 1911, verstarb Carl Weiger in Herrlingen (Blaustein) bei Ulm im Alter von 68 Jahren.

Anläßlich seiner außergewöhnlichen öffentlichen Verdienste war ihm, laut Kocher-Zeitung vom 20.10.1909, das Ritterkreuz I. Klasse des Friedrichsordens verliehen worden. Die Gemeinde Oberkochen ehrte den u. a. im Schwäbischen Albverein und im Katholischen Kirchenchor aktiven Forstmann wenig später durch Gemeinderatsbeschluß vom 11.11.1909, indem sie ihm das Ehrenbürgerrecht verlieh.

Hier der Wortlaut des Protokolls der Gemeinderats-Sitzung vom 11.11.1909, § 58:

»Der Vorsitzende (Bürgermeister Frank) trägt vor, daß Oberförster Weiger, hier, welcher über 17 Jahre das Königliche Forstamt, hier, versehen hat, in Ruhestand versetzt und in den nächsten Tagen seine Ruhewohnung in Herrlingen beziehen werde. In Anbetracht der vielerlei Verdienste dieses Beamten um die Gemeinde stellt der Vorsitzende den Antrag, dem Oberförster Weiger das Ehrenbürgerrecht der hiesigen Gemeinde zu erteilen.

Beschluß:
1) Dem Antrag zuzustimmen und dem Herrn Oberförster Weiger, hier, das Ehrenbürgerrecht der hiesigen Gemeinde zu verleihen.
2) Ein Diplom durch Oberlehrer Zeller in Aalen anfertigen zu lassen und durch den Ortsvorsteher mit der Anfertigung und Überbringung derselben das Erforderliche einleiten zu lassen.«

Zur Beurkundung:
Gemeinderat: Frank, Gold, Schellmann, Wingert, Weber, Balle
Bürgerausschuß: Grupp, Holz, Betzler, Trittler, Wingert, Gold, Elmer

In der Gemeinderats-Sitzung vom 11.2.1910, § 30, heißt es im Protokoll:
»Die Ehrenbürgerrechtsurkunde des Ehrenbürgers von hier, Oberförster Weiger a. D., in Herrlingen, soll durch Balle, Grupp und Frank überbracht werden und sollen die 2 ersteren je 4 Mark Reisegeld erhalten.«

Aus einem Pressebericht der Kocher-Zeitung vom 3.10.1898 anläßlich eines Wohltätigkeitskonzertes zugunsten des Neubaus der Katholischen Kirche geht hervor, daß auch die 15 Jahre jüngere Gemahlin von Carl Weiger in Oberkochen aktiv war, und zwar als Pianistin.

Dort heißt es: (auszugsweise)
Noch erübrigt uns einer Künstlerin aus unseren gesellschaftlichen Kreisen zu gedenken, ohne deren Eingreifen der uns gebotene hohe Kunstgenuß wesentlich abgeschwächt worden wäre, der Frau Oberförster Weiger von Oberkochen. Sie hat sich durch ihre vortreffliche, bis in die kleinsten Nuancen hindurch vollendet durchgeführte schwere Begleitung sämtlicher Gesangsstücke auf dem Klavier Anspruch auf vollste Anerkennung seitens der Konzertgeber und des Publikums erworben.« - Bemerkenswert ist, daß als Gesangssolist der aus Oberkochen gebürtige Königliche Kammeriänger Anton Balluff auftrat. (Herr Schrenk berichtete anläßlich unserer letzten Hauptversammlung ausführlich über ihn - ein Bericht an dieser Stelle ist geplant).

Ein Jahr später, am 11.9.1899, finden wir einen Vermerk in der Chronik des Katholischen Kirchenchors:
». . . Herr Carl Weiger sprach anläßlich der Grundsteinlegung für die Katholische Kirche St. Peter und Paul herzlichen Dank aus für die Opfertätigkeit der katholischen Gemeinde Oberkochens sowie der Katholiken Schwabens überhaupt.«

Ein weiterer Pressebericht vom 11.5.1905 lautet auszugsweise:

Kocher-Zeitung v. 11.5.1905
»Nachdem schon vor einiger Zeit auf Anregung des Vertrauensmanns der hiesigen Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins, Herrn Oberförster Weiger, vor dem katholischen Schulhause sowie auf einer vor dem Ort gelegenen Anhöhe anläßlich der Feier des hundertjährigen Todestages des Dichterfürsten Schiller verschiedene Schillerlinden gepflanzt worden waren, wurde am letzten Montagabend, ebenfalls auf Veranlassung des genannten Herrn, im Gasthaus »zum Hirsch« unter zahlreicher Beteiligung der ganzen Gemeinde zur festlichen Begehung des Schillergedenktages ein Familienabend abgehalten. Auf einen von Frau Oberförster Weiger und Herrn Lehrer Rink flott gespielten vierhändigen Marsch von Schubert folgte der Vortrag von Goethes »Epilog zu Schillers Glocke«. In der sich anschließenden Festrede zeichnete Herr Lehrer Ulsamer ein treffliches Lebens- und Charakterbild des großen unvergeßlichen Toten, während Herr Lehrer Fünfer zum Hochhalten und zur Pflege der Ideale, besonders einer glühenden Vaterlandsliebe, aufforderte. Unter den musikalischen Darbietungen bildeten die von Fräulein Rosa Weiger (Tochter des Ehepaares Weiger, damals 22 Jahre alt) tadellos gesungenen Solis ... einen wirklichen Hochgenuß« ...

Schwierig und langwierig war es, Nachkommen des Ehepaars Weiger aufzuspüren. Bei Stadt und Kirche sowohl als auch beim Staatlichen Forstamt Oberkochen gibt es keinerlei diesbezügliche Hinweise oder Unterlagen. Das Staatsarchiv Ludwigsburg teilte mit, daß auch dort keine Unterlagen auffindbar sind - ein großer Teil der Akten sei im 2. Weltkrieg in Stuttgart verbrannt. Auf vielen Umwegen kamen wir über eine Urenkelin auf die Spur von zwei noch lebenden Enkelinnen des Ehepaars Weiger, das vier Kinder hatte - keines hiervon in Oberkochen geboren. Hierbei bemühten wir die Einwohnermeldeämter und die Standesämter von München, Ulm, Stuttgart, Herrlingen/Blaustein, Bad Godesberg, Bonn und Güstrow (ehemalige DDR).

Der Enkelin Ingeborg Fiechtner (ihr Sohn, Urs Fiechtner, Schriftsteller, erhielt kürzlich den Thaddäus-Troll-Preis), die nach längeren Übersee-Aufenthalten heute in Hörvelsingen bei Ulm lebt, verdanken wir die Todesanzeige von Carl Weiger, ein Foto des jungen Ehepaars aus ihrer Vor-Oberkochener Zeit, und eines der Familie Weiger aus dem Jahre 1907, wahrscheinlich im Garten des alten Forsthauses im Jägergäßle aufgenommen. (heute Freiwillige Feuerwehr).

Der Enkelin Edeltraut Wellhäuser aus Düsseldorf, Tochter der vorhin erwähnten 22jährigen Sängerin Rosa Weiger jr., verdanken wir die beiden in diesem Bericht wiedergegebenen Fotos, die am 21.2.1904 von einem Schwäbisch Gmünder Fotografen angefertigt wurden - also während der Oberkochener Zeit der Familie Carl Weiger.

Beide Enkelinnen kannten ihren Großvater Carl Weiger nicht persönlich - Frau Fiechtner wußte jedoch überliefert, daß ihr Großvater ein »barocker« Mensch gewesen sei - sehr umgänglich, sehr gewandt und an allem interessiert. Ein Original. Er habe »nichts ausgelassen«, und sei ein hervorragender Stammtischgast gewesen. Auch habe er etwas für hübsche Frauen übrig gehabt - was seine Schwiegermutter für »höchst überflüssig« gehalten habe. Im Schrank zuhause sei immer der »Römer« von Großvater »Tsarl« gestanden. Ihr Großvater, also unser Ehrenbürger, habe sich nämlich vorne mit einem »C» geschrieben, und man habe ihn immer »Tsarl« genannt - während ihr Vater, Dr., Professor und Oberstudiendirektor am Kepler-Gymnasium in Ulm, Karl Weiger, sich mit einem »K« geschrieben habe.

Frau Wellhäuser wußte, daß die Wohnung der Königlichen Oberförsterswitwe Rosa Weiger sen. in Ulm bei dem verheerenden Luftangriff auf Ulm im Jahr 1944 total zerstört wurde - die Ehrenbürgerurkunde sei sicher mitverbrannt. - Im selben Jahr, 1944, verstarb Frau Rosa Weiger sen. 86-jährig. Sie hatte ihren Gatten um 33 Jahre überlebt.

Anmerkung zu den Aktivitäten von Oberförster Weiger im Schwäbischen Albverein, Ortsgruppe Oberkochen.

In der Kocher-Zeitung vom 11.5.1905 ist erwähnt, daß Oberförster Weiger Vertrauensmann der hiesigen Ortsgruppe gewesen ist. Da die Oberkochener Ortsgruppe 1894 gegründet worden ist - also 2 Jahre nach Dienstantritt des Königlichen Oberförsters in Oberkochen - ist nicht auszuschließen, daß Oberförster Weiger zumindest zu den Männern der ersten Stunde des SAV, Ortsgruppe Oberkochen, zu zählen ist, wenn er nicht sogar ihr Begründer war. Leider gibt es, wie in Bericht 148 beschrieben, weder bei der Ortsgruppe noch beim Hauptverband irgendwelche Aufzeichnungen. Anmerkung zur Frage »Ehrenbürger«. Herrn Dr. Christhard Schrenk (Archivar bei der Stadt Heilbronn) verdanken wir folgende Information:

Durch ein Organisationsedikt von 1818 konnte zugezogenen Bürgern das »Ehrenbürgerrecht« zuerkannt werden. Fälschlicherweise wurden solche »Ehrenbürger« auch nach dem Ehrenbürgergesetz von 1885 als Ehrenbürger im modernen Sinn weitergeführt. Das Gesetz von 1885 definierte das Ehrenbürgerrecht neu. Hier heißt es wörtlich: (Artikel 11)

»Männern, welche sich besonders verdient gemacht haben, kann als Beweis der Anerkennung vom Gemeinderat mit Zustimmung des Bürgerausschusses das Ehrenbürgerrecht verliehen werden.« In einem Schreiben an Herrn Bürgermeister Gentsch stellt der Gemeindetag von Baden-Württemberg ausdrücklich fest, daß sich die derzeitigen Festsetzungen zur Erlangung der Ehrenbürgerwürde nicht von dem 1885 geschaffenen Gesetz unterscheiden. (Schreiben vom 23.4.1987 anläßlich der Nachforschungen zu Ehrenbürger Pfarrer Breitenbach).

Da unsere »alten« Ehrenbürger allesamt nach 1885 zu Ehrenbürgern ernannt wurden, sind sie allesamt Ehrenbürger im Sinn von § 22 der modernen Gemeindeordnung. Viele Gemeinden haben, wie bereits ausgeführt, Ehrenbürger nach dem Gesetz von 1818 noch lange nach 1885 in ihren Ehrenbürgerlisten weitergeführt, und sie erst lange Zeit später gestrichen. Unsere »alten« Ehrenbürger wurden entweder irrtümlich oder vorsätzlich schädigend aus der Oberkochener Ehrenbürger-Liste gestrichen.

Uns ist noch ein letzter so vergessener Ehrenbürger bekannt - nämlich Herr Oberförster Fröhner, Amtsvorgänger von Herrn Oberförster Weiger. Von OF Fröhner gibt es bis jetzt, trotz laufender Bemühungen, noch keinerlei Hinweise oder Bildmaterial, außer das Gemeinderatsprotokoll vom 13.4.1893, welches unter § 16 lautet:

»Der Vorsitzende (Schultheiß Bezler) trägt vor, daß Oberförster Fröhner, hier, welcher 16 Jahre lang das Königliche Revieramt, hier, versehen hat, in den nächsten Tagen von hier abziehe und seine neue Stelle in Göppingen, wohin er auf sein Ansuchen befördert worden sei, antrete.

In Anbetracht der vielerlei Verdienste dieses Beamten um die Gemeinde stellt der Vorsitzende den Antrag, dem Oberförster Fröhner das Ehrenbürgerrecht der hiesigen Gemeinde zu ertheilen.« Gemeinderat und Bürgerausschuß verfuhren entsprechend dem Antrag von Schultheiß Bezler.

In der Reihenfolge der Ernennungen lautet jetzt die vollständige Liste der »alten« Oberkochener Ehrenbürger:

13.04.1893: Oberförster Fröhner
20.08.1894: Pfarrer Franz Breitenbach
11.09.1909: Pfarrer Emil Bucher
11.11.1909: Oberförster Carl Weiger

Dietrich Bantel

 
 
Übersicht

[Home]