Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 141
 

Etwas über die Oberkochener Bahnwärterhäuschen
Bahn- und Schrankenwärterdienst

Oberkochen besaß früher zwei schienengleiche Bahnübergänge, denen je ein Bahnwärterhäuschen zugeordnet war. Dort wohnte der Strecken- und Bahnwärter mit seiner Familie. Zwar war die Eisenbahn, als sie 1864 Oberkochen erreichte und auch die Häuschen erbaut wurden, schon den Kinderschuhen entwachsen und es mußte kein Streckenwärter mehr zu Fuß oder Pferd vor jedem Zug hergehen und durch Schwenken einer roten Fahne mit Horn oder Pfeife auf den herannahenden Zug aufmerksam machen.

Dennoch war der Dienst des Bahnwärters wichtig und verantwortungsvoll. Auf der Oberkochener Strecke verkehrten 1890 je 5 Personenzüge in beiden Richtungen. Die Abfahrtszeiten waren
nach Aalen: 6.26, 8.31, 12.50, 4.28, 7.34 Uhr,
nach Heidenheim: 7.27, 11.36, 2.45, 6.12, 8.45 Uhr,
wobei man damals am Tag zweimal 12 Stunden rechnete.

Die heutige Zählung von 0.00 bis 24.00 Uhr wurde erst im Mai 1927 eingeführt. Dabei entstanden über die Frage, ob es nun »auch 13 schlagen« könne, große Kontroversen. Auf die sogenannte »Mitteleuropäische Einheitszeit« hatte man sich schon früher geeinigt. In Aalen wurden z.B. die »für das bürgerliche Leben maßgeblichen Uhren nach denen der Eisenbahn gerichtet« und in der Nacht zum 1. April 1892« behufs des Übergangs um 23 Minuten voergestellt«.

Zwischen den Zügen hatte der Bahnwärter täglich mindestens zweimal seinen Streckenabschnitt zu kontrollieren und auch kleine Handgriffe selbst an Ort und Stelle auszuführen. Deshalb gehörten Hammer und Schraubenschlüssel zu seiner Ausrüstung. Dazu kam noch die Bedienung der Bahnschranken, wenn das Läutwerk ein entsprechendes Zeichen gab. Waren die Schranken geschlossen, setzte der Bahnwärter seine Dienstmütze auf, nahm Haltung an - dem Zug könnte ja ein Salonwagen mit hohen Herrschaften angehängt sein - und beobachtete den vorüberbrausenden Zug. Daß in der umgehängten Diensttasche wohlverwahrte »Knallkapseln« sich befanden, ist keine Legende, daß damit aber auf der Oberkochener Strecke bei Gefahr je ein Zug zum Halten gebracht worden wäre, ist nicht bekannt.

Da das Einkommen eines Bahnwärters nicht üppig war, mußte in der Freizeit - und vor allem von der Bahnwärtersfrau - Gartenbau und etwas Landwirtschaft betrieben werden. Jeder Bahnwärter hatte eine oder mehrere »Bahnwärterskühe«, sprich Ziegen und meist auch Hühner und Hasen.

1890: Bahnwärter vom Zug überfahren
Am Abend des 13. März 1890 war der Oberkochener Bahnwärter Engel vom Posten Nr. 8, dem in Richtung Aalen liegenden Bahnwärterhaus, auf seinem Dienstgang. Um 7.34 Uhr - heute würde man 19.34 Uhr sagen - sollte der beschleunigte Personenschnellzug von Ulm nach Aalen (er führte Wagen 1., 2., 3. Klasse) im Bahnhof Oberkochen abfahren. Da der Zug etwas Verspätung hatte, wollte Bahnwärter Engel als pflichtbewußter Beamter noch auf der anderen Seite des Übergangs die Warnleuchten aktivieren, denn um Öl zu sparen, waren tagsüber die Dochte soweit als möglich zurückgedreht. Offenbar kam dann der Zug doch rascher als gedacht heran, »Engel wurde von demselben erfaßt und mit solcher Wucht auf die Seite geschleudert, daß der Unglückliche einen Schädelbruch, einen Bruch des linken Beines und verschiedene Rippenbrüche erlitt, wobei der Tod alsbald eintrat«, so schildert die Aalener »Kocher-Zeitung« den Hergang des Unglücks und fährt fort: »Die Frau, durch das längere als sonst gewohnte Ausbleiben ihres Mannes beunruhigt, suchte nach demselben und fand ihn alsbald tot am Bahnübergang liegend. Engel war ein pflichteifriger, ruhiger Mann; er hinterläßt eine Witwe und drei erwachsene Kinder«.

Nachfolger
Der Nachfolger des am Posten Nr. 8 Verunglückten war Bahnwärter Traber. Von diesem übernahm 1898 Johannes Vogel, selbst Sohn eines Bahnwärters und allgemein nur »Hans« genannt, den Schrankenwärterdienst. Er stammte aus Hohenberg, seine Frau war aus Schwabsberg gebürtig, wo sie 1899 heirateten. Der jüngste Sohn Ulrich erzählte über den Dienst seines Vaters: »Die Tagschicht meines Vaters dauerte von 1/2 5 Uhr früh bis 6 Uhr abends. Dann machte meine Mutter die Nachtschicht bis 11 Uhr nachts«. Zum Dienst gehörte die Bedienung der Schranken und je einmal am Vor- und Nachmittag war die Strecke abzugehen. Der zum Posten Nr. 8 gehörende Streckenabschnitt reichte vom Einfahrtssignal beim Bahnhof bis kurz vor die Spranzenmühle bei Unterkochen, während sich der südliche Abschnitt von der Bahnhofausfahrt bis zum Seegartenhof erstreckte. Am zugehörigen Posten Nr. 9 waren die Bahnwärter Hauber und später Haßler eingesetzt.

Die Enden der Streckenabschnitte waren durch sog. Kontrollstöcke markiert. An diesen mußte der Bahnwärter morgens eine viereckige, nachmittags eine runde Blechtafel aufhängen als Beweis dafür, daß er seinen Kontrollgang pflichtgemäß absolviert hatte.

Zur Aufbesserung des Einkommens betrieben auch die Oberkochener Bahnwärter neben ihrem verantwortungsvollen und auch nicht ganz ungefährlichen Dienst Landwirtschaft auf den von der Bahn gepachteten Abhängen und Grünstreifen entlang der Schienen. Und »wir Kinder«, so erzählte Herr Vogel, »mußten immer den Geleisen entlang die »Katzenschwänze« und anderes Unkraut herausziehen, damit stets alles sauber war«. Ob die Kinder dafür etwas bekommen hätten, war die Gegenfrage. »Nein, wir halfen so mit und als ich später nach Aalen in eine Schreinerlehre kam, erhielt ich 50 Pfennig in der Woche«.

Nach Johann Vogel übernahm Karl Bayer den Bahnwärterposten. Ihm folgten später als Bahnwärtersleute Familie Josef Kiz.

Feldkreuz und Bettelbrunnen
Herr Vogel berichtete u.a. auch über das Feldkreuz im Kreuzwasen, das heute an der Kleingartenanlage in Höhe des alten Bahnübergangs steht: »1915 hat ein Sturm das alte Kreuz umgeworfen. Mein Vater ließ von Schlosser Schieber in Aalen ein neues Kreuz herstellen. Den Stein, auf dem es aufgerichtet wurde, holte Müller Elser aus einem frühen im »Langen Teich« vorhandenen Steinbruch. Gemauert hat das Ganze der spätere Totengräber Eugen Schaupp im Kriegsjahr 1916«. Seit wann das Vorgängerkreuz existiert hatte, war nicht zu ermitteln. Ob es als Gedenkkreuz für den 1888 verunglückten Bahnwärter Engel aufgestellt worden war?

Im Zusammenhang mit dem Bahnwärterhaus ist in BuG vom Januar 1954 eine andere offene Frage angesprochen: »Unterhalb des Bahnwärterhauses an der Straße nach Unterkochen«, so wird geschrieben, »befinden sich die Reste eines alten Brunnens, der im Volksmund »Bettelbrunnen« genannt werden soll ... Es wäre interessant, warum der Brunnen so bezeichnet wird. Wer näheres darüber weiß, möge dies dem Bürgermeisteramt mitteilen«. Offensichtlich sind keine Antworten eingegangen, da die Sache später nicht mehr erwähnt wurde, obwohl ein Vertrag, der im Jahre 1901 mit der Stadt Aalen über deren Quellfassungen abgeschlossen wurde, die »spätere Unterhaltung des Brunnens für alle Zeiten der Gemeinde Oberkochen« übertragen hatte.

Andere Unfälle
Übrigens: Bahnübergänge waren durchaus Gefahrenquellen. Am selben Tag, als der Oberkochener Bahnwärter Engel verunglückte, kam an einem Wasseralfinger Bahnübergang eine Frau ums Leben. Am 25. Januar 1892 verlor der Lauchheimer Handelsmann Kaufmann - wohl ein Namensvetter des durch die Geschichte mit dem entlaufenen Stier im Herbst 1892 bekannt gewordenen Viehhändlers David Kaufmann (BuG-Bericht Nr. 121) - am südlichen Oberkochener Bahnübergang sein Leben. »Er wurde vom Zug überfahren und erlitt solche Verletzungen, daß er bald darauf den Geist aufgab« (Aalener Kocher-Zeitung vom 27. Januar 1892).

Das Bild aus der Sammlung von Foto Stelzenmüller (Original im Besitz von Fam. Vogel) entstand in den frühen zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts. Es zeigt den Bahnwärter Johannes Vogel (1867 - 1947) mit der jüngsten Tochter Johanna und Erwin Betzler, einem späteren Schwiegersohn. (Herr Betzler konnte Anfang Juli dieses Jahres seinen 91. Geburtstag feiern: Nachträglich noch herzliche Glückwünsche!).

 

Wohltätig ist das Feuers Macht ...
so schreibt Bürgermeister Bosch in BuG vom 15. Februar 1974 über das Ende des zum Streckenposten Nr. 8 gehörenden Bahnwärterhäuschens. Mit Fertigstellung der Oberkochener Umgehungsstraße und der Aufhebung der beiden schienengleichen Bahnübergänge Ende November 1960 waren Posten und Häuschen überflüssig geworden. Im Gegensatz zum Bahnwärterhaus am südlichen Oberkochener Bahnübergang, das in Privatbesitz überging und hübsch ausgebaut wurde, ist das auf dem Foto gezeigte nördliche Bahnwärterhaus nicht mehr vorhanden. In den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 schwer beschädigt, wurde es zwar danach wieder bewohnbar gemacht. Da das Häuschen auf einem Grundstück erbaut war, das der Stadt Aalen gehörte und innerhalb deren Wasserschutzzone lag, drängte Aalen seit 1959 auf seine Beseitigung. Die Oberkochener Verwaltung dagegen wollte es wegen der herrschenden Wohnungsnot möglichst lange erhalten. Dies gelang bis ins Jahr 1974 hinein. Doch dann kam das endgültige »Aus«: Im Februar 1974 wurde das Haus bei einer Feuerwehrübung »heiß abgebrochen«. »Den Rest«, so schrieb Bürgermeister Bosch damals, »werden in den nächsten Tagen die Planierraupen besorgen. Dann ist ein weiteres Kapitel Oberkochener Eisenbahngeschichte endgültig abgeschlossen«.

Volkmar Schrenk

Nachtrag zu Bericht 141
»Etwas über das Bahnwärterhäuschen«

Von Herrn Anton Feil, Bahnhofsvorstand i.R., erhielten wir zu obigem Bericht folgende ergänzenden Mitteilungen:

Die Nachfolge von Schrankenwärter Vogel hat Karl Bayer am 25.5.1928 angetreten. Nach seiner Zurruhesetzung am 30.9.1954 folgte am 11.10.1954 Josef Kriz, der dort bis zum 15.12.1959 Dienst tat.

Vom 16.12.1959 bis zur Aufhebung des Wärterpostens am 25.10.1963 war Clemens Blank Schrankenwärter auf Posten 8.

Am 26.1.1963 ging das Wärterhaus in den Besitz der Gemeinde Oberkochen über. Es wurde bis zum Jahr 1974 wohnlich genutzt.

Verbunden mit einer Feuerwehrübung wurde das Wärterhaus am 11.2.1974 - wie schon richtig erwähnt - »warm« abgebrochen.

Zur Erläuterung: Bei der Nummerierung an der Bahnlinie zählt jede Betriebsstelle. So hatte der Bahnhof die Nr. 9, das ehemalige Bahnwärterhaus in Höhe der Fa. Günther und Schramm (es wurde beim Bau der Umgehungsstraße abgebrochen) hatte die Nr. 10 und der frühere Übergang Hauber - Hassler (heute Hut) die Nr. 11. Am Seegartenhof (Birkach) Posten 12 usw.

Dietrich Bantel

 
 
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