Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 135
 

Zum 100. Todestag von Lehrer Ferdinand Gutmann (21.4.1891)

»Vom Oberen Kocher. Still und einsam, eingeschlossen in seine Bergesriesen und durchschlängelt von der silberhellen Kocherquelle, liegt das Dörflein Oberkochen, wartend besserer Tage, wo das eisige Winterkleid dem herrlichsten Grün weichen muß. Mitten in dieser Einsamkeit erfreut uns nun schon das dritte Jahr der katholische Kirchenchor mit herrlichen

Theateraufführungen«,

so lesen wir in der »Kocher-Zeitung« am Sonntag, 25. Dezember 1887. Anlaß, über Theateraufführungen aus damaliger Zeit zu berichten ist aber der 100. Todestag (21. April 1891) des Mannes, dem Oberkochen diese Aufführungen zu verdanken hatte: Lehrer Ivo Ferdinand Gutmann, der »als wahrhaft christlicher Mann, als kenntnisreicher Schullehrer und guter Musiker zwölfeinhalb Jahre« in Oberkochen gewirkt hatte.

Kath. Kirchenchor und Cäcilienverein
Der katholische Kirchenchor war 1827 von Pfarrer Lauth und Lehrer Balluff (Vater des späteren Hofopern- und Kammersängers Anton Balluff) gegründet worden.

Um den Kirchenchor finanziell und ideell zu unterstützen, bildete sich ca. 50 Jahre später der sogenannte »Cäcilienverein«. Dieser war das Dach, unter dem geistliche und weltliche Chormusik, aber auch Theaterspiel gedeihen konnten, vorausgesetzt, daß tüchtige Dirigenten und Regisseure in Person des jeweiligen Schulmeisters vorhanden waren. Diesen Glücksfall gab es in Oberkochen in den achtziger Jahren. Es war Lehrer Gutmann, der »Spiritus rector« der Theatergruppe, ein vielseitiger Mann, hochmusikalisch und ein guter Lehrer und somit würdiger Nachfolger von Konrad Balluff.

»Stern von Bethlehem«,
so hieß das im Jahr 1887 aufgeführte Stück. Die Berichte darüber rühmen Beleuchtung des Sterns durch »bengalisches Feuer« - nicht ganz ungefährlich! - »Prachtvolle Kostüme, die von Lehrer Gutmann präzis eingeübten Lieder, die lebenden Bilder mit Engeln, Hirten, der heiligen Familie und den Königen aus dem Morgenland«, - und den an Herodes gerichteten Worten des Satans »lauschten die Zuhörer mit Schaudern«.

1888: »Die Bitte der Königin Esther«
»... der hiesige Ort darf sich seit einigen Jahren geistlicher Festspiele erfreuen. Herrliche, genußreiche Abende wurden uns durch die Aufführung »Die Bitte der Königin Esther's in den hinter uns liegenden Feiertagen zuteil«, so schreibt die Aalener »Kocherzeitung« am Sonntag, den 15. Januar 1888.

1889: Nach Oberkochen ins Theater per Eisenbahn und zu Fuß
»Am letzten Sonntag brachten die Eisenbahnzüge zahlreiche Besucher nach Oberkochen, viele Besucher machten einen Spaziergang nach unserem Orte. Den Anziehungspunkt bildete das biblische Schauspiel »Moses«. Die Rollen aller Mitwirkenden sind gut ausgeführt; durch sicheres und gewandtes Auftreten, durch fließend reinen Vortrag werden die Anwesenden ganz in die Zeit der Israeliten versetzt ...«, so berichtete die Zeitung am 26. Januar 1889 über die »Produktion« des Jahres 1889, die an vier Sonntagen in der Restauration Schellmann über die Bühne ging.

Gastspiele in Westhausen
Einen lebendigen Eindruck von der Qualität der Theateraufführungen vermittelt der Bericht vom 9. Februar 1888 über eine Vorstellung, die in Westhausen stattgefunden hatte:

»...Das Spiel war so natürlich, so sicher und ruhig, die Deklamation so tonrichtig, deutlich und ansprechend, die Gesänge so erhebend, die Kostüme so passend und prachtvoll, die Dekoration der Bühne so dem Spiel angepaßt, daß sich jeder Zuschauer darüber klar war, daß hier mit ganz besonderem Verständnis dirigiert und ausgeführt werde und daß der Kunstgenuß kein gewöhnlicher, sondern als ein auf dem Lande höchst selten zu findender zu bezeichnen sei.«

Nach einer Beschreibung des Spielverlaufs werden einzelne Spieler, »rühmend namhaft gemacht: Pia Gutmann als Esther, Franz Grupp als Assuerus, Anton Balle als Mardochäus, Josef Bezler als Aman und Anton Schellmann als persischer Fürst. Alle Achtung und Anerkennung deren Leistungen! Ganz besonderes Lob aber dem sachkundigen, geübten Leiter des Ganzen, dem Herrn Lehrer Gutmann!«

Der Pfarrer von Westhausen, ein Oberkochener
Warum spielte die Oberkochener Truppe - übrigens schon zum zweiten Mal - in Westhausen? Es mußten (wie in der Festschrift des katholischen Kirchenchors von 1977 nachzulesen ist) immerhin 27 Personen mit dem Zug dorthin fahren, wofür aus der Vereinskasse 33 Mark und 40 Pfennige für »25 Billette III. Klasse und 2 Billette II. Klasse« zu berappen waren; außerdem waren Ausrüstung und Requisiten per Fuhrwerk zu transportieren. Die Antwort können wir der Zeitung entnehmen: Der »hochwürdige Pfarrherr von Westhausen« war gebürtiger Oberkochener: Johann Michael Anton Hug, ältester Sohn des Hafners Johann Michael Hug und seiner Frau Katharina Cäcilie geb. Friz. Am 15. Oktober 1825 geboren war er 1847 Priester geworden und von 1883 bis zu seinem Tode 1892 Pfarrer in Westhausen gewesen.

Vor hundert Jahren gab es also in Oberkochen eine leistungsfähige Theatergruppe, die vor allem Stücke mit geistlichen Themen spielte und deren Ruhm weit über Oberkochen hinausreichte. Somit hat der Reporter aus dem Jahre 1891 recht, wenn er schreibt:

»Oberkochen hat das seinige getan, dem Publikum nichts gewöhnliches, sondern höchst kunstvolles zu bieten, und es gereicht ihm zur größten Ehre, daß es unter allen Landorten solches gewagt hat ... .«

Zum Bild: Lehrer Gutmann war seit 1878 Nachfolger von Schulmeister Morassi. Nach ihm kam 1892 Lehrer Schneider. Gutmann leitete den katholischen Kirchenchor und erteilte auch Unterricht an der 1880 von Oberkochener Hafnern gegründeten »Industrie- und Zeichenschule« (die Gemeinde hatte dafür keine Mittel aufbringen können). Im Jahre 1891 wurde sein Gehalt wegen »Vermehrter Bemühungen zur Pflege kirchlichen Choral- und Kunstgesangs« um 50 Mark erhöht.

Theaterzettel einer Aufführung »Der Stern von Bethlehem«, 1887

Volkmar Schrenk

 
 
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